Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-19
- Page
- Seite 61 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Komanbeilage des „Jüdischen Echos“ 61 sie? Ich weiß nicht, ob sie älter als drei-, vierundzwanzig Jahre ist.“ „Ihr Vater war auch gegen die Heirat,“ warf Mordechai schüchtern ein, „aber er konnte sich nicht helfen. Mit seiner Zuckerfabrik war er zum Bettler geworden, und hätte ihm Reb Jossel nicht die dreißigtausend Gulden gegeben, so wäre die Zuckerfabrik versteigert worden.“ „So, das ist ewas anderes! Er hat sie also gekauft!“ Surele dehnte die Worte, als wäre jetzt alles für sie klar. „Sie soll sehr gebildet sein“, warf Riwkele dazwischen. „Und wenn sie auch gebildet ist, darf man als junge Frau eigenes Haar tragen und sich mit Christen abgeben?“ unterbrach Surele ärgerlich. „Wenn ich an ihrer Stelle wäre, ich hätte, selbst wenn man mir den Kopf geschoren hätte, auch nicht einen so alten Mann genommen!“ sagte Riwkele lachend und errötete. „Schau, schau, wer da Meinungen zum besten gibt.“ Die Mutter streichelte Riwkeles Haar und wandte sich an Mordechai, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. „Und was macht die Mama, sie war ja immer so zart und etwas kränklich.“ Mordechai, der nicht wußte, was er antworten sollte, dankte unaufhörlich. Er schaute Riwkele zu, die ein Blatt nach dem anderen abriß und in den Mund nahm; als er sich endlich anschickte, etwas zu sagen, hörte ihm niemand zu. Surele sagte zur Tochter: „Ich und seine Mutter sind zusammen aufgewachsen und waren Freundinnen von Kindheit an...“ Riwkele hob die Augen und sah Mordechai vertrauter an; daß ihre Mütter Freundinnen gewesen waren, schien ihn ihr näherzubringen. Aber Mordechai paßte nicht auf; er hörte wie Reb Dowidl über seinen Vater, den Rabbi, sich äußerst nüchtern ausließ und er spitzte die Ohren. In diesem Augenblick trat der Schammes ein: „Reb Itsche, Ihr könnt eintreten.“ Reb Itsche stand auf und winkte Mordechai. „Wozu brauchst du ihn,“ fragte Dowidl, „laß ihn hier!“ „Nun,“ Reb Itsche wandte sich an Mordechai und zuckte mit den Achseln, „wie du willst.“ Mordechai war verlegen, sein Blick ging von Reb Dowidl .zu Reb Itsche und er wußte nicht, was er tun sollte. Endlich war sein Entschluß gefaßt; mit einem sonderbaren Lächeln, als fühlte er sich in Reb Dowidls Schuld, sagte er, und es kam geradezu bittend heraus: „Ich werde mit Reb Itsche gehen.“ „Wenn du willst“ — Reb Dowidl ging ins zweite Zimmer und blieb auf der Schwelle stehen — „mach dich nicht selten, hörst du?“ „Komm heute zum Abendessen!“ lud ihn Surele ein. Mordechai verabschiedete sich; er fühlte sich glücklich und wußte nicht, warum man ihm soviel Interesse entgegenbrachte; als er gegangen war, merkte er auf einmal, daß die Menschen und das Haus ihm nahestanden; nur die Gleichgültigkeit, die Unfeierlichkeit gegenüber dem Rabbi, mit dem diese Menschen dicht unter einem Dache wohnten — die begriff er nicht. Der Schammes führte Reb Itsche und Mordechai durch einige Zimmer; in einem, das voll Bücher war, ließ er sie Platz nehmen und warten; er selbst ging auf den Zehenspitzen zur Tür, die in das Zimmer des Rabbi führte, blieb stehen und horchte., als träte er zum ersten Male ein. Er ging fragen, ob der Rabbi die Gäste empfangen werde. Mordechai wunderte sich, mit welcher Ehrfurcht der Schammes, der schon mehr als dreißig Jahre beim Rabbi war, ihm begegnete, und es wurde ihm noch unbegreiflicher, warum Reb Dowidl über den Rabbi, seinen Vater, so von oben herab sprach, wie von etwas, das seine Zeit erfüllt hat. Dreizehn Jahre waren vergangen, seit Rabbi Mendele aufgehört hatte, die Chassidim vor sich zu lassen; die ganze Zeit saß er in einem entlegenen Zimmer, sogar den Willkommgruß nahm er selten entgegen und außer den nächsten Vertrauten wurde niemand von ihm empfangen. In der ersten Zeit hatten viele Chassidim aufgehört, nach Kozk zu fahren, nur die Denkenden unter ihnen waren geblieben. Ihnen genügte es, daß Reb Mendele in ihrer Nähe hinter einer Wand war und sie, die zerlumpten Leute mit den verwilderten Bärten, bewahrten und erhielten das Restchen Feuer des polnischen Chassidismus. Die Leute, welche zum Hofe gehörten, fürchteten, der Rabbi könnte mit seinen Auslegungen der Thora noch den Rest der Chassidim vertreiben; daher bewachten sie ihn und hielten die Menge von ihm fern. Die Chassidim, welche Kozk verlassen hatten, saßen jetzt an fremden Tischen, pilgerten durch die Welt, aber sie sehnten sich nach dem reinen Wort und kamen allmählich wieder zurück. Empört darüber, daß sie nicht vor den Rabbi gelassen wurden, verjagten sie eines Tages