Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 18 (2.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-02
- Page
- Seite 70 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176036--09666-9082575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
70 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 18 zu tun hat, einer Unreinheit dient; ist Daniel also besser als Jakob Frank? Der hatte eine heilige Awatscha und Jonathan Eibenschitz’ Urenkel hat eine Frau, die er für ein Abbild der Göttlichkeit erklärt...! Und solche Leute sollen uns den Weg zeigen, sollen die ganze Judenheit an der Nase herumführen?“ Im Eifer hatte sich Schmiel von seinem Sitz erhoben, setzte sich aber wieder nieder und schlug die Hände zusammen: „Hinaus aus diesem Sumpf muß man, fort, nach Berlin oder Frankfurt am Main. Dort gibt es auch große Lehrhäuser, und in ihnen kann man außer den jüdischen Wissenschaften auch anderes lernen. Und wenn wir zurückkommen, müssen wir uns an die Jugend machen. Die Alten sind schon verloren, sie brauchen keine Innerlichkeit, wenn nur Schnaps da ist! Wir müssen mit der Jugend beginnen, vorher aber müssen wir selbst viel lernen. Es gibt hier einige aufgeklärte junge Leute, wir kommen einige Male in der Woche zusammen, lesen und debattieren mitsammen. Wenn du willst, kannst du auch kommen. Ist es nicht zum Lachen? In Kozk, unter der Nase des Rabbi, haben wir den sichersten Platz. Keinem fällt es ein, uns in Verdacht zu haben. Weißt du, es ist ein schlechtes Zeichen, daß die jüdischen jungen Leute nicht mehr in die Welt gehen. Einstmals strömte man von Polen in die Lehrhäuser Frankreichs und Spaniens. Von Deutschland nicht zu reden! Jede große Stadt hatte ihre Gaonim, Gelehrten und Lehrhäuser. Oft glaube ich, wenn ich heute nach Metz käme oder nach Worms, so würde ich dort noch bekannte Gesichter treffen und die Gassen und Häuser und ihre Lehrhäuser so kennen, als käme ich in meine Geburtsstadt zurück, die ich als Kind verlassen habe. Und ich bin doch nie dort gewesen. Jeder Stein, jeder Friedhof ist ein Stück jüdischen Lebens...“ Mordechai sah einen anderen Schmiel vor sich und wunderte sich, woher dieser Mensch soviel Liebe und Ehrfurcht vor einem Friedhof und soviel Haß und Wut gegen das Lebendige hatte. Schmiel schwieg und warf ab und zu einen Blick auf Mordechai; er war sicher, ihn gewonnen zu haben. Plötzlich fuhr er auf, als hätte er etwas vergessen: „Ja, ich habe eine kleine Bitte an dich!“ „Was?“ „Da dein Verwandter Reb Jossel ein alter Aufklärer ist, wäre es dir vielleicht möglich, von ihm einen Empfehlungsbrief für mich nach Berlin zu bekommen, zu... könntest du mich vielleicht bei ihm einführen:...“ „Gut.“ Mordechai war froh, etwas für Schmiel tun zu können. „Ich will noch heute mit ihm über dich sprechen.“ Beim offenen Fenster stand die Tochter des Schankwirts und plauderte mit zwei Mädchen. Fines der Mädchen, die draußen standen, zeigte auf Mordechai mit dem Finger: „Ein schöner Bursche! Fangen wir mit ihm ein Gespräch an!“ ,,Er scheint nicht arm zu sein“, sagte des Schankwirts Tochter. . Mordechai lächelte; ohne es zu wollen, klopfte er mit der Gabel an den Teller. Das Mädchen trat an den Tisch. „Wieviel habe ich zu zahlen?“ fragte Mordechai. „Ihr hattet eine halbe Ente, einen Krug Wein, sonst noch etwas?“ Das Mädchen sah ihm so fest in die Augen, daß Mordechai ganz' verlegen wurde. „Semmeln.“ „Fünf Gulden“, sagte das Mädchen mit kokett gespitztem Munde. Ein Jude mit einem Korb grüner Schoten trat ans Fenster. Eines der Mädchen, welche auf dem Hofe standen, kaufte für einen Groschen Schoten und rief: „Fang auf, Temre!“ Ehe sich des Schankwirts Tochter noch umdrehen konnte, flogen etliche Schoten Mordechai ins Gesicht. Die Mädchen versteckten sich lachend. Aus der-Kammer trat ein alter Pole. Sein Gang schwankte; er trat der Wirtstochter in den Weg. „Panna Rachela, ich muß dir einen Kuß geben!“ „Ich werde dem Pan die Augen auskratzen.“ „Du willst nicht?“ Der Alte glotzte sie lüstern an und umarmte sie. —• „Es muß dir eine Ehre sein, wenn ich, der hochwohlgeborene Herr Karpinski, der Tochter eines Schankwirts einen Kuß geben will!“ Mordechai trat dazwischen: „Besoffene haben schlafen zu gehen!“ „Du Kaftanträger, du wagst es? He, Stach!“ Aus der Kammer trat ein junger Pole. „Schieß ihn nieder, Stach, schieß ihn nieder, den krätzigen Juden, er hat deinen Vater beleidigt und das alte Wappenschild der Karpinskis, schieß ihn nieder, Stach, wie einen Hund! Ich gebe dir Geld, daß du nach Amerika flüchten kannst, schieß ihn nieder!“ Der Wirt bat den jungen Mann, er möge den Vater wegführen, küßte ihm die Hand und fuhr Mordechai an. Fortsetzung folgtt