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Das jüdische Echo · 1929-06-28 · 13 (28.6.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
13 (28.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) 12. Fortsetzung Bei diesen Worten wurde die Stimme des Alten heiser und er wandte sich ab. In Mordechai erzeugte des Kutschers Rede ein Gefühl der Kälte. Lange dachte er darüber nach, was er dem Alten sagen sollte; er wollte ihn trösten, in der Art Reb Itsches, aber er fand die Worte nicht. Der Alte wurde ihm jetzt lieb. Er nahm aus dem Koffer ein Fläschchen Schnaps und bot ihm einen Schluck. Am frühen Morgen hielt die Fuhre bei einer Dorfschenke. Die Passagiere wurden munter, sie wollten nicht glauben, daß sie bereits durch Siedlec durchgefahren und nicht weit von Lukow seien; dann stiegen sie zufrieden vom Wagen. In der Schenke gingen einige Chassidim in Tallis und Tefillin laut betend hin und her. Auf dem Fußboden, auf langen Bänken, unter den Tischen lagen junge Leute, alte Chassidim, kleine Knaben und schliefen, Hände und Bündel unter dem Kopf. Bei einem langen Tisch saßen einige Bauern vor Bierkrügen und erzählten einander Neuigkeiten. Von Zeit zu Zeit blieb ein Jude neben den Bauern stehen, rückte den Tallis zurecht und hörte, ohne sein Gebet zu unterbrechen, ihrem Gespräch zu. In einem Winkel saß auf einem kleinen Tisch ein Dorfschneider. Mit roten Augen, eine Brille, in der ein Glas fehlte, auf der Nasenspitze, ein Maß aus Papier um den Hals, saß er mit gebogenem Rücken, die nackten Füße gekreuzt, und nähte einen Kaftan für den Wirt. Der Schankwirt, ein Jude mit gesunder, roter Gesichtsfarbe und einem langen roten Bart, saß am Zahltisch auf einem Rohrstuhl; er hielt ein kleines, dickes Kind in einem kurzen Hemdchen auf dem Arm und fütterte es mit geweichten Semmeln und gezuckertem Tee. Das Kind streckte ein kurzes, dickes Füßchen aus und betrachtete das kleine Kätzchen, welches mit den langen Fransen an des Wirtes Tallis-Koton spielte. Der Wirt nahm einen Löffel Semmelbrei, blies lange darauf, probierte einige Male mit seiner großen Zunge, öffnete dem Kinde gewaltsam das Mündchen und stopfte den Brei hinein, wie man Gänse stopft. Das Kind würgte daran, schlucke es widerwillig hinunter und schrie. „Ich werde mir noch ein Leid antun!“ rief die Schankwirtin, ein kleines schwarzes Frauchen, während sie zwischen den Gästen umherlief; sie wankte unter der Last ihres gesegneten Leibes. „Was gibt es schon wieder mit dem Kinde? Kann man sich denn auf niemanden verlassen?“ Der Mann antwortete nicht. Er klopfte mit dem Löffel an ein Glas, das Kind horchte auf den Ton und wurde ruhig. Mordechai und Reb Itsche stellten sich zum Beten hin. Die Gäste in der Schenke wurden nach und nach munter, erhoben sich vom Fußboden, verließen die Bänke, krochen unter den Tischen hervor, und bald herrschte in der Schenke richtiger Jahrmarktslärm. Die Chassidim gruppierten sich nach Städten. Die Mitte bildeten die Warschauer. Sie waren sofort zu erkennen. Ihre Ripskaftane reichten bis zur Fußsohle und saßen jedem wie angegossen; die Strümpfe waren weiß, als wären sie eben aus der Wäsche gekommen; die Samt- oder Seidenmützen mit den hohen Rändern, die fast über die Ohren fielen, die gesäumten Streimel mit den Schweifen, die wie Glöckchen baumelten, all das rief: Hochachtung vor mir, ich bin ein Warschauer! Alle redeten zugleich in ihrem breiten fettigen Warschauer Akzent, gestikulierten sehr lebhaft und jede Kleinigkeit brachte sie in Feuer; dabei schäkerten sie mit der Wirtsfrau und der Christenmagd, die in einer offenen Kammer beim Waschtroge stand. Sie hatten fast gar kein Gepäck, sondern fuhren leicht, so wie sie gingen und standen, zum Rabbi, die Spazierstöcke in der Hand. Dem Wirt zahlten sie bar und waren daher die angesehensten Gäste.

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