Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- Seite 461 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Das jüdische Echo 461 Ich erinnere mich, wie Herzl wiederum wünschte, mir die Delegiertennadel anzustecken und wie ich ihm sagte, daß ich, obwohl ich diesen seinen Traum für einen herrlichen halte, ihn doch als Ausgeburt einer Einbildung betrachte und als ein praktischer Mensch ihn nicht unterstützen könne. Herzls Persönlichkeit jedoch gewann mehr und mehr Einfluß auf mich, wie tatsächlich auf jeden, mit dem er in Berührung kam. Ich habe bereits gesagt, daß er mir wie ein König in Isral eschien. Ich hörte, daß nach seinem Besuch bei dem türkischen Sultan dieser gesagt haben soll: „Es scheint mir, daß Jesus Christus ausgesehen haben muß wie dieser Mann.“ Als später Herzl bei Joseph Chamberlain war, glaube ich, daß dieser von seiner Persönlichkeit einen ähnlichen Eindruck gewann, und ich zweifle nicht daran, daß jeder Erfolg, den Herzl erreichte, dem unerhörten Eindruck zuzuschreiben ist, den er persönlich auf alle Menschen machte, mit denen er zu tun hatte, auf Menschen jeder Klasse und Rasse, ob es nun russische Studenten auf den Kongreß-Galerien waren, Droschkenkutscher in London, alte Obstweiber auf den Straßen irgendeiner Stadt oder Wunderrabbis aus dem Ghetto — alle schauten auf zu ihm mit einem Ausdruck in ihren Augen, als ob sie von irgend etwas aus einer anderen Welt gestreift worden seien. Zum 3. Kongreß kam ich, nachdem ich Herzl in der Zwischenzeit wiederum getroffen hatte, das erstemal als Delegierter; ich hatte mich überzeugt, daß: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Von diesem Kongreß ab wurde ich ein glühender Bewunderer und Gefolgsmann Herzls, und zwar infolge eines kleinen und trivialen Vorfalls, dem ich jedoch das Größte in meinem Leben verdanke — Herzls Freundschaft. Ich war zum Mitglied einer Kommission ernannt worden, die über Organisationsfragen zu berichten hatte. Kaum hatten wir nachts um 10 Uhr unsere Sitzung begonnen, als Herzl plötzlich kam und erklärte: „Ich brauche eueren Bericht morgen vormittag. Er ist der erste Punkt auf der Tagesordnung.“ Der Vorsitzende der Kommission sagte: „Ganz unmöglich“ —• wir hatten gerade angefangen und mußten uns zum mindesten zwei bis drei Tage mit den Dingen beschäftigen, bevor unser Bericht fertig sein konnte. Aber da stand ich auf — es war eine heiße Nacht — zog meinen Rock aus und sagte: „Los Jung’s. Unser Führer braucht’s; wir werden’s schaffen, wenn wir die ganze Nacht darüber bleiben!“ Und wir schafften’s. Später erzählte mir Herzl, daß der Umstand, daß ich meinen Rock auszog, ihm gezeigt habe, daß ich ein Mann sei, auf den man sich verlassen könne. Es gab auch andere dieser Art —■ wir alle, die wir ihn liebten — Wolffsohn (ihn konnte in der Verehrung niemand übertreffen), Alexander und Oskar Marmorek, Ascher Kokesch, Max Mandelstamm aus Kiew, Gustav Cohen aus Hamburg, L. I. Greenberg, Katzenelson aus Libau — all sie und viele andere mehr waren immer bereit zu gehorchen und ihm zu helfen. Beim 4. —■ Londoner — Kongreß war ich Vorsitzender der Englischen Zionistischen Vereinigung und präsidierte als solcher über das erste zionistische Fest —. ein Bankett, das zum Ende des Kongresses in der Queens-Hall gegeben wurde und bei dem etwa 5 bis 600 Delegierte und Gäste anwesend waren. Bei diesem Kongreß war Herzls Anwesenheit für einige Zeit in Frage gestellt, da er sich bei der Besichtigung der neu errichteten Twopenny-Untergrundbahn eine Erkältung geholt hatte. Dies war das erste Warnungszeichen, das uns Aufschluß über seine gesundheitliche Verfassung gab. Aber wie wir ihn jubelnd begrüßten in London — Ost und West! Mein Zusammenhang mit ihm und der inneren Arbeit der Bewegung war enger und enger geworden. Kaum ein Tag ging vorüber, ohne daß ich einen Brief oder ein Telegramm von ihm empfing. Niemals sparte er sich oder andere für die Sache. So wurde ich ganz überraschend aufgefordert, von einem Augenblick zum anderen, ihn nach Konstantinopel zu begleiten, und ich gehorchte, selbstverständlich; ebenso unvorhergesehen Dr. „Jim“ (offenbar Joseph Chamberlain; Anm. d. Ü.), da Cecil Rhodes verfehlt worden war, zu interviewen, wie man einen charter bekommen könne. Ein andermal sollte ich Carnegie interessieren— und so hörten Gedanke und Aktion nicht einen Augenblick auf. Ob er auf der Themse in Cookham ruderte, ob es in seinen Sommerferien war in Alt- Aussee, wo viele seiner Freunde zusammenzukommen und Wege und Mittel zur Förderung der Sache zu diskutieren pflegten, ob es in Paris war, wo wir uns oft zum gleichen Zweck trafen (Nordau und Alexander Marmorek lebten da und so war es ein passender Mittelpunkt), ob es in Budapest war, wo er Vambery aufstachelte uns in Konstantinopel zu i MERCEDES-BENZ Ein Wagen, den alle bewundern zuverlässig — bequem elegant — preiswert t DAIMLER-BENZ A.-G. Verkaufstelle München, Lenbachplatz 4 Fernruf 59390 LEITER: DIREKTOR JAKOB WERLIN