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Das jüdische Echo · 1929-07-05 · 27 (5.7.1929) · p. Seite 54

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
27 (5.7.1929)
Date
1929-07-05
Page
Seite 54 (sequence 10)
Language
German
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54 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 14 Friedhof gerieten in Brand; nun hatten wir Feuer von hinten und Feuer von vorn. Aber wir sind gestanden wie ein Mann, bis zur letzten Minute, und wie der Feind in die Schanzen eindräng, da sind wir auch nicht davon, sondern haben um jeden Zoll Erde gekämpft; das Blut floß wie Wasser. Begreift ihr? Zehn Russen auf einen Juden. Wie Heuschrecken schwärmten sie aus dem Walde hervor, aber keiner von uns hat sich ergeben. Wie wir abgezogen sind, da habe ich eine Kugel in den Fuß bekommen.“ „Man erzählt, daß Schmiel Zbytkower .. begann einer. „Ob ich Schmiel Zbytkower gekannt habe? Ha ha, das war ja ein Engel!“ fiel der Alte dem Chassid ins Wort. „Ihr wißt ja gar nichts; wie die Kosaken in Praga eingedrungen sind, da haben sie dort ein Blutbad angerichtet, daß Gott bewahre und beschütze! Und wäre nicht Schmiel Zbytkower gewesen, Gott weiß, ob ein Jude in Praga leben geblieben wäre! Stafetten hat er ausgeschickt, Reb Schmiel nämlich, und hat kundgetan, jeder Kosak erhalte für einen toten Juden einen Silberrubel und für einen lebenden ein Goldstück: natürlich hat man ihm lebende Juden gebracht...“ Der Alte schwieg; gewohnheitsmäßig tastete er, ob seine Krücke neben ihm sei, seufzte und senkte den Kopf. „Und was ist mit Berek geschehen?“ fragte Schmiel. „Ist er in Polen geblieben?“ „Da wäre er aber dumm gewesen!“ Der Alte lächelte. „Noch am selben Tag ist er fort. Ihr wißt ja gar nichts; wäre er damals auch nur einen Tag in Praga geblieben, so hätte man ihn auf gehängt! Es war alles haargenau ausgerechnet, hinter allem, müßt ihr wissen, haben große Leute gesteckt!“ „Er ist aber zurückgekommen, Berek nämlich“, unterbrach ein anderer Chassid den Alten. „Langsam, langsam, Vetter,“ der Alte winkte dem Chassid mit der Hand zu, er möge schweigen, „nur'nicht Fische fangen, ehe ihr das Netz habt! Was wollte ich nur sagen? Ja, in der ersten Zeit hat man gar nichts von ihm gehört, von Berek nämlich, als wäre er ins Wasser gefallen. Dann hat man erzählt, er sei Napoleons Adjutant geworden und erobere ein Land nach dem anderen; alle, sogar die Christen, haben geglaubt, unser Berek würde Polen wiedererobern. Jetzt, meine lieben Leute, lassen wir Berek und kehren wieder zu meinem Fuß zurück. Ihr könnt zuhören, was alles vorkommt — ich habe im Spital gelegen bis tief in den Winter hinein. Die Sache zog sich hin, es wurde nicht besser. Kurz und gut, was soll ich lange erzählen? Der Fuß wurde mir bis zum Knöchel abgenommen. Ich brauche euch nicht erst zu sagen, wie mir zumute war — ein Krüppel, keinen Groschen im Beutel und der Pessach nahte. Da blieb wohl nichts übrig, als einen Sack zu nehmen und betteln zu gehen. Aber wir haben einen Gott, der sorgt für die Heilung, noch ehe die Wunde geschlagen ist. An dem Tage, an dem ich das Spital verlassen wollte, kommt ein wildfremder Mann hin, fragt nach meinem Namen, läßt einen Beutel mit zweihundert Gulden für mich zurück, und hui — fort war der Kerl. Später habe ich erfahren, daß ein jüdischer Magnat jedem, der von Bereks Regiment leben geblieben war, zweihundert Gulden geschickt hatte. Damals, ihr versteht, war das ein Riesenvermögen; man hat mir auch bald eine Braut aus Kozk angetragen, Schlojme, des Baders jüngste Tochter. Kurz und gut, was soll ich erst lange erzählen, ich habe geheiratet. Nach der Hochzeit sagte der Schwiegervater zu mir — er war ein gescheiter Mann: ,Simche, mein Rat ist, du mögest Bader werden; wenn das einen Fremden erhält, wird es dich sicher erhalten! Ein bißchen scheren, ein bißchen zur Ader lassen — das gibt mit Gottes Hilfe einen schönen Verdienst. Damals ließ sich nämlich jeder Bürger einmal im Monat, wenn er im Bade war, die Haare schneiden und einen Aderlaß machen. Das ganze Vergnügen hat damals einen Dreier gekostet, ha, ha, ha. Kurz und gut, ich bin ein bißchen abgeschweift, wo bin ich denn nur stehengeblieben? Ja, ich bin Barbier geworden. In der ersten Zeit habe ich mich ordentlich ums liebe Brot rackern müssen; die Kinder ■— euch verschone solches Unglück — sind mir früh gestorben. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Kurz und gut, es geht natürlich nicht so schnell, wie man es erzählt — eines Tages werde ich in ein Dorf hinter Lukow gerufen. Ein Randar war von einem leichten Schlage gerührt worden und verlangte unbedingt, nur ich möge ihm zur Ader lassen. Die Reise in das Dorf war damals sehr schwer. Denn in Kozk, ihr versteht, saßen damals die Österreicher und in Lukow die Russen; ein solcher Weg war damals lebensgefährlich. Mir machte das nichts aus, ich wußte, mich, einen Krüppel, würde niemand behelligen. Kurz und gut, ich ließ dem Mann zur Ader und es wurde ihm besser; wie ich auf dem Rückweg aus dem Dorfe herausfahre, kommt mir da nicht Berek entgegen? (Forhetzg.iolgt)

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