Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Das Jüdische Echo Nr. 25 selbstverständlich stark in der Überzahl waren; eine heftige Debatte setzte ein, die es kaum mehr erwarten ließ, was doch schließlich geschah, daß die Resolution zur Unterstützung des Aufbauwerkes in Palästina angenommen werden würde. Die große Gastlichkeit der Hamburger gestaltete die Tage allen Teilnehmern zu einem schönen Fest, das viele freundschaftliche Bande knüpfen half unter den/ Frauen d'er verschiedenen Länder. Und dieses Sich-kennen-lernen ist ja oft der größte Gewinn solcher Konferenzen. — Der Weltbund jüdischer Frauen ist zur Tatsache geworden; an Aufgaben fehlt es ihm nicht und auch nicht an Frauen, die imstande sind, die Aufgaben auszuführen. Jede jüdische Arbeit stärkt den jüdk sehen Gedanken in der Welt, und so haben gerade wir Zionisten allen Grund, uns über den neuentstandenen Weltbund zu freuen, der ja schließlich doch nur entstehen konnte, weil der zionistische Gedanke den Einheitsgedanken ganz Israels wieder zu neuem Leben erweckt hat. Wichtig wäre es nur, daß eine nächste Tagung eine weise Beschränkung in den Themen der Konferenz eintreten ließe. Denn die Fülle war überwältigend und verführte leicht zur Oberflächlichkeit. Einige wenige gut vorbereitete Fragen wären für ein nächstesmal zu wünschen. (In der nächsten Nummer folgt der Bericht über die Berliner Tagung des Jüdischen Frauenbundes.) Zur Nachahmung empfohlen Der Etat der Berliner Gemeinde Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, welche ungefähr die Hälfte der preußischen Judenheit umfaßt, hat in ihren letzten zwei Sitzungen den Etat für das Jahr 1929 behandelt. Bei derartigen Beratungen ist es selbstverständlich, daß, über aktuelle Aufgaben hinaus, der Umkreis der Gesamtobliegenheiten der Gemeinde kritisch betrachtet wird. Die Zahlen des Etats sprechen eine eindringliche Sprache; Sie erzählen, womit und in welchem Ausmaße sich die Gemeinde betätigt. Vielleicht noch mehr als die Zahlen, die im Etat vorhanden sind, sprechen jene Ziffern, die man vergeblich im Etat sucht, denn sie beweisen, daß gewisse Aufgaben, die man behandelt sehen möchte, nicht behandelt werden. Darum ist eine Etatdebatte die wichtigste Debatte einer parlamentarischen Körperschaft. Von dem Standpunkte aus betrachtet, bot die Diskussion der letzten zwei Sitzungen der Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde für alle Juden in Deutschland und über Deutschland hinaus sehr viel Lehrreiches. Das um so mehr, als seit ungefähr zwei Jahren die jahrzehntelang an der Macht gewesene liberale Alleinherrschaft abgelöst wurde durch eine Koalition, in der die Zionisten die Führung haben. Man kann somit den Etat, der für das Jahr 1929 vorgelegt wurde, hauptsächlich auf Rechnung der Zionisten setzen. Und da zum ersten Male die Zionisten in so ausschlaggebender Weise in einer Großgemeinde Deutschlands zeigen konnten, wie sie im praktischen Leben ihr Programm betätigen, ist der Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde gewissermaßen ein Prüfstein auf die Eignung, die Gemeindegeschäfte zu führen. Um es gleich vorwegzunehmen: Noch niemals wohl ist der Berliner Gemeindeverwaltung seitens des Vorstandes der Gemeinde ein derartig beredter Etat vorgelegt worden. Abgesehen von den ungewöhnlich hohen Zahlen, die auf der Einnahmen- und Ausgabenseite figurieren, ist die Vielfalt der von der Gemeinde geführten Agenden bisher noch niemals festzustellen gewesen. Man sieht, daß ein) neuer Geist in die Berliner Gemeinde eingezogen ist. Eine Fülle von Neubauten und Institutionen, Reorganisation bestehender Verwaltungszweige, Regelung der Dienstpragmatik und der Dienstbezüge der Beamten, Übernahme von Schulen, Einrichtung neuer Schulen, Führung auf dem Gebiete der Jugendfürsorge und Sozialpolitik, lebhafte Anteilnahme an der jüdischen Sportbewegung, Beteiligung, wenn auch vorläufig noch in bescheidenem Ausmaße, am Palästina-Aufbau, Subventionierung aller kulturellen, wissenschaftlichen und landsmännischen Organitionen, ein starkes Bekenntnis zu gesamtjüdischen Aufgaben, die über den Umkreis der Gemeinde (wie z. B. in der Frage des Landes- und Reichsverbandes sowie in der Subventionierung jüdischer Zwecke im Auslande) hinausgehen, kennzeichnen den neuen Geist, der mit den Zionisten in die Berliner Jüdische Gemeinde eingezogen ist. Und das Erstaunliche; Unter der zionistischen Führung haben di'e Liberalen an den meisten Dingen willig und eifrig mitgearbeitet. Es kommt also, wie das Berliner Beispiel beweist, in erster Linie auf die Initiative an. All diese Dinge sind unternommen und ausgeführt worden, ohne die Gemeindefinanzen in Unordnung zu bringen und ohne die Steuerträger irgendwie besonders zu belasten. Im Gegenteil, gerade unter der zionistischen Führung ist es gelungen, den Steuersatz von 15 Prozent auf 10 Prozent herabzusetzen, und trotzdem durch eine bessere Organisation und durch eine bessere Kartothek die Steuereingänge zu erhöhen. Es ist wohl zum ersten Male der Fall eingetreten, daß in der Berliner Jüdischen Gemeinde die Steuereingänge über den Voranschlag um 500 000 RM. hinausgegangen sind. Dabei ist es keineswegs etwa dem Umstande zuzuschreiben, daß sich die wirtschaftliche Lage der Berliner Juden gebessert hätte, einzig und allein der umsichtigeren Organisation ist dieses Ergebnis zuzuführen, und überdies noch einem wesentlich wichtigen Faktor: Der neue werbende Geist, der aus allen Maßnahmen der Berliner Jüdischen Gemeinde spricht, und die Fülle der vollbrachten Leistungen haben die Steuerfreudigkeit erhöht. In dieser Hinsicht hat das Gemeindeblatt der Berliner Jüdischen Gemeinde stark genützt. Es läßt sich vielleicht nicht prozentual und zahlenmäßig berechnen, inwieweit das Gemeindeblatt die Beziehungen zwischen Gemeindemitgliedern und Gemeindeverwaltung inniger gestaltet und in der Richtung eines stärkeren Interesses beeinflußt hat, das sich naturgemäß auch in einer willigeren Steuerleistung ausdrückt. Aber es ist zweifellos von großer Bedeutung, daß seit dem zionistischen Regime in der Berliner Gemeinde Aussehen1, Ausstattung und Inhalt des Gemeindeblattes sich so geändert haben, daß selbst in den ind'ifferentiertesten jüdischen Häusern das Blatt der Jüdischen Gemeinde nicht mehr wie früher ungelesen in den Papierkorb wandert, sondern von den Familienmitgliedern' gelesen wird. Bei dieser Lektüre erfahren viele Juden wohl zum ersten Male, daß ihre Steuern zum größten Teile für sozialpolitische und philanthropische Ausgaben verwendet werden; sie lernen überdies so manches, was ihnen in den Religionsschulen niemals vermittelt wurde oder worauf sie niemals geachtet haben. Es kommt eben auf die gefällige Form an, in der man sich an Menschen wendet.