Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-19
- Page
- Seite 62 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 16 die Dienerschaft, erbrachen die Türen und wollten den gefangenen Rabbi befreien, aber — es war bereits zu spät. Der Rabbi jagte sie von sich, ließ sie nicht in seinen Umkreis und überschüttete sie mit schweren Flüchen; er sah, daß der Chassidismus schal geworden war;,der wahre Inhalt, die Innerlichkeit waren geschwunden. Der „Thron“ begann erblich zu werden. Die wahre Inbrunst des Chassidismus war bereits dahin und daher hatten sich die Chassidim auf das Zeremonielle verlegt. Der Sinn der Thoradeutungen des Baal-Schem war ganz vergessen, und es blieben wieder nur starre Gesetze. Rabbi Mendele bereitete dies großen Schmerz; sieben Jahre lang suchte er die Einsamkeit, beschäftigte sich viel mit Kabbala und forschte, und als er dann die Kraft in sich fühlte, die Thora des Baal-Schem auf eine höhere Stufe zu heben, dem polnischen Chassidismus einen neuen Inhalt zu geben, da merkte er, daß er nicht verstanden wurde, daß die Menschen mit sich selbst zufrieden waren und keinen Inhalt brauchten; nur von wenigen galt noch das Wort: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch. Rabbi Mendele verfiel in schweren Trübsinn, er aß und trank nicht und haderte mit Gott: „Herr der Welt, wenn ich schon wirklich die wenigen Chassidim sammle, die nach dir Sehnsucht haben, und mit ihnen in die Wälder gehe, wirst du denn dann zufrieden sein? Und was sollen die Sündigen tun, die, welche in der Materie versunken und zu schwach sind, dich zu erkennen, was sollen die tun, Vater? Sie sind doch die große Mehrzahl!“ Seither bewachte der Hof den Rabbi stärker und ließ fast niemanden mehr zu ihm. So saß er schon das dreizehnte Jahr einsam und allein; die Leute des Hauses waren ihm zuwider, und er lebte bloß mit sich. Und wenn der Trübsinn ihn befiel (was sehr oft geschah), dann zerschlug er mit den Händen die Scheiben und schnitt sich blutige Wunden, riß das Fenster auf und mit seinem wildumwucherten Munde jagte er alle von sich. Er fluchte der ganzen Welt, sah aus wie ein Tier im Käfig. Es war schwer zu glauben, daß der Mann, der nichts als Mitleid gewesen war, dem ein Sünder näher stand als ein Frommer, daß dieser Mann gefangen sitzen konnte, die Menschen haßte und für sie nichts mehr als Scheltworte hatte. „Seid so gut, Reb Itsche!“ Der Schammes öffnete die Tür zum Zimmer des Rabbi und ließ die Besucher eintreten. Der Rabbi kam ihnen entgegen. Mordechai zitterte und hatte das Gefühl, als wären ihm Hände und Füße gelähmt. Der kleine Rabbi mit wildwucherndem Bart, der aussah, als wäre er nie unter Menschen gekommen, mit wildblickenden Augen, über denen sich lange Brauen wölbten, bloß in Strümpfen, in der linken Hand eine silberne Tabaksdose, der der Deckel fehlte, schaute auf Reb Itsche, dann auf Mordechai, roch an der Tabaksbüchse und sagte dann halb zu sich, in unwilligem Tone: „Wer ist der Junge?“ „Das ist ein Sohn Reb Abrahams, des Schreibers“, antwortete Reb Itsche. Der Rabbi runzelte die gefurchte Stirn, um sich zu erinnern, vermochte es aber nicht. Mit einer Handbewegung sprach er noch unwilliger : „Bekannt, der Name ist mir bekannt, aber ich erinnere mich nicht...“ „Ah,“ der Rabbi fuhr sich plötzlich an die Stirn und reichte dann Mordechai die Hand, „jetzt weiß ich schon. Du solltest ein ordentlicher Junge sein, ich habe deinen Großvater gekannt... Heißt du vielleicht nach ihm?“ Der Rabbi rückte zwei Stühle zurecht, er selbst setzte sich aufs Bett. Das Zimmer war groß und hell. An den Wänden lagen auf Regalen aus weißen, gehobelten Brettern unzählige Bücher. Bett, Tisch und Stühle — alles war aus den gleichen gehobelten Brettern gezimmert, nichts trug Anstrich oder Politur. Auf dem Tische lagen einige Tabaksdosen, ein Schreibzeug aus Messing, in dem eine Kerze stak, und ein paar Gänsekiele. „Feiwel Moische, wo sind meine Pantoffel?“ schrie der Rabbi den Schammes an, der an der Tür stand, und wandte sich gleich an Reb Itsche. „Und du bist ein Wundertäter geworden! Treibst den Dybuk aus, wie?“ Verlegen senkte Reb Itsche die Augen, wie einer, der sich schuldbewußt fühlt, und antwortete nicht. Der Schammes brachte die Pantoffel und wollte sie dem Rabbi anziehen; der stieß ihn weg und bückte sich; aber es schwindelte ihn im Kopfe und er blieb länger als eine Minute in seiner gebückten Haltung sitzen. Langsam richtete sich der Rabbi auf und kraftlos, leidend, nickte er Reb Itsche mit dem Kopfe zu, als wollte er sich entschuldigen, daß er so schwach sei. Fortsetzung folgt.