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Das jüdische Echo · 1929-07-19 · 16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
16 (19.7.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-07-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMA'N- BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJDDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 15. Fortsetzung. “Oh“ — der Schammes blieb erfreut stehen und wollte Reb Itsche die Hand reichen; er erinnerte sich aber, daß er eine Prise Tabak zwischen zwei Fingern hielt, stopfte sie schnell in die Nase, verzog das Gesicht und wischte seine Hände an seinem Ripskaftan ab. „Scholem Alejchem, Reb Itsche!“ „Wie geht es dem Rabbi?“ „Er ist schwach, Reb Itsche, sehr schwach!“ antwortete der Schammes seufzend. „Seit gestern hat er gar nichts im Mund gehabt!“ „Kann man jetzt zu ihm hinein?“ „Ja ... das heißt... hinein kann man“ — der Schammes stotterte verlegen — „nur wenn Ihr jetzt hineingeht, wird der Rabbi nicht essen. Seid nicht böse, Reb Itsche, geht indessen zu Reb Dowidl; sobald der Rabbi gegessen hat, rufe ich Euch sofort; gut?“ „Gut, gut!“ Reb Itsche rieb sich die Hände und ging mit Mordechai zu Reb Dowidl, dem ältesten Sohne des Rabbi. Reb Dowidl, ein schöner Mann in den Vierzigern, mit vollen, leicht geröteten Wangen und gekräuselten Schläfenlocken, die wie Spiralen gebogen waren, stellte das Glas Tee weg, das er in der Hand hielt, stand auf und ging den Gästen entgegen; er trug einen gestreiften seidenen Schlafrock und ein Paar persische, weiche Pantoffel. Während er Reb Itsche die Hand reichte, fragte er, auf Mordechai deutend: „Wer ist der junge Mann? Das Gesicht kommt mir bekannt vor ...“ „Das ist der Sohn Reb Abraham Schreibers.“ „So, er sieht dem Vater sehr ähnlich.“ Reb Dowidl streckte Mordechai eine kleine, weiche, warme Hand entgegen; er zog sie nicht sofort zurück, führte ihn zum Tisch und rückte ihm einen Stuhl zurecht. „Nimm Platz, du bist, glaube ich, der einzige Sohn, was? Wie geht es dem Vater?“ Mordechai wurde verlegen; ehe er noch Zeit hatte zu antworten, sprach Reb Dowidl bereits mit Reb Itsche, (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin Reb Dowidl hielt sich für einen schwerkranken Mann — er hatte schlimme Füße, litt an Gallensteinen und fürchtete, er würde asthmaleidend werden. Jedes Jahr fuhr er in ausländische Bäder, kam stets leidender zurück als er hingefahren war, brachte immer eine frische Krankheit mit, von der noch niemand etwas gehört hatte, und hütete sie wie einen Schatz. Wenn er von seinen Krankheiten sprach, lebte er auf; er fand Freude daran, allen Angst einzujagen, hatte den Wunsch, bedauert zu werden, und mehr als einmal, wenn es am Hofe Streit gab, schreckte er die Leute mit der Drohung, er würde sich operieren lassen. Das ganze Hofleben war beherrscht von Dowidls Krankheiten. Seine Frau verbrachte ganze Tage damit, um nachzudenken, was sie kochen solle, damit ihr Mann daran seine schwache Gesundheit stärke. Die Kinder gingen auf den Zehenspitzen durch die Zimmer und hüteten sich vor einem lauten Wort oder einem Geräusch, als wären sie in einem Spital; sie dachten stets daran, daß der Vater nicht gesund sei. Reb Dowidl selbst lernte wenig und war viel mit seiner eigenen Apotheke beschäftigt, in der auf Regalen viele hundert Tiegel und Fläschchen und verschiedene Rezepte standen; auch spielte er Schach. Zwei- bis dreimal in der Woche, sobald die „Gazeta Codzenna“ nach Kozk kam, brachte Schlojmele, der Feldscher, Reb Dowidl die Zeitungen und las ihm vor, was sich an wichtigen Ereignissen in der Welt begeben hatte. Reb Dowidl wußte von dem kleinsten Klatsch, der am Hofe des Rabbi verbreitet wurde; er achtete darauf, daß niemand zum Vater vorgelassen wurde und führte am Hofe ein strenges Regiment. Dowidl wandte sich an seine Frau, die beim offenen Fenster in einem tiefen Plüschfauteuil saß und Tee trank. „Surele, weißt du, wer das ist? Das ist Dwojreles Sohn, ihr Einziger!“ Surele, in schwarzem Seidenkleid und schwarzer Haube, die ihr bis zur Hälfte in die Stirn reichte, erhob sich überrascht aus

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