Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 25_ 21. Juni 16. Jahrgang Frauentagungen Von Dr. Rahel Straus (München) Zwei große Frauentagungen haben in den ersten Juniwochen stattgefunden: Die Weltkontere nz jüdischer Frauen in Hamburg und die Jubiläumstagung des jüdischen Fir a u) e n b u 'n d e s in B e r11 i n. Beide Veranstaltungen, das sei hier vorweg gesagt, groß und würdig in Form und Inhalt, eine Freude für jeden, der daran teilnahm. Denn wir sahen hier die Frau in ihrer geistigen Arbeit — dem sozialen Aufbauwerk; wir sahen sie mit großem Ernst und mit Sachlichkeit alle Probleme aufrollen, die eben für die Frau von besonderer Wichtigkeit sind: Religionsund1 Erziehungsfragen, soziale und Gemeindefragen, Bevölkerungspolitik und rechtliche Stellung der Frau. Wir sahen die Jüdin, der es selbstverständlich ist, daß ihre Hauptarbeit ihrem eigenen Volke zu dienen hat, ja die, wie es die Weltkonferenz bewiesen hat, vor Landesgrenzen' nicht mehr halt macht, sondern sich eins fühlt mit allen, die sich als Juden bekennen. Wobei durchaus zugegeben werden muß, daß vor allem den deutschen Jüdinnen diese selbstverständliche jüdische Einheit nicht so recht zum Bewußtsein kam und sie immer wieder das „Internationale“ der Konferenz betonten. Aber schließlich ist gerade in diesem Falle nicht das Lernen — die Idee — die Hauptsache, sondern die Tat. Und die Tat war gut. Sie ging in erster Linie aus von Frau Rebekkah Kohut, die nach der Konferenz in Wien im Jahre 1921, die noch nicht zur Schaffung eines Weltbundes geführt hatte, nicht ruhte, bis sie diese Hamburger Konferenz ermöglichte. Sie war die würdige Präsidentin der Tagung und hat in ihrer feinen, mütterlichen, klugen Art die Sitzungen geleitet, was bei dem stürmischen Temperament der jüdischen Frauen nicht immer leicht war. Groß war sie, als sie schlicht und gerade dem regierenden Bürgermeister von Hamburg auf seine Begrüßungsworte erwiderte, als sie ihm dankte „im Namen meines Volkes, der Juden“, und als sie. ihm erzählte von dem Freiheitsgedanken dieses ihres Volkes; groß war sie auch, als sie mit bewegter Stimme Gott dankte, daß sie diesen Tag der Gründung des Weltbundes erleben durfte. — Die interessantesten Themen auf der Konferenz waren wohl die eherechtlichen fragen und die Frage der Mitarbeit der Frau in der jüdischen Gemeinde. ■— Es ist die wichtigste Aufgabe der jüdischen Frau, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, daß die jüdischen Ehegesetze, wie sie sich heute herausgebildet haben, besonders im Osten zu unhaltbaren Zuständen geführt haben: Zur Unmöglichkeit für Tausende von Frauen, wieder eine Ehe zu schließen, weil der Tod des Mannes, der vom Krieg nicht mehr heimgekehrt ist, von niemand bestätigt werden kann. Oder weil, selbst wenn ihn die Kompagnie bestätigt hat, kein jüdischer Zeuge zugegen war, als er starb oder beerdigt wurde. Wieder andere können nicht getraut werden, weil der Schwager nicht auffindbar ist, der Chali'zah geben müßte! Die „jüdische Katastrophe im Osten“ hat eine polnische Delegierte diese Zustände genannt! Und es ist eine Forderung, die von keiner Frauentagung mehr verschwinden wird, bis die berufenen Führer des Volkes — die Rabbiner — Mittel und Wege suchen werden, um diesem Unglück zu steuern; es wird dabei noch einiges mehr im Eherecht zu revidieren sein: z. B. die Unmöglichkeit für die Frau sich scheiden zu lassen und anderes mehr. — Ebenso wird die Forderung der Frau, gleichberechtigt mitzuarbeiten am Ausbau der jüdischen Gemeinde, nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden! Meisterhaft hat Frau Ottilie Schönewald (Bochum) diese Forderung begründet, hat sich auseinandergesetzt mit allen vorliegenden rabbinischen Gutachten, wobei ihr das von dem verstorbenen Rabbiner Nobel (Frankfurt) die beste Stütze war. Auch hier fordern die Frauen von den Rabbinern, daß sie den Weg weisen, nicht die Tatsachen über sich hinwegschreiten lassen. Den Höhepunkt der Tagung bildete wohl die Nachmittagssitzung am Mittwoch, dem 5. Juni: Internationale Angelegenheiten. Den Auftakt gab Frau Wijsenbeek (Holland) mit dem Referat über „Die Bedeutung des Völkerbundes für die Juden“; ihm folgte ein meisterhaftes, klares Referat von Anita Müller-Cohen (Wien), die „Von der Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina für die Frauen“ sprach. Ein ganz neues jüdisches Frauenideal entsteht dort; nicht das der Frauenbewegung, wo für die Jüdin eine Abkehr von jüdischen Werten nötig war, um ihr Menschheitsideal zu verwirklichen, nein, der Weg zur Menschheit geht hier durch das Judentum; hier gibt es neues jüdisches Schaffen, das auf alter jüdischer Kultur fußt, auf einer Kultur, die Höherentwicklung der Menschheit meint. So wird der Jude Träger eigenster Kultur, bekommt dadurch Distanz zu anderen nationalen Kulturen — und nie gab es andere als Nationalkulturen —, auch ein jüdischer Frauentyp, bei dem die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit aufgehoben ist, die in voller Harmonie mit sich selbst ist; — und was Palästina den dort lebenden Frauen gibt, kann es auch denen sein, die in geistiger Verbindung mit ihm stehen. — Frau Dr. Thon aus Jerusalem fügte in ganz kurzen, klar formulierten Sätzen noch im einzelnen das hinzu, was ihr als das Neue und Große erscheint, in der Aufbauarbeit von Erez Israel: Die Erschließung des Bodens, das Schaffen von wahren jüdischen Gemeinwesen vom „Straßenkehrer bis zum Bürgermeister“, die Erneuerung der hebräischen Sprache, die Heiligung der Arbeit der Hände, wirkliche Demokratie — wo es kein soziales Oben oder Unten gibt, und anderes mehr. — Frau Irma Lindheim, frühere Präsidentin der Hadassah, sprach über „Die Bedeutung der Jewish Agency“, begeistert, eindringlich und warmherzig! Es war ein hohes Niveau, auf dem sich all die Rednerinnen .hielten, das mußten selbst die Gegner gestehen, die