Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 26 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 410 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Das Jüdische Echo Nr. 26 die sieh um den Titel „Geselle“ bewerben, Vorschriften erlassen, die das Resultat haben werden, daß nur ganz wenige jüdische Lehrlinge zu den Prüfungen zugelassen werden. Die jüdische Presse weist auf diesen Tatbestand hin und fordert die jüdische Öffentlichkeit auf, die Anstrengungen der Gesellschaft „ORT“, die auf die Durchsetzung der staatlichen Anerkennung aller jüdischen Fachschulen gerichtet sind, zu unterstützen. Die jüdischen Fachschulen sind schon darum eine Notwendigkeit, weil die allgemeinen Fortbildungsschulen infolge des unter Lehrern und Schülern herrschenden antisemitischen Geistes nur von sehr wenigen jüdischen Lehrlingen besucht werden. Etwa 40 000 jüdische Lehrlinge in Polen bedürfen der methodischen Fachausbildung, während nur 1500 jüdische Lehrlinge Fortbildungskurse besuchen. Aus dem Verhalten des polnischen Unterrichtsministeriums schließt die jüdische Presse, daß es das Ziel der Rehörden sei, die Juden aus dem Handwerk zu verdrängen. Man bemühe sich mit allen Kräften, das Aufkommen eines jüdischen Handwerkernachwuchses zu unterbinden. Die Zukunft des jüdischen Handwerks sei bedroht und es sei höchste Zeit, daß die jüdischen Politiker die Angelegenheit mit Energie in die Hand nehmen. Aus der Jüdischen Welf Der Reichstag erteilt die Genehmigung zur Verhaftung des Nationalsozialisten Straßer Berlin, 23. Juni. (JTA.) In der Sitzung des Reichstags vom Freitag abend erhoben die Nationalsozialisten ungeheuren Lärm, als der Antrag des Geschäftsordnungsausschusses, dem Verlangen, der Gerichte auf Erlaubnis zur Vorführung und Verhaftung des nationalsozialistischen Abgeordneten Straßer stattzugeben, zur Verhandlung gelangte. Straßer hatte seine Immunität dazu ausgenutzt, um für mehrere antisemitische Zeitungen, in denen Juden und Judentum schwer beleidigt werden, als verantwortlicher Redakteur zu zeichnen. Der Reichstag hatte die Aufhebung seiner Immunität beschlossen, aber Straßer weigerte sich, den Ladungen vor Gericht Folge zu leisten. Die Gerichte haben deshalb beim Reichstag um die Erlaubnis ersucht, einen Vorführungs- und Haftbefehl vollstrecken zu dürfen. Das Benehmen der Nationalsozialisten während der Verhandlung über diese Anträge war unbeschreiblich. Straßer mußte vom Präsidenten Loebe aus dem Saale gewiesen werden. Der Antrag des Ausschusses, die Verhaftung Straßers zuzulassen, wurde gegen die Stimmen der Deutschnationalen, der Kommunisten und der Nationalsozialisten angenommen. Die Zeitungen stellen fest, daß man selten den Reichstag in solch einmütiger Empörung gesehen hat, wie jetzt bei dem Exzeß der Nationalsozialisten: die Empörung erreichte ähren Höhepunkt, als Abgeordneter Frick versuchte, die unflätigen Beschimpfungen gegen Judentum und Republik, wegen deren Straßer angeklagt war, von der Tribüne des Hauses zu wiederholen. Die Frankfurter Rabbinerwahl Frankfurt a. M., 23. Juni. (JTA.) Nachdem Oberrabbiner Josef J. Horowitz, der seit Jahren die Talmud-Hochschule in Hunvoce (Tschechoslowakei) leitet, bereits vergangene Woche zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. S. Breuer im Rabbinat der „Israelitischen Religionsgesellschaft“ berufen worden war, fand am Sonntag, dem 23. Juni, eine Gemeindeversammlung statt, bei der durch Stimmzettelabgabe die formelle Rabbinerwahl vorgenommen wurde. Bei sehr schwacher Beteiligung (636 Wähler) erlangte der einzige Anwärter mit 457 Stimmen (167 waren gegen ihn abgegeben worden) die absolute Stimmenmehrheit. Nach zweijährigem „Interregnum“ ist das Rabbinat der „Israelitischen Religionsgesellschaft“ wieder besetzt. — Der neue Rabbiner, Josef J. Horowitz, ist 38 Jahre alt und stammt ebenso wie sein Vorgänger aus Ungarn. Er wird einer der wenigen sein, die als Nichtakademiker in Deutschland ein Rabbineramt versehen. Der Amtsantritt des neuen Rabbiners soll noch im Sommer 1929 erfolgen. Hitlermehrheit im Koburger Stadtrat Berlin, 25. Juni. (JTA.) Am Sonntag fanden in Koburg die von den Nationalsozialisten durch Volksentscheid veranlaßten Neuwahlen zum Stadtparlament statt. Wie erinnerlich, haben die Nationalsozialisten durch Volksentscheid den Rücktritt des früheren Stadtrates erzwungen, weil dieser die Entlassung eines nationalsozialistischen Schlachthofbeamten, der einen jüdischen Schlächtermeister fortgesetzt antisemitisch beschimpft hat, verfügt hat. Bei den sonntägigen Wahlen konnten die Nationalsozialisten1 ihre Mandatsziffer von 3 auf 13 steigern und erlangten damit die absolute Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung (Stadtrat). Der neue Stadtrat behält sein Mandat nur bis Anfang Dezember d. J., dann finden in ganz Bayern die allgemeinen Stadtwahilen statt. Gegen die antisemitischen Studenten in Wien wird scharf vorgegangen Wien1, 19. Juni. (JTA.) Rektorat und akademischer Senat haben den Kreisleiter der österreichischen Hitler-Studenten, Franz Schubert, und die Studenten Franz Kloser und Karl Rösner für die Dauer eines Semesters vom Universitätsbesuch ausgeschlossen, weil sie auf akademischem Boden zu Gewalttaten aufgefordert und dadurch den Studienbetrieb empfindlich gestört haben. Das Gros der Studentenschaft nahm diese Maßregelungen mit lebhafter Zustimmung auf. Rektor Prof. Innitzer erklärte gegenüber Vertretern der Presse, die letzten Unruhen hätten das Maß vollgemacht; die Grenze der Geduld sei erreicht, und nun seien lediglich strengste Maßnahmen am Platze. Wien, 21. Juni. (JTA.) Der Rektor der Wiener Universität, Prof. Innitzer, ist dem Terrorismus der völkischen Studentenschaft nicht gewichen. Der akademische Senat hat die Forderungen der Studentenschaft abgelehnt, dem Rektor und Kanzleidirektor das volle Vertrauen! ausgesprochen und die Ausschreitungen schärfstens mißbilligt. Das Disziplinarverfahren nimmt seinen ordnungsmäßigen Gang, doch wurde in Aussicht gestellt, daß im Falle der Wahl ordnungsmäßiger Vertreter das gegen einige Studierende erlassene Hausverbot noch in diesem Semester aufgehoben werden wird. Besucht den Münchener Tierpark Hellabrunn!