Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 13 (28.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 13 ganzen Welt. Unendliches Mitleid erfüllte ihn und er war entschlossen, sofort zu Reb Itsche zu gehen, seine Hände zu küssen und ihn zu bitten, er möge Rabbi Mendele nicht seinen Anhang nehmen; Mordechai war überzeugt, Reb Itsche würde das nie tun. „Du glaubst es nicht?“ unterbrach Schmiel Mordechais Gedanken. „Verlaß dich auf mich! Übrigens werden wir ja bald in Kozk sein. Hast du schon gefriihstückt? Ich habe noch keinen Bissen im Munde gehabt.“ „Komm in die Schenke.“ Mordechai legte seine Hand auf Schmiels Schulter, „wir wollen zusammen frühstücken“. In der Schenke herrschte dasselbe Getümmel wie vorher. Chassidim liefen von einer Gruppe zur andern, man stritt, man trank einander zu. Jede Gruppe tat alles mögliche, um die Gegner auf ihre Seite zu bringen. Die Warschauer ließen Bier und Schnaps kommen und boten feinen Tabak an. Die Provinz aber stand trotzig, wie eine Mauer aus Stahl und Eisen, nichts konnte sie bewegen; sie vermied es, über Rabbi Mendele zu sprechen und war fest entschlossen, wenn Reb Itsche diesmal nicht zum Rabbi erwählt würde, nicht mehr nach Kozk zu fahren. Mordechai bestellte das Frühstück. Er setzte sich mit Schmiel an einen Tisch in einem Winkel und beide aßen hungrig, wie nach einer Krankheit. Schmiel hörte nicht auf zu sprechen. Mordechai hatte bemerkt, daß sein früherer Lehrer sich vor dem Essen nicht gewaschen hatte; über alles lächelte er, als wollte er sagen: Ach, ach, das ist eine Dummheit!“ „Kommst du manchmal zu meinem Großvater?“ fragte Mordechai. „Siehst du,“ Schmiel würgte schnell einen Bissen hinunter, „dein Großvater, das ist ein guter, besonnener Jude. Je älter er wird, desto mehr haßt er die Chassidim. Hör’ zu, du wirst lachen — heuer am ersten Pessachtage hat er ins Fenster eine Schüssel Knödel gestellt, arme Leute sollen was zu essen haben; kannst dir vorstellen, was da in der Stadt vorgegangen ist! Frage nicht erst! Die Chassidim haben mit den Zähnen geknirscht, aber offen hat keiner ein Wort fallen lassen, es ist ja doch Rabbi Mojsche! Sie haben alle Ehrfurcht vor ihm! Und wenn man’s recht bedenkt, machen wir uns doch nichts vor ■— was hat ein Armer zu essen, außer eingeweichte Knödel? Sonst haben sie Kartoffeln und Borscht gegessen; aber woher soll man heuer Kartoffeln nehmen? Bei dieser Teuerung kann man sie ja nicht einmal mit Gold aufwiegen!“ „Weißt du, daß mein Großvater einmal nach Kozk fuhr?“ „Das weiß ich, natürlich, aber ein Chassid ist er nie gewesen!“ sagte Schmiel, lächelte in sein Schnurrbärtchen und öffnete dann einige Male den Mund, als wollte er etwas fragen; er begann zu stottern: „Ich möchte wirklich wissen, ich meine ... glaubst du, daß er in Kozk Wunschzettel entgegennehmen wird?“ „Wer?“ Mordechai machte große Augen. „Ich meine Reb Itsche ...“ „Wer kann das wissen? Was sagst du?“ „Ich sage gar nichts,“ Schmiel lächelte, wie wenn er ein Geheimnis wüßte, „ich habe nur so gefragt — und meinst du, daß Dowidl, Rabbi Mendeles Sohn, das ruhig hinnehmen wird? Und die anderen Kinder! Jedes wird ja nach dem Vater einen „Tisch führen“ wollen. Nach dem Tode des Strykower führen alle vier Söhne „Tisch“ und jeder hat einen Anhang — es wird bald in jeder Stadt einen Rabbi geben ...“ Mordechai verdroß das; er fühlte in Schmiels Lächeln Spott und wollte das Gespräch beenden; aber ohne es zu wollen, platzte er heraus: „Wenn ein Rabbi Wunschzettel entgegennimmt, so ist das vom Himmel bestimmt.“ „Gewiß, gewiß alles ist vom Himmel bestimmt!“ Schmiel schaute mit dem linken Auge auf seinen Schnurrbart und schien 241 lächeln. „Du weißt doch, daß sich auf das Grab des Rabbi von Pschyscha ein Singvogel gesetzt hat, gleich nach der Bestattung; er verließ das Grab nicht, aß nicht, trank nicht, sang in einem fort, bis er auf des Rabbi Grab singend verging! Ist das auch vom Himmel bestimmt?“ „Gewiß!“ antwortete Mordechai fast schreiend. Er merkte, wie Schmiel rot wurde; seine Oberlippe bewegte sich und zitterte; es schien, als wollte er Mordechai etwas anvertrauen. Er faßte ihn an der Schulter, beugte sich zu seinem Ohr und sagte lächelnd: „Das muß unter uns bleiben — nie ist ein Vogel dort gesessen! Reb Hirsch aus Plonsk, ein reicher Mann, ein Aufklärer, einer von denen, welche die Bibel mit „Dessauers“ Übersetzung lernen und ihre Kinder studieren lassen, hat mir anvertraut, daß er am Morgen nach dem Begräbnis einen toten Vogel aufs Grab gelegt hat. Was sagst du nun? (Fortsetzung folgt)