Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (21.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 46 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9175998--09558-9082467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 12 Brot und hörten dabei zu, wie ein alter Cliassid erzählte: „.. und am Abend ist die Rebbezin gekommen, hat aus dem Bücherschrank das Buch Hiob geholt und es dem Rabbi gebracht. Der Rabbi ist sofort aufgestanden, in die Mikwah gegangen und nach der Begrüßung des Sabbat hat er Chaim befohlen zu singen. Der alte Chaim, der schon lange zum Hofe des Rabbi gehörte, hat gefragt: Was soll das bedeuten, Rabbi, es liegt doch ein Toter im Haus, Ihr habet doch Trauer? — Chaim, hat der Rabbi ihm geantwortet, am Sabbat muß der Jude fröhlich sein, singe!“ Mordechai betrachtete die Chassidim, die schon wochenlang unterwegs waren, von Brot und Zwiebeln lebten, Frau und Kind daheim gelassen hatten; ihre Liebe zum Rabbi ist so groß, daß sie keiner Beschwerden achten und zu Fuß zum Rabbi wandern. Und ich, Mordechai? Ich fahre wie ein Fürst, habe so viel Essen mitgenommen, daß es für zehn Menschen reichen würde, habe viel Geld und keine Ruhe vor meinen schlechten Gedanken. Niedergeschlagen streckte sich Mordechai auf seinem Bündel Stroh aus; er fühlte sich sündig und beschloß, das müsse anders werden; er wollte den Rabbi bitten, ihm den rechten Weg zu zeigen ... Von den Feldern erhob sich pfeifend der Wind, hielt mitten auf der Chaussee an und drehte sich wie eine Schraube um sich selbst, wirbelte Blätter, Stroh, alles, was ihm in den Weg kam, auf und jagte den Staub bis zum Himmel empor. Plötzlich wurde es finster — eine schwarze Wolke senkte sich tief auf die Köpfe nieder und drohte jetzt, jetzt herabzufallen. Die Pferde begannen zu schnauöen, warfen unruhig die Schweife hin und her, spitzten die Ohren vor der drohenden Gefahr und jagten mit dem Wagen dahin. Die Wolke flammte auf, gleich darauf gab cs einen Schlag, als wäre der ganze Himmel entzweigerissen. Große schwere Tropfen fielen. Der Regen wurde immer stärker. Die Fuhre blieb stehen, alle Passagiere krochen unter den Wagen. Mordechai deckte Reb Itsche mit einem dicken Sack zu; er selbst löste den Kübel zwischen den Hinterrädern, setzte sich darauf und sah dem Prasseln des Regens zu. Die Pferde schüttelten sich, schmiegten sich aneinander und senkten die Köpfe! auf ihren stummen, dummen Mäulern lag stumpfsinnige Hilflosigkeit, die bei jedermann Mitleid hervorrufen mußte. Es wurde heller, der Regen hatte aufgehört. Mitten in der Nacht erwachte Mordechai; alle im Wagen schliefen, ihre Bündel unter dem Kopf. Mit einemmal regte sich in Mordechai geradezu schmerzhafte Sehnsucht; er hatte Lust, den Wagen wenden zu lassen und war wütend, daß der Kutscher sich so langsam mit den Pferden dahinschleppte und und sich aus gar nichts etwas zu machen schien. Grau, krumm, daß er so sonderbar auf dem Bock und blickte mit dem rechten Auge auf die Passagiere, mit dem linken auf die Pferde. Mordechai sah, wie sein eigener Schatten dem Wagen nachlief, sich bewegte und wie ein Kobold tänzelte. Er duckte sich nieder, fühlte in seinem Herzen etwas wachsen, in seinem Hals etwas emporsteigen, über seine Augen einen Schleier fallen. Sein Ärger war verschwunden, er spürte bloß Sehnsucht; alles hätte er darum gegeben, mit Rachel sein zu können.. Er war überzeugt, er würde schon nie mehr mit ihr sprechen, sie würde einen Schmied heiraten oder einen Pächter... Weiter vermochte Mordechai den Gedanken nicht auszuspinnen; er preßte die Lippen aufeinander ... Mordechais Blick begegnete des Kutschers rechtem Auge; er fuhr auf. Warum schläft er nicht? Warum kutschiert er sein ganzes Leben lang über die Chausseen, sitzt immer auf dem Bock und blickt so sonderbar? „Schlaft Ihr, Alter?“ „Nein, was gibt es?“ „Mir kam es vor, Ihr wäret ein wenig eingenickt.“ „0 mein Kind, das sind nicht mehr die Zeiten von einst! Wenn man alt wird, hat man keine Lust zu schlafen! Da betet man immer zu Gott, er möge einen alt werden lassen — aber glaub’ mir, Junge, ehe ein zerbrochener Scherben, lieber.. hm, man darf nicht sündigen ... Siehst du, früher, wie meine Alte, ihre Jahre seien uns zugezählt, noch gelebt hat, da ließ ich die Pferde auf der Chaussee im Schritt gehen und habe mir ein kleines Nickerchen vergönnt; aber seit sie gestorben ist, sage ich dir, ist es aus mit mir. Ins Zimmer hinein kann ich nicht, weißt du — es treibt mich hinaus, mein Lieber! Als würden böse Geister mich jagen! Leer jeder Winkel! Nicht Kind, nicht Rind, niemand da, mit dem man ein Wort reden könnte! In meinen alten Tagen muß ich mir selber das bißchen Essen kochen! Jetzt versteht du — bei Nacht auf dem Kutschbock, das ist mein größtes Vergnügen! Da sitze ich ruhig, lockere den Pferden die Zügel, denke an meine Alte, spreche mich ein bißchen mit ihr aus...“ (Fortsetzung folgt)