Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 15 (12.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 57 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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57 Nr. 15 Komanbeilage des „Jüdischen Echos“ sten und grübelten. Mordechai vertrat einem von ihnen den Weg und fragte: „Wann betet man hier?“ Der Chassid neigte gewohnheitsmäßig ein Ohr, um besser zu hören, was man ihn fragte; verdrießlich, da er aus seinen Gedanken gerissen worden war, fuhr er den Frager an: „In Kozk betet man nicht!“ In größter Verwunderung zuckte Mordechai mit den Achseln und sah eine Weile dem Chassid nach; dann trat er zu einem offenen Fenster, das auf den Hof führte. Der Hof war schwarz von Chassidim. Einige saßen auf Holzklötzen oder auf Steinen, andere lagen auf dem Grase; sie plauderten gemütlich vor ihren geöffneten Bündeln und aßen zusammen. Ein alter Chassid ging zwischen der Menge mit einem Korb Brezeln umher, der größer war als er selbst, und schrie: „Wer hungrig ist, komme und esse!“ Die Brezeln verschwanden sofort. Das war Mojschele, der Chassid, der den Dienst auf sich genommen hatte, an jedem Morgen bei den Stadtbäckern einen Korb Brezeln zu kaufen und ihn im Beth Hamidrasch zu verteilen. An der Seite des Hofes, die gegenüber dem Hause des Rabbi lag, saßen die Dorfjuden in schweren Kaftanen, ältere Frauen mit ihren Töchtern, junge Frauen, Mütter mit kranken Kindern und Krüppel. Aus ganz Polen waren sie zusammengekommen, jeder mit seinem schweren Kummer, jeder mit seinem Herzleid; viele Meilen waren sie zu Fuß gegangen, von der Hoffnung beflügelt, der Rabbi würde ihnen helfen. Und obwohl sie wußten, daß Reb Mendele schon seit Jahren keinen Wunschzettel entgegennahm, kamen sie doch aus ganz Polen und saßen den ganzen Tag vor des Rabbi Fenster, überzeugt, daß schon der Blick des Rabbi heilen könne. Müde, mit traurigen Gesichtern, saßen sie in Gruppen da, die Köpfe gesenkt wie Kranke im Wartezimmer des Arztes. Jeder hörte die Leidensgeschichte seines Nachbarn an, sie seufzten miteinander und gaben sich gegenseitig Ratschläge. Plötzlich hörte Mordechai ein Bellen, daß es ihm kalt über den Rücken lief. Unter den Kranken kroch ein junges Mädchen auf allen Vieren umher, streckte den Kopf mit den gläsernen Augen in die Höhe und bellte wie ein Hund. Die Menge wich zurück und stand hilflos da; ihre stumpfen, traurigen Gesichter blickten so erschrocken drein, daß es Mitleid erregen mußte. Das Mädchen fühlte sich freier, da die Menge zurückgewichen war; sie öffnete das Kleid, streckte den Kopf noch höher empor, bellte und benahm sich wie ein Hund, der irgendwo Feuer wittert, sich auf die Hinterbeine stellt, den Schweif einzieht und heult, daß es wie das unglückbedeutende Pfeifen eines fernen Sturmes klingt. Die Chassidim sprangen von ihren Sitzen auf und umringten die Kranke. „Ein Dybuk ist in ihr, daß Gott bewahre, begießt siemitNägelwasser!“ rief ein Chassid. „Leute, laßt mein Kind in Ruhe!“ bat eine alte verweinte Frau, umfaßte die Tochter und küßte sie. „Lea, liebe Lea, hab’ Mitleid mit deiner kranken Mutter, beschäme mich nicht vor der ganzen Welt, Lea, sei doch ruhig, liebes Kind!“ Inzwischen hatte ein Chassid aus dem Beth Hamidrasch einen Eimer Nägelwasser gebracht und goß es dem Mädchen über den Kopf. Die Kranke stieß einen lauten Schrei aus, wurde ganz wirr, hörte auf zu bellen und lag besinnungslos, ganz durchnäßt, im Sande, nur ihre Beine zuckten. Die Mutter wollte ihre Tochter zu sich bringen, riß sie an den Haaren und an der Nase; als nichts half, sprang sie auf, rang die Hände und rief im Singsang einer Totenklage den Umstehenden zu: „Was wollt ihr von meiner Tochter? Gebt mir meine Tochter wieder!“ Plötzlich lief sie vor das Lenster des Rabbi und klopfte mit beiden Händen daran, daß die Scheiben zitterten; weinend flehte sie: „Lieber Rabbi, heiliger Rabbi, habt Mitleid mit einer armen Mutter! Eine einzige Tochter habe ich! Von zehn Kindern das einzige geblieben! Rabbi!...“ Während die alte Frau beim Fenster des Rabbi stand und weinte, wurde es auf dem Hofe so still, daß man hörte, wie die Kranke mit den Füßen schlug. Alles spitzte die Ohren und stand mit offenem Munde da; alle waren überzeugt, der Rabbi würde befehlen, die Kranke zu holen. Der Rabbi, ein kleiner, grauer Mann, dessen Gesicht aus dem wirren Wald der Haare kaum herauszusehen war, stand am Fenster mit geballten Fäusten und schrie der Menge zu: „Ochsen, fort, fort aus meinen Augen! Ich bin kein Doktor; ich habe gehofft, ein Menschenarzt sein zu können und ihr habt mich zu einem Quacksalber gemacht! Was wollt ihr jetzt von mir?“ Die Kranke war vergessen; alles erbebte vor den Worten des Rabbi. Inzwischen war das Mädchen zu sich gekommen, kroch auf allen Vieren zum Fenster und begann gerade in diesem Augenblick wie ein Hund zu heulen; alle durchlief ein Schauer.