Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-06-28 · 26 (28.6.1929) · p. Seite 405

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176010--09572-9082481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 Das Jüdische Echo 405 Wie man weiß, ist dies nicht die erste Resolution solcher Art in der bayerischen Studentenschaft, und es ist ja auch an dieser Stelle schon genug über dieses unerfreuliche Kapitel gesprochen worden. Es erübrigt sich also noch einmal darzulegen, inwiefern solche Beschlüsse staatlich anerkannter Zwangsorganisationen nicht nur die statutenmäßige Neutralität der Studentenschaften, sondern auch die jüdische Gleichberechtigung, die jüdische Ehre und Würde in flagranter Weise verletzen. Die einzig mögliche Antwort auf das Verhallen der Studentenschaften: die Entziehung der staatlichen Anerkennung, die hier gefordert wurde, ist leider nicht erfolgt. Die Schritte, zu denen sich der Herr Kultusminister veranlaßt sah, waren von bemerkenswerter Milde und Güte: Er richtete eine Warnung an die Studentenschaften und verlangte von ihnen in Zukunft die Einhaltung der Schranken konfessioneller und politischer Neutralität. Nun, er hat die Quittung für diese Rücksichtnahme, wie der zitierte Beschluß des Asla und der Studentenschaft der Münchener Technischen Hochschule beweist, prompt präsentiert bekommen. Nicht mit Unrecht sehen sich die heißblütigen Politiker im studentischen oder besser im altakademischen Lager durch diese Art der Erledigung nur zu neuen Taten ermutigt; vielleicht waren es auch die auf fernen Schlachtfeldern in Lemberg und Wien von antisemitischen Studenten erworbenen Lorbereen, die ihre Münchener Gesinnungsgenossen nicht ruhen ließen. Die verzerrten und verlogenen Berichte über diese Ausschreitungen in der amtlichen bayerischen Hochschulzeitung waren in der Tat geeignet, studentisch-arisches Blut in Wallung zu bringen. Vielleicht auch ist es allein die Befriedigung des erhebenden Gefühls, ungestraft Rechte und Würde der Juden mit Füßen treten zu können, die der Anlaß zu solch unverschämten Beschlüssen ist, zu Beschlüssen, deren Wert ja heute doch wohl in ihrem deklamatorischen und provokatorischen Charakter sich erschöpft. Aber eines ergibt sich daraus mit aller wünschenswerten Klarheit: Die Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit müssen nunmehr energisch aus all den Gründen, die zu wiederholen ja kaum Anlaß besieht, von der zuständigen Instanz, dem Kultusministerium, verlangen, daß die Autorität des Staates nicht länger mehr zu solchem Unfug mißbraucht wird. Dabei wird die schwierige Stellung des Ministers, der ja erst unlängst für die Rechte der Juden im Landtag eingetreten ist und sich sicherlich für diese Stellungnahme, die leider heute an höheren und anderen amtlichen Stellen Bayern nicht immer selbstverständlich ist und für die man ihm deshalb dankbar sein muß, die Feindschaft der Rechten zugezogen hat, nicht verkannt, ebensowenig wie der Umstand, daß in einer Koalitionsregierung, wie sie nun einmal in Bayern besteht, immer gewisse Rücksichten zu nehmen sind und stets mit Kompromissen gearbeitet werden muß. Ja, vielleicht, wer kann es wissen, richtet sich der neuerliche Numerus-clausus-Beschluß nach dem Willen der altakademischen Drahtzieher mehr noch gegen diese Koalition und gegen den unliebsamen Minister, dem man dadurch Schwierigkeiten zu machen hofft, als gegen die Juden. Aber all dies, sei es wie es wolle, kann für uns Juden kein Anlaß sein, die Verteidigung unserer Rechte und die Durchsetzung unserer, ja wirklich so bescheidenen Forderungen zu unterlassen. Nein, die jüdische Gleichberechtigung wie die Ehre und Würde der jüdischen Bevölkerung verlangen, daß jetzt in dieser Angelegenheit energische Schritte unternommen werden, und keinerlei Rücksicht darf in diesem Falle davon abhalten, die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen. Gerade angesichts einer Entwicklung, die überall und auf allen Gebieten ein bedrohliches Anschwellen der antisemitischen Strömung erkennen läßt, wäre es verkehrt, aus Rücksicht auf Sorgen anderer unsere eigenen zu vergessen, wäre es feige und auch zwecklos, den Kampf um unser Recht einzustellen oder einzuschränken, wäre es fehlerhaft, nicht dem Grundsatz gemäß zu handeln: principiis obsta. Denn welche Aspekte eröffnen sich für die zukünftige Gestaltung unserer Lage, wenn es uns nicht einmal gelingen sollte, in dieser Frage durchzudringen, die doch nach der rechtlichen Seite so klar liegt und die im großen gesehen auch durchaus keine Frage ersten Ranges ist? Deshalb scheint es uns dringend notwendig, daß die berufenen Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Bayern sich endlich für die verletzten Rechte ihrer Angehörigen einsetzen und auch ihrerseits an den bayerischen Kultusminister die Forderung richten, den bayerischen Studentenschaften endlich die staatliche Anerkennung zu entziehen und sie ihres Charakters als studentischer Zwangsorganisationen zu entkleiden. Unverfroren genug hat man die Geduld des Ministers und lange die unsere mißbraucht. Wie lange noch?“ H. W.-V. (Als Illustration zu dem Numerus-clausus-Beschluß mag unseren Lesern die Tatsache dienen, daß im Sommersemester 1928 unter insgesamt 3979 Studenten sich 37 Juden, das sind 0,9 Prozent, befanden. Dieses Verhältnis hat sich seitdem wohl kaum geändert; es ist eher wahrscheinlich, daß verhältnismäßig noch weniger Juden an der Münchener Technischen Hochschule studieren. D. Red.) Der neue AUSTRO- DAIMLER 6Cylinder,12/70PS Eine umwälzende Neukonstruktion Hirschbold K o m m. - G e 8. Fernruf 5I355 MÜNCHEN Sonnenstr. 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.