Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 53 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Komanbeilage des „Jüdischen Echos' 55 „Bei demselben, der hinter Kozk begraben liegt?“ „Ja, ja,“ der Alte zog eine aus Horn gedrechselte Tabaksbüchse hervor, nahm eine große Prise, bückte sich, nieste in seinen Bart und ließ die Tabaksdose weitergehen, „bei demselben habe ich gedient, bei Berek...“ „Und es war wirklich ein so großes Morden, wie.?“ fragte ein Chassid, während er seine Samtmütze putzte. „Man erzählt, daß es schrecklich war... Ich weiß es nicht, aber man sagt, das ganze jüdische Regiment sei umgekommen...“ „Richtig, richtig,“ der Alte wies auf seine Krücke, „dort bin ich auch meinen Fuß losgeworden!“ „So — wirklich, ei, ei!“ Einige Chassidim bewunderten die Krücke, als hätte sie jetzt mehr Bedeutung bekommen. Der Alte dachte eine Weile nach, dann seufzte er: „Ach, Jahre sind’s her, lange Jahre...“ „Und er war wirklich, der, wie heißt er nur, na, der Berek,“ fragte der Chassid mit der Samtmütze wieder, „er war also wirklich ein so großer Führer? Da mußte er ein Mann mit Kopf sein! Es ist nicht so ohne, Taktik! Das ist eine schwere Wissenschaft!“ „Ein Abtrünniger war er!“ warf einer ein. „Öffentlich hat er den Sabbat entweiht!“ „Bist nicht wert, seinen Namen in den Mund zu nehmen!“ fuhr der Alte hitzig auf. „Wer bist du, Zaddik im Pelz? Kümmere dich lieber um deine eigenen Sünden!“ „Am Jom-Kippur hat er Krieg geführt“, warf ein zweiter Chassid ein. „Ja, das hat er!“ Zornig hob der Alte die Krücke, als wollte er auf den Chassid losgehen. „Rabbi Meirl hatte es erlaubt; wenn du nichts weißt, so schweig!“ „Nur nicht streiten, nur nicht streiten!“ beruhigte Schmiel den Alten. „Wer streitet denn?“ schrie der Alte noch lauter. „Ich kann nur nicht leiden, wenn einer redet und nicht weiß, was er redet.“ Mordechai zog ein Fläschchen süßen Schnapses aus dem Koffer und reichte es dem Alten; der machte einen Zug, daß mehr als die halbe Flasche leer wurde. Der Schluck erwärmte ihn und er wurde lebhaft. „Wie hat Berek mit euch gesprochen? Jidisch?“ fragte Mordechai. „Welch eine Frage! Natürlich jidisch!“ Der Alte lächelte. „Ich erinnere mich ■— ich sehe ihn vor mir, als wär es heute —, wenn er auf dem weißen Gaul saß, so hat er ausgesehen wie ein Kaiser, und einen Schnurrbart hatte er, alle Polen haben ihn darum beneidet; ich übertreibe nicht, der Schnurrbart hat ihm bis zu den Schultern gereicht.“ „Waren auch ältere Juden im Regiment?“ fragte Mordechai. „Ältere?“ Der Alte schloß ein Auge und dachte eine Weile nach, als begriffe er nicht sofort, um was er gefragt wurde. „Ältere gab es wenig, es waren zumeist junge Leute. Unser Regiment hat sich aber nicht schämen müssen! Sogar die Ulanen waren zurückgegangen, sie konnten das Feuer des Feindes nicht mehr aushalten, aber wir Juden sind mehr als vier Wochen beim alten Friedhof hinter den Schanzen gelegen, haben den Russen unser Pulver kosten lassen und ihn festgehalten. Hätten wir damals nur e i n Regiment zu Hilfe bekommen.“ der Alte senkte seine Stimme, als spräche er ein tiefes Geheimnis aus, „so wäre Warschau in unseren Händen geblieben. Selbst am Jom-Kippur haben wir die Schanzen nicht verlassen. Rabbi Meirl hatte es gestattet. Ich erinnere mich, als wäre es heute, nach Kol Nidre hat sich der Himmel geklärt, die Sterne leuchteten, lagen wie Blattern, einer dicht neben dem anderen. Es war eine helle Nacht. Keiner von uns hat ein Auge geschlossen. Wir saßen in Gruppen bei kleinen Feuern, plauderten, machten ein paar jüdische Späße und erwarteten jede Minute den Sturm des Feindes auf unsere Schanzen. Berek war mit uns; er ging von Feuer zu Feuer, für jeden hatte er ein gutes Wort oder einen Witz bereit, und wohin er kam, dort wurde es fröhlicher. Was wisset ihr? Das war ein fröhlicher Kerl, ein Diamant! Kurz und gut, ja, wo halte ich denn? Ja, der Feind war sicher, die Juden würden am Jom-Kippur nicht kämpfen; so hat er bei Tagesanbruch den Sturm auf unsere Schanzen begonnen. Wie soll ich euch das schildern, Kinder? Die Luft glühte, es regnete Feuer... aber wir haben auch nicht geschwiegen! Jedesmal, wenn der Feind aus dem Wald gegen uns vorrückte, da hat es ausgesehen, als bewegte sich der Wald; man konnte ordentlich Furcht bekommen. Und wie der Feind näher an die Schanze herangekommen ist, da haben ihn unsere Kanonen niedergemäht, wie wenn man mit einer Sense übers Gras fährt. So ging’s bis in den hellen Tag hinein; Berek ist von einer Schanze zur anderen gesprengt. Drei Pferde fielen an diesem Morgen unter ihm; jedesmal, wenn er kommandierte: ,Feuer!‘, da haben die Kanonen drauflosgedonnert, daß dir beinahe das Trommelfell in den Ohren zersprang. Der Feind kam immer näher. Die jüdischen Holzhäuschen hinter dem