Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-26
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176035--09647-9082557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 65 verließ mit dem Rabbi zusammen das Zimmer. Mordechai ging ihnen nach. Als der Rabbi auf den Hof trat, streckte sich ihm sofort eine Kette von Händen entgegen. Er erkannte viele seiner ehemals jungen Leute wieder, denen er den Weg gewiesen hatte; er sah, wie die Schar rückwärts immer größer wurde, anwuchs, aus allen Ecken her sich vergrößerte. Sie standen auf den Fußspitzen, die Köpfe gehoben, einer hob sich über die Schultern des andern, um den Rabbi zu sehen. Rabbi Mendele war von Rührung erfaßt und vergaß, wozu er herausgekommen war. Der Rabbi, welcher an Reb Itsche gelehnt dastand, richtete sich plötzlich auf und fühlte sich verjüngt. Sein Geist wurde hell. Alle schweren Gedanken, die sich im Verlaufe von dreizehn Jahren darin angesammelt und wie Rost eingefressen hatten, waren verschwunden. Er begann alles klar und deutlich zu sehen. Rabbi Mendele senkte die Lider und mit verschlossenen Augen sah er meilenweit; mit dem bloßen Gedanken war er wie ein Zauberer imstande, Menschen, Häuser, Bäume zu versetzen; er fühlte die Erde unter seinen Füßen schwinden und es war ihm, als steige er höher, immer höher. Schon schwebt er über den Köpfen der Menge und je höher er sich erhebt, desto mächtiger wächst die Menge an. Sie küßt den Staub seiner Füße und wäscht ihn mit Tränen weg; aber sie hängt sich zugleich wie eine schwere verrostete Kette an seine Beine und läßt ihn nicht los. Und jedesmal, wenn die Höhe die Augen schwindeln macht, da erschrickt die Menge und zieht den Rabbi mit dem „Naasse wenischma“ vom Sinai zur Erde zurück. Jetzt, da Rabbi Mendele die Lider gesenkt hielt, fühlte er das große Wort, welches er einmal in sich getragen hatte und mit dem er die Welt hatte erlösen wollen, das er unausgesprochen gelassen hatte — für dieses Zagen aber war er bestraft worden, denn das Wort war ihm entschwunden—, dieses Wort, das fühlte er auf einmal, erstand jetzt irgendwo, noch meilenweit von ihm, entfaltete sich wie aus einem Knäuel; schon fühlte der Rabbi die Geburtswehen, war des festen Glaubens, jetzt könne er gleich das große geläuterte Wort der Menge schenken, welche er von sich gejagt hatte. Strahlend stand er da, sicher, daß die Zeit gekommen sei. Bisher war er kein Rabbi gewesen, er hatte sich selbst betrogen. Jetzt aber würde er sich offenbaren. Er sah den Schein eines glühenden Wortes vor sich, das in ihm brannte, ihm in der Kehle saß. Es kommt, er fühlt, wie jenes Gefäß zusammen mit dem Worte geboren wird; die Chassidim, welche ihn umringen, sie werden gleich den Widerschein des Wortes in sich aufnehmen und dadurch allein schon geläutert werden. Während das Feuer im Hirn des Rabbi lohte und sprühte, bemerkte er, wie aus der Menge, die aneinandergepreßt und unbeweglich dastandund von weitem wie ein alter vielästiger Wald aussah, dessen Bäume zu einer Mauer verwachsenwaren, ein sonderbares Geschöpf hervorwuchs. Es sah aus wie ein Kobold, kroch auf allen Vieren wie ein Hund die Mauer entlangundbahnte sich über Köpfe und Schultern einen Weg zum Rabbi. Der Rabbi öffnete weit die Augen und fuhr zusammen, als wäre er im Traum von einem Berg in die Tiefe gestürzt. Einen Augenblick erinnerte er sich, wozu er hinausgekommen war; dann erkannte er, daß es der barfüßige Israel war, der da zu ihm vordrang, und Rabbi Mendele fühlte wieder die Erde unter seinen Füßen. Der barfüßige Israel blieb auf einigen Schultern sitzen, als wäre er aus dem Meer von Köpfen hervorgewachsen; er schaute mit schwarzen feurigen Augen den Rabbi an, öffnete seinen mit Haaren wildbewachsenen Mund, als wollte er jemanden verschlingen, und furchtbar fielen die Worte aus dem Munde: „Rabbi von Kozk, tu’ Buße!“ Ein Gemurmel erhob sich, die Menge wogte und rauschte wie ein Meer, Hände erhoben sich, Streimel flogen, Gürtel schlangen sich um den barfüßigen Israel, um ihn hinunterzuziehen. Der barfüßige Israel saß auf den Schultern einiger Getreuer, beugte sich tiefer zum Rabbi nieder und unbekümmert um das Gemurmel der Menge rief er noch lauter: „Deine Chassidim, die Warschauer Prasser und Völler, leben mit fremden Weibern und treiben es wie in Sodom ...“ „Reißt ihn herunter!“ — rief eine Stimme. „Laßt ihn nicht reden, den Frechling!“ „Verstopft ihm das Maul mit einem Gürtel!“ „Zieht ihm das Streimel über das Gesicht“ — ein alter Chassid reichte sein Streimel hin und blieb im Käppchen stehen. Der Rabbi hob die Hand, wartete bis es still wurde, so still, daß man eine Nadel fallen hörte, und bat die Chassidim: „Laßt ihn in Ruhe, tut ihm nichts, er mag reden!“ Die Menge wurde ruhiger, aber eine Bewegung ging durch sie, sie war jederzeit bereit, den barfüßigen Israel in Stücke zu reißen. Viele aber hatten Angst vor ihm; denn wenn