Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-08-02 · 18 (2.8.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
18 (2.8.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-08-02
Page
Seite 69 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176036--09665-9082574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 69 Bei Schmiels letzten Worten blieb Mordechai betroffen sitzen. Er schaute Schmiel an und wunderte sich im stillen, warum er ihn eigentlich nicht ohrfeigte; dabei wollte er gar nicht wissen, wer der wahre Verfasser des Sohar gewesen sei, und hatte das Gefühl, wenn er es erfahre, höre er auf, Jude zu sein. Plötzlich kam ihm Reb Itsche in den Sinn; er vergaß alles und ließ Schmiel nicht weitersprechen. „Hör einmal, voriges Jahr im Winter bekam Reb Itsche in den Wald ein Buch geschickt, das hieß, glaube ich, ,Die Geschichte eines Erzlumpen4. Als Reb Itsche das Buch bekam, wurde er sehr erregt; er beendete nicht mehr die Seite der Gemara, die wir zusammen lernten. Mir sagte er, das sei eine Schrift Jakob Emdens über den Kabbalisten Rabbi Jonathan und bat mich, niemanden in sein Zimmer zu lassen, bis er das Buch ausgelesen habe. Bevor er sich an die Schrift machte, betete er mit Tränen in den Augen zu Gott, es möge in ihm nichts haftenbleiben, was etwa in der Schrift Schlechtes über Rabbi Jonathan gesagt sei. Einen Tag und eine Nacht saß er bei dieser Schrift, und als er dann aus seinem Zimmer kam, war er gut gelaunt, dankte Gott dafür, daß in ihm nichts davon haftengeblieben war, und mir sagte er, es sei eine schlechte Schrift, die ein Jude nicht lesen dürfe.“ „Ich habe diese Schrift gesehen“, sagte Schmiel lächelnd. „Es ist möglich, daß Jakob Emden ein wenig übers Ziel geschossen hat, aber recht hatte er. Jeder Unsinn wird bei ihnen zum Thorageheimnis! Da habe ich ein Büchlein bei mir.“ Schmiel zog einige alte, nicht gebundene Blätter aus der Tasche. „Der Verfasser davon ist ein Lehrer des Rabbi Jonathan, er ist ein Anhänger des Sabbatai Zewi, ein Mensch, der sich einen Harem Weiber gehalten hat; da bringt so ein Kerl die ordinärsten Gemeinheiten zusammen und macht daraus ,metaphysische Kräfte eines Auserwählten4. Da lies, sieh, wie weit man gekommen ist; das ist schlimmer als Götzendienerei, das ist Unzucht.“ Mordechai las die Stelle, die ihm Schmiel aufgeschlagen hatte. Er sah in Schmiel einen Versucher, der ihm den Weg vertrat, ihn reizte und die sonderbarsten Dinge ausfindig machte, um ihn zu quälen und in den Abgrund zu locken; aber er wollte nicht zugeben, daß er schon begonnen hatte, anders zu sehen als vorher und sagte fast zornig: ..Es kommt immer darauf an, mit welcher Absicht man an etwas geht! Du bist ein schlechter Mensch, Schmiel, und deine Absicht ist nicht rein ...“ „Weißt du wenigstens, daß das reiner Unsinn ist?“ unterbrach ihn Schmiel. „Es ist möglich,“ antwortete Mordechai geradeaus, „du aber weißt, daß es Unsinn ist. Nun sitze ich mit dir mehr als eine Stunde, höre deine geistreichen Reden an und weiß nicht, was du willst, weiß nicht, mit wem ich spreche ... Was nützt mir die Klugheit, wenn hinter ihr die Welt des Bösen verborgen sein kann!“ Mordechais letzte Worte brachten Schmiel ganz aus der Fassung; er wich Mordechais Blick aus, tat, als hätte er nicht gehört, und fuhr stotternd fort: „Also, hatte Jakob Emden nicht recht? All das, glaube mir, kommt vom Sohar. Wie ich dir früher gesagt habe, der Sohar sei nicht von Rabbi Simon Ben Jochai, da bist du so aufgefahren, daß ich meinte, du würdest Weggehen und mich allein lassen. Tröste dich, mir ist es auch nicht besser gegangen! Willst du noch einen Beweis? Du erinnerst dich, daß wir beide das Buch ,Megaleh temirim4 (Enthüllung des Verborgenen) studiert haben; du findest es in jedem chassidischen ,Stübel‘ und jeder Chassid ist überzeugt, das sei ein altes heiliges Buch, geschrieben von Gott weiß welchem Tanai! Und wenn ich dir nun sage, daß dieses Buch noch keine zwanzig Jahre alt ist und daß es kein Tanai, sondern ein Jude aus Galizien geschrieben hat? He, was sagtst du nun? Wenn das möglich ist, warum sollte es nicht möglich sein, daß Rabbi Simon Ben Jochai nicht der Verfasser des Sohar ist? Ich mache wirklich keinen Spaß! Dein Großonkel Reb Jossel kennt den Verfasser des erwähnten Buches. Es ist ein Jude aus Tarnopol, ein reicher Aufklärer. Kann es einen großartigeren Witz geben? So muß man Zusehen, wie ein Volk von Tag zu Tag mehr in Dummheit versinkt und untergeht; kann man da gleichgültig bleiben? Alles jüdische Wesen ist für die Chassidim im ,Thron4 beschlossen und um ihn schlägt man sich fortwährend herum, denn jeder will Rabbi werden. Wenn du nur wüßtest, was Dowidl angestellt hat! Er war doch einer von der Gesellschaft, die ihre Frauen untereinander ausgetauscht haben, und es heißt, seine älteste Tochter, Daniels Frau, sei nicht von ihm. Und Daniel? Glaubst du, der barfüßige Israel hätte gelogen? Nicht im mindesten. Mehr als ein Chassid kann dir sagen, daß Daniels Frau — ich kenne sie — eine Halbverrückte ist und nicht, wie Daniel sagt, ein Abbild der Göttlichkeit, und daß man, wenn man es mit ihr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.