Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (21.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 44 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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44 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 12 „Nicht weit, wartet einen Augenblick,“ — der Wirt begann sich anzukleiden — „ich gehe auch hin.“ Auf der Straße war es noch still. Von der anderen Seite der Brücke aber klang fernes Rauschen — Warschau erwachte. Aus einer Seitengasse kam ein Pächter mit einem Milchwagen gefahren. Sofort erschienen in großen Haufen Frauen, Mädchen, fast alle in rotgestreiften Unterröcken, die Schuhe nicht zugeknöpft, die Haare zerrauft — sie waren wohl geradewegs aus den Betten gekommen. Wie ein Bienenschwarm überfielen sie den Pächter. Einige trugen Krüge, andere Töpfe und Pfannen; sie stiegen auf die Räder, auf den Wagen, streckten die Hände aus, schrien und lärmten: „Milch — Käse — Butter!“ Der Pächter erwehrte sich fluchend des Weibervolks, schlug auf allzu gierige Hände, doch niemand kümmerte sich darum. Ein derber und feister Mann eilte vom Beth-Hamidrasch nach Hause, den Tallisbeutel unterm Arm. Auf dem Wege kaufte er an einem Stand einen Bund Zwiebeln und ging zufrieden heimwärts — er dachte wohl an die Schüssel Kartoffeln mit Sauerampfer, die ihm seine Frau schon auf dem Tische vorbereitet hatte, in die würde er die Zwiebeln mit Rahm mischen und drauflos essen, was nur Platz hat. Vor dem Beth-Hamidrasch stand ein Jude in einer weißen Leinwandhose und einem mehlbestaubten Hemd; vor ihm zwei Körbe mit Eierkuchen. Die Leute, die mit dem Beten fertig waren, standen im Vorraum bei einem offenen Bücherschrank, dort verkaufte der Schammes, eine Branntweinflasche in der Hand, den Stöpsel im Munde, einigen für Geld, anderen auf Kredit ein Schnäpschen. Die frischen Eierkuchen fanden reißenden Absatz, die Menge aß sie nach dem Schnaps und eilte nach Hause. „Nicht umsonst nennt man die Warschauer Freßsäcke!“ sagte der Besitzer der Herberge lachend zu Reb Itsche. Das Beth-Hamidrasch war überfüllt. Die Juden gingen in Tallis und Tefillin hin und her. Einige mit zurückgeworfenen Köpfen und emporgestreckten Armen, andere schlugen, den Tallis über das Gesicht gezogen, mit den Händen an die glänzenden abgescheuerten Wände; so sprachen sie auf verschiedene Weise mit dem Herrn der Welt, ‘jeder nach seiner Art. Längs den Wänden saßen an breiten Eichentischen vor den Talmudfolianten junge Leute, halbe Knaben mit ernsten Gesichtern, auf denen Sehnsucht lag, und lernten eifrig. Das Schreien der Juden, die sich eine Weile von den Lebenssorgen befreien und den Wochentag vor ihrem Gott abschütteln wollten, ihr Seufzen, ihr Händeklatschen, das leise sehnsüchtige Summen der jungen Menschen über den Talmud, all das erfüllte das Beth-Hamidrasch wie ein Wehklagen; beim Ofen aber brach es ab; dort saßen müßige Bettler mit gedrehten Zigaretten in der Hand, stritten aus Langeweile miteinander, schimpften und beredeten die ganze Welt. Reb Itsche, der das Morgengebet rasch erledigt hatte, wie es seine Art war, versenkte die Hände in die Ärmel seines Rockes und ging nachdenklich im Beth-Hamidrasch auf und nieder. Beim Ofen blieb er stehen. Ein schwerer Geruch schlug ihm entgegen, daß ihm fast übel wurde. Reb Itsche blickte hinter den Ofen. Auf einem zerrissenen Strohsacke lag stöhnend ein alter Jude. Die Umstehenden erzählten Reb Itsche, der Kranke sei ein Fremder aus Litauen, er liege schon länger als eine Woche da, könne den Kot nicht halten und niemand sei zu finden, der ihm ein frisches Lager bereitete. „Was, niemand zu finden?“ fragte Reb Itsche verwundert. „Und ihr? Ihr seid doch auch Juden! Wie kann man einen Kranken so liegen lassen?“' „Was predigt er?“ witzelte einer aus der Bettlergesellschaft. „Wahrscheinlich ein Maggid!“ äußerte sich ein anderer. '„Lieber Freund, Ihr könnt das Vergnügen haben,“ raunte ein Bettler, der auf einem Auge blind war, Reb Itsche ins Ohr, „es trifft sich nicht sobald wieder die Gelegenheit zu einer solchen Mizwah!“ Ein barfüßiger Junge, der zwischen dem Bettlerhaufen stand, hatte bereits einen Lappen zusammengeknüllt und wollte ihn von der Seite her Reb Itsche an den Kopf werfen; im gleichen Augenblicke wendete sich Reb Itsche um und rief Mordechai herbei: „Hör’ zu, es muß wohl ein Topf und ein Trog zu bekommen sein. Besorge das schnell. Wir werden den Ofen heizen und Wasser warm machen. Übrigens, gib dem Schammes ein paar Groschen, da wird er alles besorgen.“ Die Bettler blickten einander an; sie sahen, daß das kein Maggid war; jeder von ihnen erklärte sich bereit, einen Topf und einen Trog herbeizuschaffen. Ein Konkurrenzkampf begann; sie stritten und unterboten einander. Bis endlich einer,