Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 13 (28.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 49 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 49 lassen, böse Geister tollen dort umher-. Rabbi, weise du uns den Weg.“ „Er lästert!“ schrien einige Chassidim. „Man muß ihn vertilgen!“ rief einer. Ein alter Chassid stürzte sich mit geballten Fäusten auf den barfüßigen Israel, wollte ihn schlagen und mit Füßen treten; plötzlich blieb er vor Reb Itsche stehen und konnte sich nicht rühren, als wäre er gelähmt. Reb Itsche wurde noch bleicher als vorher; er hob Israel auf und sagte leise: „Sündige nicht, Israel! Rabbi Mendele ist der Zaddik unserer Zeit. Geh zu ihm und bitte ihn um eine Buße.“ Die Menge stellte sich auf die Fußspitzen und umdrängte Reb Itsche, um seine Worte besser zu hören. Reb Itsche nahm den barfüßigen Israel bei der Hand, führte ihn ein Nebenzimmer und verschloß die Tür hinter ihm. Die Menge war erhitzt; man ballte sich zu Gruppen, schrie und tobte. Bald war die Schenke in zwei Parteien geteilt. Die eine war der Ansicht, man dürfe Israel nicht nach Kozk lassen; die andere meinte, da Reb Itsche ihn zum Rabbi um eine Buße schicke, dürfe sich niemand einmischen. Mordechai stand seitwärts und sah dem Aufruhr der Menge zu; er hatte ganz vergessen, daß das Getümmel durch ihn hervorgerufen worden war und dachte darüber nach, ob er imstande wäre, sich wie der barfüßige Israel vor eine Gruppe von Juden hinzustellen, sie zu beschimpfen und ihnen Moral zu predigen. Dabei fühlte er, daß ihn aus einem Winkel jemand ansah. Er betrachtete den Fremden. Das Gesicht war ihm bekannt, er hatte es schon irgendwo gesehen. Von dem Blick des Fremden konnte er sich nicht befreien; gleichzeitig fühlte er jemanden in seinem Hirn sitzen, der darin blätterte. Mit einem Male tauchte in ihm die Erinnerung auf, wie er den Großvater bestohlen hatte, um nach Kozk zu fahren, und nun wurde es hell vor seinen Augen. Der Fremde, der ihn anschaute, war der junge Mann, mit dem er gelernt hatte, als der Großvater krank wurde. Mordechai wollte ihm ausweichen und sich unter die Menge mischen. Der junge Mann trat ihm in den Weg: „Mordechai, du erkennst mich nicht?“ „Ah, Schmiel!“ Mordechai tat, als wäre er überrascht. „Bist du schon lange von Plozk fort?“ „Ich bin beinahe drei Wochen unterwegs.“ Schmiel steckte die Daumen in den Gürtel und trat von einem Fuß auf den anderen. „Das ist mir ein Wiedersehen! Fährst du allein?“ „Nein, mit Reb Itsche.“ Mordechai bemerkte ein schwaches Fächeln um Schmiels Lippen, als er Reb Itsches Namen hörte. „Was sagst du zu Israel?“ fragte Schmiel, nur um etwas zu sagen. „Ich habe schon von einigen Chassidim gehört, daß in Kozk nicht alles in Ordnung sein soll...“ „Was heißt das?“ Mordechai sah Schmiel fest an. „Das heißt,“ Schmiel dehnte die Worte, als als wollte er mehr Bedeutung in sie legen, „man sagt, daß der Rabbi niemanden empfängt, niemandem den Willkommengruß gibt und sich in seinem Zimmer eingeschlossen hat, seit das Unglück geschehen ist.“ „Welches Unglück?“ Mordechai machte große Augen. „Du weißt gar nichts?“ fragte SchmiU "erwundert und wandte sich um, ob niemand zuhöre. „Du fährst mit Reb Itsche und weißt von nichts?“ Er faßte Mordechai unter dem Arm, führte ihn aus der Schenke und ging mit ihm im Uoie auf und ab. „Du hast also gar nichts davon gehört, was in Kozk geschehen ist?“ „Nein.“ Schmiel dämpfte seine Stimme; er beugte sich über Mordechai, als wollte er ihm ein Geheimnis ins Ohr raunen, und hielt ihn am Latz fest: „Man erzählt, der Rabbi habe angesichts des ganzen Volkes und Lagers ausgerufen: ,Es gibt kein Gericht und es gibt keinen Richter!4 — Das Volk war natürlich außer sich — der ,Hof‘ hatte Angst, der Rabbi könnte die ganze Gemeinde vertreiben, und deshalb läßt man niemandem zu ihm. Am Hofe des Rabbi sieht es traurig aus, so erzählt man. Der Rabbi will zum Volke hinaus, schlägt mit den Fäusten an die versperrte Tür, flucht — begreifst du, was das heißt? Kannst du das verstehen? Rabbi Mendele ist doch der wirkliche große Geist, der Zaddik seiner Zeit, und sein scharfer, klarer Verstand hat das wahre Wort gefühlt; dafür‘wird er gefangen gehalten; man führt ein vorzeitiges Ende herbei... Viele Chassidim fahren nicht mehr zu ihm... man spricht davon, die große Masse werde jetzt zu Reb Itsche fahren...“ Mordechai war ganz verwirrt, er traute seinen Ohren nicht; vor seinen Augen stieg Kozk auf, wüst und verfallen, der Hof mit Gras wild überwuchert; der Rabbi sitzt einsam in einer verfallenen Ruine und flucht der