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Das jüdische Echo · 1929-07-26 · 17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
17 (26.7.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-07-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 16. Fortsetzung „Sie haben mich doch eingesperrt! Alle, alle bewachen mich, sie haben noch immer Angst, meine Lehre könnte die Kozker Chassidim vom rechten Wege abbringen! Sie haben der Welt eingeredet, der Mensch hätte Willensfreiheit; wenn er die wirklich je gehabt hat, so hat er sie schon lange uns übertragen! Und wir Rabbis, die wir die Welt vom Wilnaer Gaon und seinesgleichen erlösen wollten, wir haben die Freiheit auf uns genommen und doch keine Kraft gehabt, unseren Chassidim die Ohren „an der Tür“ zu durchstechen; und selbst wenn wir sie durchstochen haben würden, so hätten sie das alles gutwillig hingenommen — auf eine so niedrige Stufe ist der Mensch gesunken!“ Während des Sprechens traten Schweißtropfen auf des Rabbi Stirn; an seinen durchsichtigen Schläfen liefen die Adern an und sahen aus wie Regenwürmer; die Brauen verdeckten die Augen, das Gesicht wurde bleich, farblos; Reb Itsihe sprang auf, stützte des Rabbi Kopf mit seiner Hand und bat ihn: „Rabbi, wollt Ihr vielleicht ein bißchen Wasser? Ihr sitzet zuviel im Zimmer! Kommt ein wenig auf den Hof hinaus!“ Der Rabbi hob die Lider, schaute Reb Itsche lange mit tränenunterlaufenen Augen an und antwortete dann kraftlos: „Sie haben mich eingesperrt, dreizehn Jahre konnten sie ohne mich auskommen, da werde ich jetzt nicht zu ihnen hinaus!“ „Aber Rabbi, ich gebe Euch mein Wort, das Volk sehnt sich nach einem Wort von Euch, es sitzt wochenlang in Kozk, und gelingt es einem, auch nur einen Blick auf Euch zu werfen, so ist er glücklich! Das Judenvolk kommt zu Euch aus ganz Polen. Keiner hat Euch verlassen, Rabbi, sehet hin,“ Reb Itsche deutete mit der Hand zum Fenster, „der Hof ist voll von Chassidim!“ Der Rabbi erhob sich; Reb Itsche führte ihn zum offenen Fenster. Zu zweit gingen die Chassidim im Hofe spazieren. Die schwarzen Atlaskaftane blitzten in der Sonne, die langen, weißen Strümpfe (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin stachen grell ab und blinkten vor Weiße; die Schläfenlocken fielen über die Schultern. Bei näherem Zusehen konnte man merken, daß der Atlas bei manchen Röcken der Chassidim abgeschabt war, bei einigen war nur noch das Unterfutter geblieben. Auf dem Grase — im Schatten — saßen Chassidim, spielten Karten, tranken starken Schnaps und sangen so leise und innig, daß jedes Ohr gebannt horchen mußte. Der Rabbi stützte beide Hände an das Fenster; er fühlte eine Helle in sich, als wären Schuppen von seinen Augen gefallen; zum erstenmal seit Jahren sah er auf seine Chassidim und fluchte nicht. Er sah, wie sie, in Hemdärmeln, bloß mit dem Tallis-Koton bedeckt, wie Tote schliefen, sah, wie der barfüßige Israel grübelnd durch den Hof stürmte, das Käppchen auf dem dicht beharrten Kopfe hin- und herrückte und die Hände rang, als wäre ihm großes Leid widerfahren. Dem Rabbi wurde etwas klar, und er versann sich. Seine schwachen Augen konnten das Blitzen der Atlaskaftane und das Leuchten der weißen Strümpfe nicht ertragen; er senkte die Lider, vergaß, daß jemand hinter ihm stand, hörte dem Gesänge der Menge zu und sah sich mit einem Male in Pschyscha. In Gedanken rannte er durch das Beth Hamidrasch, warf Pulte um, sprang über Bänke, stürmte vorwärts wie eine rohe Kraft, stieß alles fort, was ihm im Wege stand. Die Menge wich zurück und machte ihm Platz; sie meinte, er sei in den Dienst des Herrn versunken; in Wirklichkeit aber wühlte in ihm damals der Neid gegen den Rabbi Reb Bunem. Im tiefsten Innern war er schon damals, noch in jungen Jahren, überzeugt, er sei gelehrter als der Rabbi und fasse alles viel tiefer auf; zugleich aber fühlte er stets, daß ihm etwas fehlte; um Rabbi zu werden, genügt es nicht, ein Gelehrter zu sein, man muß auch einen Wunschzettel lesen können; aber wenn er einen Wunschzettel zur Hand nahm, so sah er nichts darin! Das tat ihm sehr weh; er war überzeugt, zu ihm würde niemand fahren, er würde nie die Stufe eines Rabbi Bunem

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