Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 13 (28.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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48 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 13 Um die Warschauer gruppierte sich die Provinz — bedächtige Juden in schweren Ripsröcken, mit derben Stiefeln; auf den Köpfen Tuch- oder Samtmützen. Die breiten Hemdkragen, die ihnen über die Schulter fielen, waren bei einigen am Halse mit Schnüren zugebunden, bei anderen standen sie offen. Alle führten ganze Säcke voll Essen mit sich; sie saßen auf ihren Bündeln und behüteten sie; den Warschauern wichen sie aus, sie fürchteten offenbar, jene könnten sie zum besten haben. Dem Wirt gaben sie wenig zu lösen. Sie wunderten sich und bedauerten gleichzeitig, daß die Warschauer so mit dem Gelde umherwarfen und ihren letzten Groschen vergeudeten. Alle paar Minuten sammelte sich in einem anderen Winkel ein Minjan; Tallis und Tefillin wurden angelegt. Bald aber legte man sie wieder ab und die Schnapsflasche wanderte von Mund zu Mund. Seitwärts stand ein junger Mann, in einen Tallis gehüllt, schlug sich mit den Fäusten in die Brust, warf sich nach allen Seiten, rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und stieß von Zeit zu Zeit Schreie aus, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Ein Teil der Gäste amüsierte sich über ihn, andere wieder, deren Gesichter offen und träumerisch waren, sahen ihm nachdenklich und voll Freude zu — so jung und solche Inbrunst! Ein Warschauer, dem seine Samtmütze über die Ohren fiel, trat auf den jungen Mann zu und flüsterte ihm, daß es die ganze Schenke hören konnte, ins Ohr: „Warum schlägst du so auf dich los? Hat dir diese Nacht von Lilith geträumt?“ Der junge Mann tat, als gälten diese Worte nicht ihm, und schaukelte sich weiter im Gebet. „Wenn du keinen Schnaps zahlst,“ der Warschauer faßte ihn beim Tallis — „so wird man dich nicht beten lassen!“ Der junge Mann hielt still und blickte den Warschauer an; seine Augen flehten, ihn in Ruhe zu lassen; er legte den Finger an den Mund, um anzudeuten, er dürfe während des Gebetes nicht sprechen. Mordechai, der eben die Tefillin abgelegt hatte und den Ärmel des Rockes hinunterzog, konnte nicht Zusehen, wie der Warschauer den jungen Mann quälte; zornig sprang er hinzu, faßte den Warschauer beim Kragen und beförderte ihn so kräftig zu seinen Landsleuten, daß er im Falle zwei andere mitriß. Ein Tumult erhob sich. Die Warschauer umringten Mordechai, hoben die Stöcke und schrien, man möge ihn auf einen Tisch legen und „vermöbeln“. Mordechai stand ruhig da; er hatte vom Schanktisch einen Bierkrug genommen und wartete ab, was kommen würde. Ein großer Jude, barfuß, in zerrissenen Kleidern, mit dichtem Haq,r, kam unter einem Tisch hervor, stieß sich mit den Ellenbogen einen Weg und begann zu fluchen: „Fresser, Schwelger, Jerobeams! Nicht genug, daß ihr sündigt, ihr könnt nicht Zusehen, wie ein anderer mit Inbrunst betet! Wohin fahret ihr, zu dem Abtrünnigen? Er jagt euch ja weg! Er sitzt bloß da, strengt seinen Scharfsinn an! Der Geist der Heiligkeit wohnt längst nicht mehr dort, nur Hirn ist übriggeblieben, vertrocknetes Hirn, hört ihr’s?“ Alle vergaßen Mordechai, sie umringten den „barfüßigen Israel“ oder wie man ihn auch nannte, den „Kozker Mussar-Sager“. Er war der einzige, den der Rabbi am Vortage jedes Jom Kippur zu sich rief mit dem Aufträge, ihm „Mussar“ zu sagen. Die chassidischen „Weltkinder“ haßten ihn; wären nicht die frommen Chassidim gewesen, so hätte man ihn nach Kozk nicht hineingelassen. Als er jetzt den Rabbi beschimpfte, hoben die Warschauer die Stöcke und Fäuste und schrien: „Schweig, Frechling! Ehrfurcht vor dem Rabbi!“ „Legt ihn auf die Bank!“ rief einer. „Was steht ihr noch?“ „Bringt eine Bank her!“ „Legt ihn über!“ „So ist’s recht!“ In dem Augenblick, da die Warschauer den barfüßigen Israel auf die Bank legten, stand Reb Itsche, wie aus dem Boden gewachsen, mitten in der Menge. Sein mattes Gesicht war müde, als hätte er eine große Anstrengung hinter sich, und die Augen blickten mit so viel Wehmut, daß alle verlegen zurückwichen. Die Warschauer ließen den barfüßigen Israel los. Er erhob sich von der Bank, zog seine Hosen, die aus alten Salzsäcken zusammengenäht waren, hoch, und ehe sich’s jemand versah, warf er sich, so lang er war, vor Reb Itsches Füße nieder, umkammerte und küßte sie und rief: . „Rabbi, weise uns den Weg! Du weißt ja,, daß wir keinen Hirten haben, daß die echten Chassidim an fremden Tischen sitzen müssen und nicht mehr nach Kozk kommen können. — — Es gibt keinen Geist der Heiligkeit mehr, er ist fort! Die Schechina hat ihn ver-