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Das jüdische Echo · 1929-07-26 · 17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 66

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-07-26
Page
Seite 66 (sequence 4)
Language
German
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66 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 17 er den Rabbi nicht schonte, würde er dann vor einem Chassid Furcht haben? Der barfüßige Israel reckte seinen langen Hals, öffnete den Mund und, als wäre nichts geschehen, schrie er noch lauter: „Jetzt ist es Zeit, Rabbi von Kozk, daß du Buße tust! Deine scharfsinnigen Jünger verkaufen Tefillin, unter dem Vorwand, daß in diesem Jahre Riemenzeug in Kozk spottbillig wäre. Ehrsame Juden wie Hirsch Parizewer und Chajim Beer Grapitzer haben sich an dir ein Beispiel genommen, Rabbi, und beschlossen, drei Tage keine Tefillin zu legen, um zu sehen, was für eine Wirkung das auf die Weltordnung haben wird. Deines Dowidl Schwiegersohn, Daniel Eibenschitz, führt unsere beste Jugend vom rechten Weg ab und du schweigst? Er hat die Unverfrorenheit, vor aller Welt zu sagen, seine Frau sei eine Verkörperung des göttlichen Wesens1.. Du weißt, was ich meine! Wende dich um, Rabbi von Kozk, hinter dir steht der Zaddik unserer Zeit, Reb Itsche, bitte ihn um eine Buße!“ Reb Itsche zitterte; er konnte nicht hören, wie der Rabbi geschmäht wurde, und warf sich vor ihm im Staube nieder, um damit der Menge zu zeigen, Rabbi Mendele sei der Zaddik seiner. Zeit. Rabbi Mendele stieß ihn von sich, schleuderte mit der Hand jeden weg, der ihm nahe kam, und begann zu fluchen. Die Menge erschrak vor den Flüchen des Rabbi, denn sie glaubte, auf wen sein Fluch falle, dem bringe er Unglück. Allmählich wichen alle zurück und nach einiger Zeit blieb der Rabbi mitten im Hofe fast allein. Reb Itsche stand neben ihm mit gesenktem Haupt, als wäre er an allem schuld, der Rabbi ballte die Fäuste, stampfte unaufhörlich mit den Füßen und schrie der Menge Verwünschungen nach: „Ochsen, was wollt ihr von mir? Feuer möge euch verzehren! Ich bin kein Rabbi! Nehmt euch den Itsche und geht zu allen Teufeln, hört ihr?“ Während der Rabbi schrie, kam Reb Dowidl noch ganz verschlafen in seinen weichen, sämischledernen Pantoffeln aus seinem Zimmer und faßte den Vater bei der Hand: „Vater, komm in dein Zimmer! Es ist nicht gesund für dich, in der Sonne zu stehen!“ 1 Hier ist im Original im übertragenen Sinne ein Ausdruck der kabbalistischen Terminologie gebraucht, der eine bestimmte Emanation Gottes („das kleine Gesicht“) bedeutet; hier wurde dieser Ausdruck, wie auch sonst einige andere metaphorisch verwendete Ausdrücke der kabbalistischen Theorie durch ein allgemein verständliches Bild wiedergegeben. Der Ketzer Zu Tränen gerührt wandte sich Mordechai ab; er wollte allein bleiben. Schmerz um Rabbi Mendele erfüllte ihn. Auch Reb Itsche wich er aus. Schwere Gedanken legten sich auf ihn. Da hörte er seinen Namen rufen; er erkannte Schmiels Stimme und wandte sich unwillig um. „Nun, wie gefällt dir Reb Itsche?“ Schmiel lächelte — „Er ist ja gefährlicher als Israel!“ Mordechai sah Schmiel an, ohne zu antworten. „Hinter dem ganzen Karneval da auf dem Hofe“ —■ Schmiel wurde hitzig — „steckt doch Reb Itsche! Ohne ihn hätte der Mussar-Sager es doch nicht gewagt, vor dem ganzen Volk den Rabbi zu schmähen! Und wie der demütige Herr, Reb Itsche nämlich, dem Rabbi Mendele zu Füßen gefallen ist! Der Rabbi hat ihn aber weggestoßen, er kennt ihn ausgezeichnet! Natürlich“ — Schmiel faßte Mordechai am Rocke —, „da geht ein junger Mensch herum und glotzt mit den Augen; er kann etwas. Mein Gott, ich kann auch etwas, muß man da solches Geschrei machen? Ich sage es dir offen, Reb Itsche will Rabbi werden! Er wird sich durch nichts abhalten lassen! Jedes seiner Worte geht von Mund zu Mund, und gähnt er nur, so machen sie schon daraus ein Wesen! Was brauchst du mehr? Es ist noch kein Tag vergangen, seit Reb Itsche in Kozk ist und der ganze Haufe Weiber, ich übertreibe nicht, läuft zu ihm; nun, was sagst du dazu? Rabbi Mendele hat keine Weiber vor sich gelassen!“ „Hör zu,“ unterbrach ihn Mordechai, „ich bin todhungrig und habe keine Lust, nach Hause zu gehen; weißt du vielleicht, wo man etwas zu essen bekommen kann?“ „Natürlich weiß ich es, komm, ich werde dich führen!“ — Schmiel zog Mordechai beim Ärmel und machte sich mit ihm auf den Weg. Sie kamen auf den Markt. Die Krämer saßen schläfrig in den Türen, kauten Bart und Schnurrbart und schauten auf den leeren Markt, in dessen Mitte eine alte Kirche mit zwei hohen Türmen stand. Die Türme bohrten sich mit ihren Kreuzen in den Himmel. Um den Markt liefen kleine weißgetünchte Häuser und die alte riesige Kirche, welche die Häuser noch kleiner aussehen ließ, als sie in Wirklichkeit waren, schien irrtümlich mitten unter sie geraten zu sein. Eine Schar Knaben lief über den Markt, hob die Köpfchen zu den Kreuzen empor, und war überzeugt, daß die Kirche mit jedem Tage um Haaresbreite tiefer in die Erde einsinke. Fortsetzung folgt.

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