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Das jüdische Echo · 1929-07-05 · 27 (5.7.1929) · p. Seite 52

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
27 (5.7.1929)
Date
1929-07-05
Page
Seite 52 (sequence 8)
Language
German
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52 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 14 schlugen an die hohen Kiefern wie an gespannte Saiten und hallten tief in den Lukower Wäldern wider, als irrten sie unter den vielästigen Bäumen umher. Ein Bauer geriet unter die Betenden, zog den Hut und bekreuzte sich furchtsam. Bald aber merkte er, daß es betende Juden waren; eine Weile stand er still da, dann ging er, beruhigt, da nicht weit von ihm Menschen den Namen Gottes anriefen, mit sicheren Schritten in den finsteren Wald hinein. Nach dem Gebete bestieg die Menge wieder die Fuhre und die Pferde trotteten langsam weiter. Einige Chassidim streckten sich auf ihre Bündel hin und schauten in den Sternenhimmel, der über dem dichten Walde hing; es kam ihnen vor, der Wagen würde nie aus der Dunkelheit herauskommen. Andere waren eingenickt, andere rückten zu einer Gruppe zusammen und saßen mit geschlossenen Augen da, von den Lichtstrahlen des Mondes geblendet; sie scheuten sich, auf den Wald zu schauen, fühlten ihre ganze Hilflosigkeit und Furcht vor der Nacht’ und erzählten einander Geschichten. Der barfüßige Israel saß auf dem Bock und sang ganz leise vor sich hin; es klang wie das Summen einer gequälten Fliege; dazu klatschte er in die Hände und zog die Töne so wehmütig und herzzerreißend, daß alle in der Fuhre verstummten. Sein summendes Singen ging allmählich in ein Weinen über und hatte keine menschlichen Töne mehr. Lange lag das Weinen in allen Ohren und ließ die Stille noch mehr hervortreten, machte die Furcht noch größer, die Dunkelheit noch tiefer. Mordechai erinnerte sich, daß er neben Reb Itschesaß.Plötzlichbemerkte er, daß der Himmel lichter wurde; die Sterne wurden größer, blitzten stärker und lagen wie hingestreut nebeneinander; sie senkten sich tiefer und schienen sich jetzt über alle Häupter zu ergießen. Reb Itsche faßte Mordechai bei der Hand, blickte zum Himmel hinauf und fragte ihn: „Hörst du?“ Nun hörte dieser tausend Töne herandringen, einer leiser als der andere. Die Töne kamen aus dem Walde, aus der Finsternis, von den Sternen. Mordechai fühlte Reb Itsches Hand und hörte seine Worte, die ihm ums Ohr klangen, als streichle ihn jemand mit einer Flaumfeder: „... durch wirklichen Gesang kann man zur Stufe der Prophetie gelangen; der wahrhafte Zaddik ist mit dem Herrn der Welt vereinigt nur durch Gesang.. Bei Tagesanbruch erhob sich Mordechai. Der Wagen stand still. Ein Greis auf hölzernen Krücken, einen Sack auf den Schultern, kam heran: „Guten Morgen, nehmt einen Juden in die Stadt mit!“ Man machte Platz und setzte den Alten in die Fuhre. Jemand fragte ihn: „Seid Ihr von Kozk?“ „Beinahe“, antwortete der Alte lächelnd, „eigentlich bin ich in Praga geboren, doch ich wohne in Kozk schon mehr als vierzig Jahre!“ „Wie alt seid Ihr, Großväterchen?“ fragte ein junger Mann, indem er den Alten am Ärmel zupfte. . „Mußt du das unbedingt wissen?“ antwortete der Alte brummig, fuhr aber gleich wieder fort: „Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, ich weiß es selber nicht; wie ich bei Berek vor Praga gedient habe, da war ich sechzehn Jahre alt und das ist schon ein paar Jahre her, beinahe, wart’, das war 1790, also rechnet es euch aus!“ Der Alte lächelte; seine zwei letzten Zähne ragten dabei wie Schaufeln hervor. „Da seid Ihr also schon nahe an die Achtzig“, rief einer. „Ihr habt nicht gut gerechnet, lieber Freund,“ der Alte lächelte, „ich bin älter,“ „Natürlich, natürlich,“ mischte sich Schmiel ein, „der Mann ist schon mehr als achtzig.“ „Der junge Mann hat’s erraten,“ der Alte nickte mit dem Kopfe, „am ersten Tage Schewuoth bin ich einundachtzig Jahre alt geworden.“ Die Pferde kamen auf die Chaussee, zogen fester an und trugen die Fuhre mit lautem Klappern vorwärts. Sie knarrte und ächzte, die Räder rieben sich an den trockenen Achsen mit einem Kreischen, das die Zähne stumpf machte. Mordechai betrachtete den Juden, der an der Schlacht bei Praga teilgenommen hatte, und fühlte sich zu ihm hingezogen. Er setzte sich näher zu dem Alten hin; sein Staunen und seine Überraschung waren so groß, daß er nicht wußte, was er ihm zuerst sagen sollte. Mehr als einmal hatte er von seinem Vater gehört, ein Verwandter der Familie, Schlojme Zbytkower, hätte damals den Kosaken einen Silberrubel für jeden toten Juden und einen Goldrubel für jeden lebendigen gezahlt. „Ihr habt also bei Berek Josselowitsch gedient?“ Ein alter Chassid, der die ganze Zeit stumm auf seinem Bündel gelegen war, setzte sich .plötzlich auf und rieb sich die Augen.

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