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Das jüdische Echo · 1929-08-02 · 18 (2.8.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 68

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
18 (2.8.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-08-02
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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68 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 18 lind läclitelte. „Du weißt ja, was ich meine! Also ich will dir sagen,“ Schmiel richtete sich plötzlich auf und wurde ernst, „daß Tausende von Chassidim Frauen und Kinder ohne Groschen zurücklassen und selbst zum Rabbi wandern, um dort ein besseres Leben führen zu können; dir muß ich doch das nicht erst erzählen... Der größte Teil von ihnen weiß doch gar nicht, was ein Rabbi ist! Sie wissen nur, daß man beim Rabbi aller Sorgen los ist. Essen bekommt man, an einem Gläschen Schnaps fehlt es auch nicht, wozu soll man also bei Frau und Kind sitzen und sich plagen, wenn dort beim Rabbi das Leben viel leichter ist? Wenn die Chassidim wenigstens lernen würden? Aber sie lernen ja nicht. Spintisieren nur fortwährend. Versuchs einmal, im chassidischen ,Stübel‘ ein Kapitel aus der Bibel zu lernen; sie werden dich ansehen, als wärest du ein Ungläubiger, und bist du ein armer Kerl, so bekommst du noch obendrein Prügel. Das ist schon mehr als einmal vorgekommen! Der ,Hof seinerseits hat ja recht, daß er das Bibelstudium nicht zuläßt. Denn vertiefst du dich in die Propheten, so entfernst du dich gleich vom Chassidismus und hörst auf, an den Rabbi als einen Heiligen zu glauben! ...Wenn ein polnischer Geistlicher — bei allem Unterschiede zwischen diesen beiden —• bei einem Bauern eine Bibel findet, nimmt er sie ihm weg. Das kommt daher, daß der Pfaff genau so Angst hat wie der ,Hof‘ — er fürchtet, der Bauer werde aufhören, an den Geistlichen zu glauben, wenn er sich in die Bibel vertieft.“ Schmiel trank sein Glas leer und fuhr fort. „Der Sohar ist doch bei ihnen heiliger als die Thora! Und glaubst du, daß sie den Sohar verstehen? Es ist bei ihnen üblich, mit Soharwcrten herumzuwerfen, auch wenn sie keine Ahnung davon haben! Ein wahrer Jude, der an die Einheit des Schöpfers glaubt, darf gar nicht den Sohar studieren! Denn im Sohar steht, daß Juden an die Dreieinigkeit glauben. Wie kann ein Jude, welcher jeden Tag die Glaubensartikel sagt, den Gedanken zulassen, daß mit dem Satze: ,Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig4, die Dreieinigkeit gemeint ist? Wodurch unterscheiden wir uns da von den Christen? Nun frage ich dich: Ist das nicht Götzendienerei? Im Sohar steht, daß Gott, gelobt sei er, einen Körper und Gelüste hat wie, bei allem Unterschiede zwischen beiden, ein Mensch ...“ Mordechai verstand das Lächeln nicht, das auf Schmiels linker Gesichtshälfte lag; er wollte ihm nicht durchgehen lassen, daß er soeben eine schlimme Verleumdung gegen den Sohar vorgebracht hatte, und litt schwer darunter, daß er ihm nicht antworten konnte. Etwas dämmerte in ihm auf, und er war dessen sicher, daß Schmiel Unrecht habe, daß es sich da nicht um etwas handle, was verstandesgemäß begriffen werden kann; nein, Schmiel hatte zuviel Verstand! Mordechai faßte Schmiel bei der Hand und unterbrach seine Rede; zugleich fühlte er, sein Gedanke habe sich zu weit ausgesponnen und sei ihm ganz entschwunden; aber er konnte nicht schweigen, sein Trotz bäumte sich auf, und, als wolle er sich von Schmerzen durch Sprechen befreien, sagte er etwas, worüber er überhaupt nicht nachgedacht hatte: „Das gleiche hast du doch nicht nur bei den Propheten, sondern sogar bei den Tanaim! Wenn Gott Moses den Gebrauch der Tefillin gezeigt hat, wird es da jemanden einfallen, zu behaupten, Gott lege Tefillin?“ „Ach,“ unterbrach ihn Schmiel mit einer Ilandbewegung, „das ist etwas ganz anderes! Alle die Stellen in der Bibel, wo über Gott wie von einem Menschen gesprochen wird, erklärt Ibn Esra, sind bildlich gemeint; und Maimonides geht noch weiter, indem er sagt, der Ausdruck, daß Gott Moses den Gebrauch der Tefillin gezeigt habe, bedeute in übertragenem Sinne, daß Moses alles,, was unter Gott steht, alle Stufen, die zu ihm führen, werde begreifen können. Nur Gott selbst, im abstraktem Sinne, werde kein Mensch je in seine Vorstellung aufnehmen... Das ist doch ein schöner Gedanke... Das hat einen tiefen Sinn. Und wenn du willst, so kannst du die Erzählung über den Gebrauch der Tefillin, den Gott Moses gezeigt hat, als ein Gleichnis, das man nicht weiter zergliedert, auffassen. Aber bei ihnen, bei den Chassidim, gilt doch die kleinste Dummheit im Sohar als Thoraweisheit! Sogar Jakob Emden, du weißt das wahrscheinlich nicht, hat schon gesagt, daß viele Stellen im Sohar eingeschmuggelt sind. Es ist nicht leicht, mit einer ganzen Welt Krieg zu führen, aber noch schwerer ist es, mit den Toten zu kämpfen. So ist Emden auch in offenen Krieg mit Jonathan Eibenschitz geraten.“ „Mit Reb Daniels Urgroßvater?“ „Ja, Jakob Emden beschuldigte ihn der Zauberei und Götzendienerei und daß er einer von den Anhängern des falschen Messias Sabbatai Zewi sei. Aber da ja nach dem Talmud dieser Streit zu Ehren Gottes ging, erfüllte sich sein wahrer Zweck — es ist nämlich heute unbestritten, daß der Verfasser des Sohar nicht Rabbi Simon Ben Jochai war, das weiß man heute bereits sicher ...“

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