Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (21.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 45 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11 Homanbeilage des .Jüdischen Echos“ 45 ein ganz junger Mensch, alle unterbot und sich bereit erklärte, das Gewünschte ganz umsonst zu bringen. Als das Wasser warm war, entkleidete Reb Itsche ganz allein den Kranken, setzte ihn in den Trog und begann ihn zu waschen. Im Beth-Hamidrasch herrschte plötzlich tiefe Stille. Alle waren von ihren Plätzen aufgesprungen, umringten den Ofen und sahen zu, wie Reb Itsche den Kranken wusch. Fast alle hielten sich die Nase zu, so schwer war die Luft; sie wunderten sich, wie leicht der Fremde alles tat, wie er um den Kranken bemüht war und dabei den üblen Geruch einatmete, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen. Reb Itsche entkleidete sich vor aller Augen, als stände niemand da; er zog seine Wäsche aus, bekleidete den Kranken damit, spruch einen Segensspruch, schüttelte alles Geld aus seinen Taschen, gab es dem Kranken und zog wieder seine Kleider an. Die Menge stand und gaffte staunend; jeder einzelne kam auf Mordechai zu: „Ist das dein Vater?“ Alle blickten auf Reb Itsches blasses Gesicht, auf seinen kurzen, schwarzen Bart und die weißen, ein wenig krummen Zähne; sie sahen das stille Lächeln um seine Lippen, sahen, wie seine großen, schwarzen Augen mit unendlicher Liebe blickten; und jeder erbebte, jedem war es, als kenne er ihn, obwohl ihn keiner je gesehen hatte. Reb Itsche war angekleidet; er suchte Mordechai mit den Augen und wollte so schnell als möglich das Beth-Hamidrasch verlassen und allein sein. Da trat ein kleines Männchen ein, erblickte Reb Itsche, stieß sich mit den Ellbogen einen Weg durch die Menge und rief: „Das ist ja Reb Itsche!“ Die Menge, welche von Reb Itsche jetzt ebensoviel wußte wie vorher, brauchte nicht mehr; sie stürzte auf Reb Itsche los, umringte ihn von allen Seiten, bewillkommnete ihn, bat um Verzeihung und berührte seine Kleider. Reb Itsche stand hilflos da, und seine Augen flehten, man möge ihn in Frieden lassen; allmählich wurde er ruhiger. Mordechai wandte kein Auge von Reb Itsche; er sah ihn strahlend, unendliche Liebe in den schwarzen Augen, zwischen der Menge stehen, für die Grüße danken, seinen Segen sprechen; auf ihn blickend, hatte die Menge den Alltag vergessen und ihre bekümmerten Gesichter begannen zu leuchten. Plötzlich ging Reb Itsche auf Mordechai zu und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Komm, Mordechai, wir müssen fahren, sofort fahren! Der Haufe wird zu groß. Komm!“ Am Nachmittag schickte Mordechai Marcin heim, mietete eine Fuhre nach Kozk und sie reisten weiter. Mordechai war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er kaum einen Blick auf die Landschaft warf. Er dachte fortwährend an Reb Itsche und merkte dabei nicht einmal, daß der Wagen jede Weile stehen blieb und immer neue Passagiere aufnahm — Juden, die Weib und Kind verlassen haben, mit Tallis und Tefillin über Polens Landstraßen dahinziehen und von einem Ende Polens zum anderen zu Fuß zum Rabbi pilgern. Die Pferde liefen rasch und wirbelten Staubwolken auf. Die Fuhre knarrte, der Kübel, welcher zwischen den Hinterrädern hing, klapperte. Ein Chassid begann ein Lied zu summen, die übrigen fielen ein, sangen und nahmen dabei immer wieder einen Schluck; es war zu spüren, daß man zum Rabbi fuhr. Mordechai saß in einem Winkel; er fühlte, daß er selbst etwas so Geringfügiges wie das Waschen eines Kranken niemals zu tun imstande wäre. Er erinnerte sich daran, wie alle dagestanden hatten und sich die Nasen zugehalten hatten. Er selbst hatte kaum atmen können, aber Reb Itsche hatte nicht einmal das Gesicht verzogen und aus nächster Nähe den üblen Geruch eingeatmet; er bewies, daß ein Mensch imstande ist, alles Weltliche abzulegen. Mordechai beschloß, Reb Itsches Wege zu wandeln, nie mehr in den Wald zurückzukehren, in Kozk zu bleiben und mit ganzer Seele sich dem Dienste des Schöpfers zu ergeben. Aber Rachel? Er schloß die Augen und hatte plötzlich das Gefühl, daß der Wagen brach. Wer weiß? Vielleicht werde ich plötzlich krank, sehr krank, an einem schweren Typhus etwa oder an einer Lungenentzündung. Da würde ich nicht mehr zum Rabbi fahren; sofort würde der Wagen umkehren und es ginge zurück in den Wald, und der Vater würde zur Mutter sagen: „Mordechai ist krank, schwer krank, nur Rachels wegen...“ Sie zu Mordechai zu bringen, das schickt sich nicht... und Mordechai liegt im hohen Fieber und phantasiert... Und plötzlich ist Mordechai gestorben ... Mordechai fuhr auf; er ärgerte sich, daß ihm solche Dummheiten im Kopfe herumgingen, rieb sich die Augen und sah sich um. In der Fuhre saßen einige Chassidim; sie hatten die Bündel geöffnet, aßen Zwiebel mit