Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 15 (12.7.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 15 streuten sich ängstlich, denn sie wußten nicht, woher der Stein gekommen war. „Die Russen würden das nicht tun!“ Der Krüppel humpelte den Hügel hinan und schrie mit erstickter Stimme: „Wie können Juden, noch dazu Chassidim, die zum Rabbi fahren, solche Schändung an einem Toten begehen? Verbrennen mögt ihr, nicht erleben, die Stadt zu betreten! Gott möge euch strafen, Blut mögt ihr spucken!“ „Was will der Krüppel?“ rief einer. „Leute, nehmt ihm die Krücke weg und laßt ihn auf Reb Bereks Grab, bei seinem Zaddik, er stinke zufrieden!1 Dort mag er weiterbellen!“ Der Alte hob drohend die Krücke, als fürchte er, man würde ihm das Grab wegnehmen. Wie ein treuer Soldat stand er davor und schrie: „Versucht es nur! Versucht es! Verräter Israels! Glaubt ihr, alles wäre erlaubt? Erschlagen werde ich euch!“ Ein junger Mann schlich sich zum Hügel heran und wollte dem Alten die Krücken wegnehmen; Reb Itsche sprang vom Wagen, ging rasch auf den jungen Mann zu, faßte ihn bei der Hand, sah ihn fest an und bleich, vor Aufregung zitternd, stieß er hervor: „Was willst du tun, schäme dich... ein wahrer Chassid muß den Sünder lieben können ... lieben können ... wie sündig auch ein Mensch sein mag, er ist doch ein Ebenbild Gottes... Israel meint, er habe sich Gottes angenommen, aber ich sage dir,“ Reb Itsche schrie die Worte beinahe, „er hat soeben gemeines Unrecht getan; nicht nur er selbst hat gesündigt, sondern er hat andere zur Sünde verleitet, wodurch ist er besser als Jerobeam?“ Der barfüßige Israel stand zwischen der Menge, band sich die Stricke um den bloßen Leib, wo sie blutige Striemen hinterließen, fester und ohne auf Reb Itsches Worte zu achten, fluchte er mit den ärgsten Schimpfworten und sprach dabei immer wieder vor sich hin: „Greuel aller Greuel, Scheuei aller Scheuei, ein Bannfluch ihm!“ Schmiel stand plötzlich neben Mordechai; er lächelte seltsam, als machte ihm der ganze Vorfall Freude, und sprach leise, halb vor sich hin: „Was sagst du zu dem barfüßigen Israel? Hast du seine Kollektion Flüche und Schimpfworte gehört? Die. Leute sagen, er sei ein Gottesmann und diene dem Herrn der Welt aus dem Vollen; daß Reb Itsche ein Zaddik 1 Schmähende Verdrehung für „Friede sei mit ihm“, in der Übersetzung frei wiedergegeben. Anmerkung des Übersetzers. ist, darüber gibt es nichts zu sagen, das sieht ein jeder — nur ist die Frage, wer von beiden hat recht? Ich will nichts sagen, es ist mir nur so eingefallen.“ Schmiel lächelte und ließ kein Auge von Mordechai. Mordechai antwortete nicht, Schmiels Lächeln war ihm widerwärtig; er wandte sich ab und fühlte dabei, daß ihn Schmiels Worte nicht in Ruhe ließen — wirklich, wer von beiden hatte recht? Einer widerspricht doch dem anderen? Die Chassidim hatten Furcht vor dem Fluchen des barfüßigen Israel und wurden verlegen ob Reb Itsches eindringlichem Wort; sie bestiegen wieder die Wagen, schämten sich voreinander und fuhren in die Stadt. Mordechai fuhr nicht mit; er sagte Reb Itsche, er wolle zu Fuß in die Stadt gehen; traurig, wehmütig, als hätte man ihm das Heiligtum seines Lebens geschändet, blieb er in Gedanken versunken unter einem Baume stehen, um zu beobachten, was der Alte weiter tun würde. Der Alte stand noch eine Zeitlang mit der Krücke in der Hand, bewegte die Lippen nach der Richtung, wo die Chassidim fuhren, als sandte er ihnen einen Fluch nach, und ließ sich dann langsam neben dem Grabe nieder. Leise trat Mordechai näher; er merkte, daß der Alte neben dem Grabe saß und weinte, und das Herz tat ihm weh. Über ihn gebeugt blieb er stehen und trocknete die Tränen, die ihm in die Augen getreten waren. Der Alte erblickte Mordechai; schweigend sah er ihn an, fühlte, daß es noch Rechtlichkeit auf der Welt gebe und es wurde ihm leichter ums Herz. Der Tag war weit vorgeschritten. Die Sonne brannte, sandte Bündel von Lichtstrahlen, neckte jung und alt; man atmete freier auf; Sorge und Kummer waren für eine Weile wie fortgezaubert; Altes wurde wieder jung. Mordechai half dem Greise aufstehen, und wie zwei Freunde zogen der Alte und der Jüngling auf der sandigen Straße bis nach Kozk. Rabbi Mendele der Kozker Am nächsten Tage saß Mordechai den ganzen Morgen im Beth Hamidrasch des Rabbi und war verwundert, warum die Leute sich nicht zum Gebet anschickten. Es war nach zwölf Uhr. Im leeren Beth Hamidrasch spazierten einzeln einige zerlumpte Chassidim mit verwilderten Bärten umher, als wären sie ganz fremd hier; sie machten sonderbare Ge-