Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 26 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 413 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 413 dasselbe, in. dessen Hause mein Vater, als er nach Gomel kam, Unterricht erleille. Reh Josche Zeitlin war ein „Gwir“, ein vermögender, einflußreicher Mann. Sein Äußeres und sein Benehmen zeigten es deutlich. Von Gestalt war er mittelgroß und kräftig gebaut. Sein Gesicht, von einem nicht zu großen Barle umrahmt, würde jeden Maler interessiert haben. Die Augen waren von huschigen, schwarzen Brauen Überhängen und blickten scharf und strenge, die Lippen waren dünn und energisch geschlossen. Seine Stimme klang harsch und befehlend. Er wurde respektvoll mit ,,Reb Josche“ oder „Reh Jossef“ angesprochen, sagte aber seinerseits beinahe zu allen „Du“. Er sah dem Pharisäer auf dem Bilde „Christus vor Pilatus“ von Munkacsky täuschend ähnlich. — Seine Frau hieß Schosehe. Sie war rotbackig und wohlgenährt; man hätte ihr den Wohlstand angesehen, auch wenn sie nicht, sogar an Wochentagen, mehrere Reihen kleiner Perlen um den Hals getragen hätte. Reh Josche trug einen teuren Pelz und am Sehabbes eine kostbare Zobelmütze, die ihm ein bojarenhaftes Aussehen verlieh. Er soll übrigens, trotz seines dekorativen Aussehens, zu Hause nicht1 viel gegolten und ganz unter dem Pantoffel seiner Frau gestanden haben. Man sah die Ehegatten schweigend vor ihrem Tuchgeschäft sitzen, er vor der einen Seite des Eingangs, sie an der anderen. Alle beide gaben sehr charakteristische Gestalten ah. Sein Tuchgeschäft ging gut und genoß den Ruf eines soliden, tüchtigen Unternehmens. Als Kaufmann „erster Gilde“ war er auch hei der Obrigkeit angesehen. Sein Ansehen in der Gemeinde aber basierte nur auf seinem Reichtum. Der Respekt, den man ihm zollte, war nicht ideeller Natur, denn ein „Lamden“, ein gelehrter Mann, war er nicht, wenn auch kein „Ambooretz“, kein gänzlich ungebildeter Mensch. Er war der Vorstand des Bethauses, der „Gabai“, und sein Platz an der Ostwand, gleich hei der Bundeslade, war der ehrenvollste. Allerdings ging der Row, dem sonst dieser Platz gebührte, in ein anderes Haus beten. Die Angelegenheiten des Tempels wurden nicht von Reh Josche seihst, sondern vom Küster, dem „Schames“, geleitet. Dieser Schames mit Namen Schmuol Löh, war sein ausgesprochener Günstling und durfte machen was er wollte. Man sah den Küster immer hinter dem Gabai, wie den Schweif hinter dem Kometen. Bei der Gemeinde aber war der Schames wegen seiner Eigenmächtigkeiten unbeliebt und man hätte gerne einen anderen angestellt gesehen; indes gegen Reh Josehes Willen konnte niemand aufkommen. Die Unzertrennlichkeit der beiden ward sprichwörtlich und man antwortete in Gomel, gleichviel um was es sich handelte, auf die Frage: Wie bleibt es? — „Josche bleibt der Gabai und Schmuol Löh der Schames“, womit man sagen wollte, daß alles heim alten bleibe. Später, als ich bereits in Wien war und die Kunstakademie besuchte, bekam ich eines Tages unerwartet Reh Josehes Zeitlin und seine Frau Schosehe zu Gesicht. Er war auf der Durchreise nach Karlsbad und überbrachte einen Brief meines Vaters, der mich bal, mich Reh Josehes in Wien anzunehmen und ihm die Stadt zu zeigen. Ich werde hierüber seinerzeit erzählen. Ein. origineller Typus war auch der in unserer