Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-07-26 · 30 (26.7.1929) · p. Seite 460

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
Seite 460 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176035--09651-9082560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

460 L)as jüdische Echo . Nr. 30 ■ 11 liinmra *T i ii in ii | Feuilleton | | : in 1 illlll II I .im Herzls literarisches Testament Das von Dr. T. Nussenblatt herausgegebene im jüdischen Buch- und Kunstverlag Brünn erschienene Buch „Zeitgenossen über Herzl“ enthält das bisher noch nicht veröffentlichte literarische Testament Theodor Herzls. Es lautet: „Mein literarisches Testament (am 12. Februar 1897). Es gebührt sich, auf den Tod vorbereitet zu sein. Ich will keine Redensarten machen. Was ich den Juden war, wird eine kommende Zeit besser beurteilen, als die große Menge der Gegenwart. Mein hauptsächlicher Nachlaß sind die tagebuchartigen Aufzeichnungen über mein Wirken in der Judensache. Es sind bis jetzt vier Bücher, die teils bei meinem Vater, teils bei mir liegen. Ich werde sie vielleicht später an einem sicheren Ort deponieren. Diese Memoiren sollen bald nach meinem Tode publiziert werden. Zur Herausgabe, Sichtung der Texte usw. ist eine Kommission zu bilden. In diese Kommission entsendet der Zionsverband für Östereich zwei Mitglieder; und einen literarischen Beirat, der, wenn möglich, meinem Freundeskreise angehören soll, ernennt den Vormund meiner Kinder. Es ist mit einer anständigen Verlagsfirma ein Vertrag über die Herausgabe, und zwar in deutscher und englischer Sprache, abzuschließen. Das Vermögensrechtliche daran obliegt dem Vormund meiner Kinder. Vielleicht wird auch eine Sammlung meiner zionistischen Artikel und Reden erwünscht sein. Hierfür gelten die gleichen Bedingungen wie für die Memoiren. Ferner empfehle ich einen Verleger für meine anderen Schriften zu suchen. Ich denke, man soll meine Theaterstücke in einer Sammlung herausgeben. Mein liebstes Stück ist das „Ghetto“. Auch das Fragment der „Ehekomödie“, die ich in Wiesbaden zu schreiben begann, soll in die Sammlung kommen; als Nachtrag dazu die Notizen, die für schaffende Künstler ein Kuriosum sein dürften. Ein Band soll die aus Frankreich für die „Neue Freie Presse“ geschriebenen, noch nicht in Buchform publizierten Feuilletons und Artikel enthalten. Meine übrigens noch nicht in Buchform publizierten Feuilletons werden wohl mehrere Bände füllen. Mein Name wird nach meinem Tode wachsen. Darum glaube ich, daß für alle meine Werke sich ein Verleger finden wird. Ich habe heute, wie in jedem Augenblick, seit ich schreibe, das Bewußtsein, die Feder stets als ein Ehrenmann geführt zu haben. Ich habe meine Feder nie verkauft, nie Gemeinheit, nicht einmal Kameradschaft durch sie getrieben. Dieser letzte Wille kann publiziert werden. Es wird sich selbst nach meinem Tode niemand finden, der mich Lügen strafen kann.“ Herzl, wie ich ihn kannte Von Joseph C o w e n Zum erstenmal sah ich Herzl in Basel im Jahre 1897, als er morgens um 10 Uhr in Abendkleidern auf der Tribüne erschien und den 1. Zionistenkongreß eröffnete. Die Abendkleidung war für ihn bezeichnend. Er hatte strikte Weisung gegeben, daß alle Delegierten zu diesem 1. Zionistenkongreß in festlichem Anzug erscheinen sollten. Und dies war kein Snobismus. Er wollte der Welt zeigen, daß die Juden aus dem Ghetto heraus kamen und daß sie von nun an als ein normales Volk zu betrachten seien; da nun in Europa Kongresse sich in Abendkleidern zu versammeln pflegten, mußten auch die Juden es tun. Was mich unmittelbar hinriß, war die jüdische und biblische Erscheinung dieses Mannes. Er sah aus, wie ein wahrhaftiger König in Israel. Seine Stimme begeisterte jeden Hörer; sie war klar und klang wie eine Silberglocke. Ich kannte Deutsch, die Sprache, in der er redete, damals nicht so gut als heute und ich konnte ihm deshalb nicht leicht folgen; aber der Schwung seiner Rede, wie derjenigen Nordaus, der ihm folgte, war eine Enthüllung für mich. Der Kontrast zwischen beiden Rednern war bemerkenswert, Nordau, der Mann mit dem Löwenhaupt, ließ in kurzen, scharfen, abgehackten Tönen, aber mit einer fast noch fehlerloseren Beredsamkeit, die jüdische Situtation in der Welt Revue passieren. Niemand, der diese beiden Reden hörte, wird sie vergessen, so augenscheinlich war die ihnen zugrunde liegende Empfindung und Aufrichtigkeit. Zum ersten Male in meinem Leben hatte ich Juden gehört, die sich nicht dafür entschuldigten, Juden zu sein, die sich überhaupt nicht und für nichts deshalb entschuldigten, sondern offenbar stolz auf diese Tatsache waren. Die Erregung in mir war nur ein Widerschein derjenigen, die in jedem Zuhörer dieser Versammlung brodelte. Und unter solchen Empfindungen saß ich mit Zangwill als Gast unmittelbar darauf an Herzls Tafel. Ich war von dem glänzenden Gespräch, das man um mich, herum führte, wie benommen, aber trotzdem die ganze Atmosphäre mich geradezu elektrisierte, fühlte ich, daß der Gedanke, einen Judenstaat zu errichten, der hier so ernsthaft diskutiert wurde, so phantastisch und unwirklich war, daß alle diese Leute um mich herum in einer Welt der Einbildung lebten und ich der einzige wirklich gesunde Mensch am Platze war. Als Herzl während des Frühstücks min die Delegiertennadel ins Knopfloch stecken wollte, lehnte ich beinahe mit einem Gefühl des Mißtrauens ab. Es mußte doch irgend etwas Falsches in all diesem Glanz und dieser Beredsamkeit sein. Ich muß indessen zugeben, daß ich auf dem Kongreß bis zu seinem Ende blieb. Zwischen dem ersten und zweiten Kongreß jedoch „ereignete sich etwas für mich“. Und ich begann über Juden und Judenfrage nachzudenken, zu lesen und zu sprechen. Schließlich war ich an diesem Gegenstand so sehr interessiert, daß ich beschloß, den Juden in seinem sozusagen „heimatlichen Gebiet“ aufzusuchen, und zu diesem Zweck fuhr ich im nächsten Sommer nach Galizien. Meine Studien wurden durch den zweiten Kongreß unterbrochen, dem ich als ein Mensch beiwohnte, der bereits an der zionistischen Idee interessiert war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.