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Das jüdische Echo · 1929-07-12 · 15 (12.7.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 58

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
15 (12.7.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-07-12
Page
Seite 58 (sequence 4)
Language
German
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58 Nr. 15 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Mordechai sah die verzerrten Gesichter, die um Mitleid baten, sah die abgezehrten Kinder, die sich an die elenden Mütter klammerten, sah die Krüppel, deren wehmütige Augen aufglänzten, sah verächtlich auf die Chassidim ringsum, die höhnisch zu sagen schienen: sie bellt den Rabbi an, sie bellt den Rabbi an ... Mit halbgeschlossenen Augen stand Mordechai da; er fühlte, jetzt würde jemand kommen. Er sah eine Gestalt, eine helle Gestalt durch die Menge dringen, leicht wie ein Wind; sie rührte jeden mit bleichen Fingern an und durchriß das Getümmel... Mitten auf dem Hofe stand eine junge Frau. Sie riß sich ihr altes Samtkleid vom Leibe, fiel halbnackt auf den Sand nieder; aus dem schaumbedeckten Mund rollte sich wie ein Knäuel ein Gelächter, das klang wie Greisenlachen. Ein zweites, ein drittes antwortete, eines lauter als das andere, eines frecher und ausgelassener als das zweite. Das Gelächter sprang durch den Hof, es klang, als stünden mitten in der Menge alte Juden mit langen Bärten und hielten sich die Bäuche vor Fachen. Dieses Gelächter sprang hin und her und vereinigte sich dann mit dem Bellen; es klang frech und ausgelassen, als wären böse Geister vor des Kozkers Fenster gekommen, um ihn toll zu machen. In der Menge tauchte Reb Itsche auf; er ging auf die Bellende zu, legte die Hand auf ihr Haupt und fragte sie: „Wie heißt du?“ „Lea!“ antwortete das Mädchen bellend... „Was fehlt dir, Lea?“ fragte Reb Itsche weiter. „Da sitzt etwas“ — das Mädchen deutete auf ihr Herz und brach in Tränen aus. „Weine nicht, liebes Kind“, suchte Reb Itsche sie zu beruhigen, indem er sie bei der Hand packte. „Steh auf; so! Gott wird dir helfen, du wirst gesund werden.“ Das kranke Mädchen begann zu lächeln, das Lächeln ging bald in ein seltsames Gelächter über, sie umfaßte Reb Itsche mit beiden Händen und rief: „Mein Bräutigam! Du bist mein Bräutigam!“ Reb Itsche entzog sich der Kranken nicht; er blieb in ihrer Umarmung stehen und sah sie mit trauernden Augen an, wie wenn ein Vater auf seine kranke Tochter schaut; dabei beruhigte er sie: „Sei nur ruhig, Lea! Ich bin dein Bräutigam!“ „Verrücktes Ding!“ rief die Mutter und riß das Mädchen von Reb Itsche los. „Hast du schon gar keine Scham mehr?“ Die Kranke sah sich um, sie schien erst jetzt die Menge ringsum zu bemerken; ihr wurde klar, was sie getan hatte, und verlegen, mit gesenktem Blick, drückte sie sich an die alte Mutter. „Sie hat aufgehört zu bellen!“ rief einer aus der Menge. „Der Böse hat keine Macht gegenüber dem Zaddik.“ „Wo ist Reb Itsche?“ „Da steht er doch!“ „Wo?“ „Reb Itsche ist der wahre Zaddik seiner Zeit!“ schrie der barfüßige Israel. „Seht, Rabbi Mendele steht noch am Fenster!“ rief einer und deutete mit dem Finger hin. Rabbi Mendele stand unbeweglich die ganze Zeit am Fenster, blickte auf Reb Itsche, und sein altes, verrunzeltes Gesicht leuchtete. Reb Itsche führte das kranke Mädchen zu einem Holzklotz, setzte sie dort nieder und beruhigte sie; als er den Rabbi sah, der am Fenster stand und ihn unverwandt anblickte, da senkte er beschämt den Kopf und ging. Er trat ins Beth Hamidrasch; einige Male durchlief er es in seiner ganzen Länge, den schwarzen Bart kauend; dann blieb er plötzlich stehen, nahm ein Buch aus dem Schrank, stützte den Fuß auf einen Schemel, brummte etwas vor sich hin, blätterte, stellte das Buch zurück auf seinen Platz und begann wieder im Beth Hamidrasch auf und ab zu gehen. Mordechai kam ihm entgegen. Reb Itsche sah ihn an, als kenne er ihn nicht und hätte ihn nie gesehen. Mordechai wurde verlegen und wollte umkehren; da legte Reb Itsche seinen Arm um ihn: „Nun, Mordechai, hast du schon gefrühstückt?“ Mordechai nickte mit dem Kopfe, obwohl er seit gestern keinen Bissen gegessen hatte. „So komm, wir wollen zum Rabbi.“ Reb Itsche faßte Mordechai unterm Arm und verließ mit ihm das Beth Hamidrasch. Der Schammes des Rabbi, ein alter Mann mit langen, schweren Schläfenlocken, ging eilig vorüber. Seine langen Schläfenlocken flogen nach rechts und links und sahen aus wie die gespreizten Flügel eines Storches. Reb Itsche hielt ihn an: „Guten Morgen, Reb Feiwisch!“ Fortsetzung folgt.

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