Nachbarschaft wohnende Reh Leih Bravermann, der Sodawasser erzeugte. Er war der Witzhold der Gemeinde. Seine Aussprüche, seine ,,Gleich-Wörtlach“, wurden überall herumerzählt und belacht. Der Mann scheint schon vom freien Denken etwas angehaucht gewesen zu sein und dürfte religiös nicht als ganz zuverlässig gegolten haben, obwohl er ein ebensolcher orthodoxer Jude war wie die anderen. Sein Enkelkind besuchte mit seiner Zustimmung das Gymnasium und Reh Leih seihst stutzte sich ein ganz klein wenig seinen weißen Vollhart, gewiß ein sehr bedenkliches Symptom, denn ein frommer Jude soll den Bart sein Lehen lang mit keiner Schere in Berührung bringen. Als ihn jemand malitiös fragte, wieso ihm der Bart so schön gerade wachse, daß alle Härchen gleich lang wären, gab Reh Leih schmunzelnd zur Antwort: „So, mein Kind, ist es beschert von oben.“ Als ich nach langer, langer Abwesenheit die Heimat wieder aufsuchte, war Reh Leih Bravermann noch am Lehen. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, galt weiterhin als Witzhold und Freigeist und machte noch immer seine „Gleich-Wörtlach“. Eines Tages begegnete ihm der Vater auf der Straße. Der Vater fragte ihn, wohin er gehe? „Mein Kind, ich bin ein alter Mann, ich muß schon an den Tod denken“, gab Reh Leih ächzend auf seinen Stock gestützt zur Antwort . — „Gehen Sie ins Gotteshaus, gehen Sie beten?“ „Nein, mein Kind,“ antwortete Reh Leib, „ich gehe auf den Markt. Kirschen will ich mir kaufen; wer weiß, oh ich die nächste Kirschensaison noch erlebe!“ — Der Mann war ein Philosoph! — Personalia Am 18. Juni verschied im Alter von 66 Jahren die wohl bekannteste und verehrteste jüdische Frau Münchens. Frau Oberin Melitta Feuchtwang. Was diese bedeutende Frau als Leiterin des Jüd. Schwestern- und Krankenheims innerhalb unserer Gemeinde während dreißig Jahren geleistet hat, wird unvergessen bleiben. Bei der Beerdigung am 20. Juni kam dies in Nachrufen der Herren Rabbiner Dr. Baerwald, Justizrat Dr. E. Straus (Vorstand der Jüdischen Gemeinde), Justizrat Dr. E. Fraenkel (Jüdisches Schwesternheim), Julius Basch (Jüdisches- Krankenheim), Prof. Gebele (Ärzteschaft des Krankenheims) und einer Schwester aus Palästina zum ergreifenden1 Ausdruck. Aus den Kreisen der hiesigen1 jüdischen Krankenschwestern wurden uns nachstehende Gedenkworte zur Verfügung gestellt, die wohl am besten die ganze Größe der Heimgegangenen kennzeichnen. Das Israelitische Schwesternheim München, Hermann-Schmid-Straße 5, wurde am 18. Juni durch das jähe Hinscheiden seiner alleits innigst verehrten und1 geliebten Oberin Melitta Feuchtwang in tiefe Trauer versetzt. Es war und ist kaum zu fassen, daß die schaffensfreudige, unermüdliche Frau die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen hat. Riesengroß, fast unersetzlich, scheint der Verlust für das Krankenheim, das sie von Beginn an leitete und in allen Einzelheiten bis in1 die kleinsten. Details unermüdlich betreute. Viel größer aber noch ist der Verlust für die Schwestern, die eine wahre und edle Mutter verloren haben. Wie viel großer und kleiner Kummer wurde in all den Jahren von den Schwestern zu dieser wundervollen Frau getragen und für jede fand sie das richtige Wort. Jede verließ sie getröstet und erleichtert. In ihrem unermüdlichen Arbeitseifer, ihrer strengen Pflichterfüllung, war sie jeder ein