Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 396 (sequence 21)
- Language
- German
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396 Das Jüdische Echo Nr. 25 Noch keine Ruhe In Lemberg und Wien Schwere Ausschreitungen in Posen Antijüdische Erklärungen des Lemberger Episkopats Lemberg, 9. Juni. (JTA.) Der Wojwode von Lemberg veröffentlichte das folgende Communique: Line Delegation polnischer Rabbiner begab sich zum Erzbischof Lissowski. Im Verlauf der Aussprache sagte Erzbischof Lissowski zu den Delegierten, Rabbiner Dr. Freund und Dr. Löwy: „Ich habe mit tiefstem Bedauern von den Vorfällen Kenntnis genommen. Ich kenne die jüdische Bevölkerung Lembergs und ich halle es für ausgeschlossen, daß von seiten der jüdischen Jugend die Provokation zu den beklagenswerten Geschehnissen ausgegangen sein kann. Nachdem dieses Communique von der Presse veröffentlicht wurde, erschienen Extraausgaben des Hetzblattes „Lwowski Kurjer Poranny“ und anderer antisemitischer Zeitungen, die eine Kundgebung des Episkopates, gezeichnet von den Erzbischöfen Twardowski, Teodorowicz und Lissowski, enthielt, in welcher die Mitteilung des Wojwoden als unrichtig hingestellt und gesagt wird, Erzbischof Lissowski habe die ihm in den Mund gelegten Worte nicht gesprochen, ln der Kundgebung heißt es weiter: „Um jeden Zweifel über die Stellung des Episkopates zu den außerordentlich bedauerlichen Geschehnissen zu beseitigen, erklären wir, daß wir einig sind in der Verurteilung dieser zum ersten Male in Polen vorgekommenen Störung und Verhöhnung einer Prozession unserer Religion. Wir sind überzeugt, daß, wenn man die Schuldigen sofort zur strengsten Verantwortung gezogen hätte, es zu den nachfolgenden bedauernswerten Unruhen nicht gekommen wäre; die beleidigten religiösen Gefühle hätten ihre Genugtuung gehabt.“ Lemberg, 11. Juni. (JTA.) Die Erzbischöfe Twardowski, Teodorowicz und Lissowski, die vor einigen Tagen der amtlichen Mitteilung, daß von jüdischer Seite eine Verhöhnung oer Angriffe gegen die katholische Prozession in keiner Weise erfolgt sind, durch eine Kundgebung entgegentraten und an der Version, daß jüdische Schüler und Schülerinnen die katholische Prozession verhöhnten und angriffen, festhielten, haben soben einen Aufruf an die Studentenschaft erlassen, der bezwecken soll, die MAX NEUMAYER Kraftfahrzeuge, Kaulbachstraße 82/86 (Nähe Siegestor) Telephon 338 23—24 OPEL / STUDEBAKER Vertretung — Spezial Reparaturwerkstätte Günstige Ratenzahlungen aufgeregten Gemüter zu beruhigen und die Studentenschaft zu veranlassen, den proklamierten Universitätsstreik zu liquidieren. In dem Aufruf werden die Studenten, die einige Tage lang die öffentliche Ruhe störten, zahlreiche jüdische Einwohner mißhandelten und mehrere öffentliche jüdische Institutionen zerstörten, als verdienstvolle Katholiken und ehrenwerte Patrioten hingestellt, bei denen parteiische Motive .keinerlei Rolle spielten. Wir haben uns überzeugt, heißt es in dem Aufruf, daß die heiligsten christlichen Gefühle in einer schweren Weise beleidigt worden sind, und daß nur dies allein den Anstoß zu den Geschehnissen gegeben hat. Die Lage an den Universitäten Der Rektor der Lemberger Universität, Graf Bininski, und der Rektor der Handelsakademie, Prof. Pawlowski, weigerten sich, jüdische Studentenabordnungen, die sich bei ihnen über Belästigungen und Mißhandlungen durch antisemitische Studenten im Gebäude der Universität und der Akademie beschweren wollten, zu empfangen. Die Rektoren der Lemberger Hochschulen fordern die Studierenden zur Wiederaufnahme der Vorlesungen am Montag auf, widrigenfalls die Hochschulen auf längere Zeit geschlossen würden. Man glaubt, daß, wenn der Lemberger Studentenstreik fortdauert, sich die nationalistischen Studenten der übrigen polnischen Universitäten dem Streik anschließen werden und daß der Generalstreik an allen polnischen Universitäten erklärt werden wird. Einen Beschluß in diesem Sinne faßte eine Versammlung nationaldemokratischer Studenten in Krakau, der etwa dreitausend Personen beiwohnten. Die Warschauer nationalistische Studentenschaft hat trotz Rektoratsverbots gestern abermals eine Versammlung abgehalten, in der gegen die Regierung und gegen die Juden in schärfster Weise gehetzt wurde. In einer Resolution erklärten sich die Versammelten mit den Lemberger Studenten solidarisch. Ein mit Hektograph hergestellter Aufruf zu einem Judenpogrom wurde verteilt. Nach der Versammlung wurden jüdische Passanten in der Nähe der Universität überfallen und mißhandelt. Warschau, 11. Juni. (JTA.) Etwa zwanzig Studenten drangen in das Redaktionsgebäude der Warschauer Tageszeitung „Kurjer Porann“, die die Ausschreitungen der Lemberger Studenten gegen die Juden verurteilt hat, ein und zertrümmerten die Fensterscheiben. Sie flüchteten, als die Polizei erschien. Die antijüdischen Ausschreitungen in Posen Sonntag, den 9. Juni, fanden im Zusammenhang mit den Lemberger Geschehnissen antisemitische Ausschreitungen in Posen statt. Demonstrierende Studenten demolierten jüdische Geschäftsläden und mißhandelten jüdische Einwohner. Etwa vierzig Demonstranten wurden von der Polizei verhaftet. Am Sonnabend nachmittag hielten die nationaldemokratischen Studenten im Akademikerheim eine Versammlung ab, in der sich die Studentenschaft mit der streikenden Lemberger antisemitischen Studentenschaft solidarisch erklärte. Hierauf marschierten etwa fünfhundert Studenten durch die Straßen und verbreiteten Hetzaufrufe gegen die Juden. Jüdische Passanten, die den Demonstranten entgegenkamen, wurden umzingelt, niedergeschlagen und mit Knüppeln und Fußtritten bearbeitet. In jüdischen Geschäftsläden wurden die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Plötzlich, wie auf ein Signal, wandte sich die Menge der Studenten unter den