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Das jüdische Echo · 1929-07-19 · 16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 60

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-07-19
Page
Seite 60 (sequence 2)
Language
German
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60 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 16 dem Fauteuil, um Mordechai näher zu betrachten, blieb aber dann beim Fenster sitzen: „Unberufen ein großer Junge! Du weißt doch, Dowidl, daß er genau so alt ist wie unsere Riwkele!“ Riwkele, die ein wenig gebeugt beim Tische saß und schwarze Seide mit silbernen und goldenen Fäden ausnähte, welche in Strähnen um ihren Hals hingen, erhob zwei helle, keusche Augen, wie man sie so oft bei Rabbiner, töchtern findet; sie warf einen Seitenblick auf Mordechai und beugte sofort den Kopf tiefer auf ihre Arbeit; zwischen den Strähnen der Stickfäden und den schwarzen Haren fiel die reine Linie ihres Halses auf. „Surele, laß den Gästen etwas vorsetzen!“ sagte Dowidl mit gut gelauntem Lächeln. Surele setzte ihr Glas Tee auf ein schwarzes achteckiges Tischchen nieder und wandte sich an die Tochter: „Riwkele, bringe Torte und Wein herein!“ Riwkele war schlank und biegsam wie ein junges Bäumchen. Mordechai sah ihr nach, wie sie im nächsten Zimmer verschwand; er bemerkte, daß die weiße Spitze ihres Unterrockes hervorsah und an den schwarzen Seidenstrumpf schlug. Mit einem Male fühlte er sich so wohl, als hätte ihn ein leichter, kühler Wind an einem unerträglich heißen,Tage angeweht. Beim zweiten Fenster saß eine junge Frau mit einem Hut und langen weißen Handschuhen; sie zuckte mit den Lippen, als läge sie mit sich selbst im Streite. Mordechai hatte bemerkt, daß sie sich nicht einmal umgeschaut hatte, als er mit Reb Itsche eingetreten war; sie las ein Buch in einer Haltung, als wäre sie allein im Zimmer. Er warf einen raschen Seitenblick auf das blasse, längliche Gesicht; so mußte Surele in ihrer Jugend ausgesehen haben. Nun fiel ihm ein, das sei Reb Dowidls älteste Tochter; ihr Mann war Reb Daniel Eibenschitz, dessen Name in aller Munde war. Eine Frau in einer Haube brachte auf einem Silbertablett Gebäck und eine mit Silberfäden besponnene Korbflasche Wein, stellte beides hin und ging auf den Fußspitzen hinaus. Riwkele kam wieder ins Zimmer, stellte einige Gläser auf den Tisch, dann blieb sie einen Augenblick stehen, ohne zu wissen, was sie eigentlich anfangen sollte, und setzte sich endlich neben die Mutter ans Fenster. Sie schob die Tüllgardine, welche in Falten niederfloß, zurück und blickte in das dichte Laubwerk vor dem Fenster; dann riß sie ein Blatt ab, nahm es in den Mund, raunte der Mutter etwas ins Ohr und lächelte sittsam. Reb Dowidl füllte die Gläser, trank den Gästen zu und wies auf das Gebäck: „Bedient euch!“ Nach dem ersten Glase legte sich Reb Dowidl ein leichter Schleier über die Augen. Er nahm ein Stück Torte, rückte näher an Reb Itsche heran und begann auf ihn leise einzureden. Mordchai sah sich im Zimmer um. Er betrachtete die schweren Möbel, die da und dort vor Alter gesprungen waren, Erbstücke aus weit zurückliegenden Zeiten, betrachtete den' Boden mit den persischen Teppichen, in deren Weichheit jeder Schritt erstickte: sogar das Ticktack des Pendels an der großen geschnitzten Wanduhr im Winkel klang gedämpft, als wäre auch die Uhr in einen Teppich gehüllt. Durch die Tüllgardinen blickten Zweige und Blätter ins Zimmer, die aussahen wie Filigranarbeit; die Blätter bewegten sich schwach mit einem leise einschläfernden Geräusch, das aus weiter Ferne zu kommen schien. Das alte matte Silber auf den Tischen und in den Glasschränken, die weichen Teppiche, die Dame in den weißen seidenen Handschuhen, die marmorn dasaß und dabei die Lippen bewegte, all das war so stumm, als hielte es die Ehrfurcht vor dem Adel der alten stellenweise gesprungenen Möbel in Bann. Surele rückte tiefer in ihren Fauteuil hinein, setzte die Füße auf einen kleinen gepolsterten Fußschemel und richtete würdevoll eine Frage an Mordechai: „Wo wohnst du?“ Mordechai verstand nicht sofort; verlegen kam er hinter dem Tisch hervor und setzte sich auf einen leeren Stuhl, der neben Surele stand; stumm blickte er sie eine Weile an, wurde rot, blieb sitzen und antwortete: „Bei Reb Jossel.“ „Ach, ich habe ja ganz vergessen,“ Surele machte eine Handbewegung, als erinnerte sie sich an etwas, „Reb Jossel ist doch mit euch verschwägert.“ „Ja“, sagte Mordechai. „Reb Jossel ist ein schwerreicher Mann“, Surele schloß die Lider halb und nickte mit dem Kopfe, um ihrer Rede mehr Gewicht zu geben, „er ist ein wohltätiger Mann, da ist nichts zu sagen, er gibt mit voller Hand, aber er hat doch ein großes Unrecht begangen! Wir sind doch unter uns und keiner hört uns — er hätte sich nicht mit den Kindern verfeinden und in seinen alten Tagen noch ein junges Mädchen heiraten sollen! Er ist doch ein alter Mann, schon mehr als sechzig, und

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