Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-26
- Page
- Seite 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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64 Romanbeitase des „Jüdischen Echos“ Nr. 17 erreichen. Wenn er allein mit sich war, da fühlte er ein großes Wort in sich, das eine Umwälzung in der Welt hervorrufen würde, fühlte, daß er imstande sein würde, selbst über den Beseht emporzuwachsen, er müßte nur noch das wahre Gefäß für das Wort suchen; er war sicher, heute oder morgen das Gefäß schon zu finden; dann würde sein Ruf durch die ganze Welt gehen. Wenn er aber unter Chassidim kam, die ihm auf den Mund sahen und von ihm ein neues Wort hören wollten, da blieb er stumm und konnte den Mund nicht öffnen. Sprach er schon einmal über einen Bibelvers, so war seine ganze Rede Scharfsinn und Wissen, keine Kleinigkeit entging ihm, aber die Hauptsache, das, was man nicht erlernen kann, das Streichen über den Bart, den Aufschlag der Augen, die Helligkeit einer weiten Stirn, das, was die Menge so sehr packte — das fehlte. Nahm Rabbi Bunem denselben Bibelvers durch, so sprach er nicht soviel darüber, höchstens zwei oder drei kurze Sätze, dazu ein Gleichnis; aber der Vers bekam ein anderes Gesicht, erhielt Leben, lebte! Die Chassidim schöpften Erquickung aus dieser Thoradeutung, überlieferten sie ihren Kindern und des Rabbi Name wuchs von Geschlecht zu Geschlecht. Rabbi Mendele hatte damals unendlichen Kummer. Er hörte auf zu lernen, aß und trank nicht, zog sich in die Einsamkeit zurück, brachte dort für sich allein seine Thora vor, aber nichts half. Höchstens einige junge Leute mit guten Köpfen hielten etwas von ihm. Wahrscheinlich wäre er nie Rabbi geworden, hätte nicht Rabbi Bunem, der damals schon gebeugt und blind vor Alter war, einige Jahre vor seinem Heimgange bei Tische gesagt, Mendele habe ihn schon übertroffen und sitze auf seinem Buckel. Diese wenigen Worte genügten, damit die meisten Chassidim, die von ihm nichts gehalten hatten, ihm ein Haus in Kozk erbauten; und noch bei Lebzeiten des Rabbi Bunem hatte Rabbi Mendele mehr Zulauf als sein eigener Rabbi. Aber er stand kühl zur Menge; denn er fühlte, bei der ersten Gelegenheit wäre sie imstande, ihn genau so zn verlassen wie Rabbi Bunem. Daher trieb er die Chassidim von sich und sagte, es genüge, die Menge mit Spielzeug anzulocken, wie ein Kind, damit sie Vater und Mutter verlasse und zu Fremden gehe. Je größer die Zahl seiner Anhänger wurde, desto mehr stieg Rabbi Mendeles Trübsinn, desto mehr umgab er sich mit jungen Leuten, mit den besten Köpfen, die eine eiserne Mauer zwischen ihm und der großen Menge bilden sollten. Er begann die Einsamkeit zu lieben, ließ wenige vor sich und führte stets heftige Klage gegen Gott: „Gott, da des Menschen Herzenstrachten böse ist von Geburt an, und da die Willensfreiheit, die du ihm gabst, auf uns, die Rabbis, übergegangen ist, warum soll der Mensch da nicht sündigen, wenn er auf Schritt und Tritt nur eine Frage stellt: .. .was ist oben, was unten?“ Als Rabbi Mendele jetzt durchs Fenster schaute und sah, wie der barfüßige Israel in Gedanken versunken umherrannte, wie die Menge ihm Platz machte und ehrfürchtig nachsah, da fiel ihm ein: Gott weiß, vielleicht durchlebt dieser Israel dieselben Zweifel wie ich einst, will eine Anhängerschaft um sich haben, wie ich es in meiner Jugend wollte, glaubt vielleicht, er hätte auch etwas zu sagen-— und Reb Itsche?—fuhr es dem Rabbi durch den Sinn. Er war überzeugt, Reb Itsche bedürfe nicht mehr seiner Bestätigung. Er ist ja schon Rabbi, vielleicht werden heute oder morgen diese Chassidim nicht mehr hier sein. Rabbi Mendele wird in den leeren Hof hinausschauen und irgendwo in einem Städtchen der Nachbarschaft wird Reb Itsche seinen Sitz haben und denselben Ochsen die Thora deuten! Und wie er sie deuten wird! Er wird auch ein Wundertäter sein! Soeben hat er doch einen Dybuk ausgetrieben! Sein Bärtchen wächst schon so, daß die Hand so recht darüberstreichen kann, und seine Augen blicken reine Demut-Rabbi Mendele erbebte; es war ihm, als nähme man ihm gewaltsam etwas weg. Ein Trost blieb ihm: die jungen Leute, die guten Köpfe, würden bei ihm bleiben. Bald wird er unter sie treten, er hat für sie eine „Entdeckung“, die er schon jahrelang bei sich trägt . . . Sie werden nicht mit Itsche gehen . . . Oder — der Rabbi lächelte — sollte man nicht einen ordentlichen Spaß machen und dem Herrn der Welt zeigen, man sei stärker als er? Wenn ich jetzt will, nehme ich den barfüßigen Israel, diesen Unwissenden, und mache ihn zum Rabbi; und alle die Atlaskaftane werden sich vor ihm bücken und meinen, es sei vom Himmel so bestimmt! ... Der Rabbi wandte sich um; er fuhr zusammen, als hätte er nicht erwartet, daß hinter ihm Leute standen; sofort aber wurde er ruhig und sagte zu Reb Itsche: „Komm mit hinaus!... Wie glaubst du, werden sie mich anhören?“ Reb Itsche fragte niemanden um die Erlaubnis, ob er den Rabbi hinausführen dürfe. Er faßte ihn unterm Arm, öffnete die Tür und