Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 378 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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378 Nr. 24 Das Jüdische Echo <ker Seinochgasse wurden sämtliche "Scheiben eingeschlagen. Das jüdische Gymnasium in der Zygmuntowskagasse wurde zum Teil demoliert. Die Lokalitäten der zionistisch-akademischen Verbindung Emunah und des jüdischen Akademikerheims wurden vollkommen verwüstet. Vor dem Akademikerheim kam es zu einem Zusammenstoß zwischen den Huligans und den jüdischen Studenten. Außer der Druckerei der polnisch-jüdischen Tageszeitung „Chwila“ wurde auch die der jiddischen Tageszeitung „Morgen“ demoliert. Die Zeitungen werden in fremden Druckereien ’hergestellt. Das Lokal des jüdischen Schulverbandes wurde vollkommen demoliert. Die gesamte. Einrichtung wurde zertrümmert und auf die Straße geworfen. In verschiedenen Straßen wurden von den jüdischen Geschäften die Schilder heruntergerissen. Vielfach wurden jüdische Bürger schwer mißhandelt. In der Universität wurden die jüdischen Studenten mißhandelt und dann hinausgeworfen. Die nationalistischen Studenten haben in Lemberg den Hochschulstreik proklamiert, der auf sämtliche polnischen Universitäten ausgedehnt werden soll. Am 5. Juni fanden in Lemberg große Straßenumzüge statt, in denen die Studenten auf Schubkarren Holzklötze mit sich führten, wodurch sie einen Beamten namens Klotz lächerlich machen wollten. Einen der Klötze knüpften sie an eine Straßenlaterne auf, einen anderen verbrannten sie unter großem Hallo auf einem Scheiterhaufen. In Warschau versuchten die nationalistischen Studenten, die sich mit ihren Lemberger Kollegen solidarisch erklärten, Straßendemonstrationen zu veranstalten, mit der Absicht, diese in antijüdische Demonstrationen ausarten zu lassen. Die gesamte Warschauer Polizei wurde aufgeboten, um die Demonstrationen zu verhindern. KUHLRAUMEN C^^rnJiAOurd. Jiojjucf) J^c/ux^Cors6r: J. JCxufirtg&ra6r. 8 j^bhol ung Kostenlos i . > Die „Schuld“ der Juden Der katholische Geistliche Bokicki, der die Fronleichnamsprozession geführt hat, von der der Anstoß zu den mehrtägigen antisemitischen Ausschreitungen ausgegangen ist, hat bei seiner Vernehmung durch die Untersuchungsbehörden erklärt, er habe während des Vorbeiziehens der Prozession an dem jüdischen Gymnasium nichts davon gemerkt, daß ein jüdischer Schüler oder eine Schülerin die Prozession verhöhnt hätten oder daß von irgendwo Steine gegen die Teilnehmer geschleudert worden wären. Es entstand an jener Stelle eine gewisse Unordnung und Stockung im Zuge, die ihre Ursache darin hatte, daß eine Teilnehmerin infolge des Gedränges in Ohnmacht fiel. Dieser Vorfall hat eine nervöse Stimmung ausgelöst, die wohl zur Entstehung von falschen Auslegungen und allerlei Gerüchten den Anstoß gegeben haben mag. Die polnische Presse verbreitet eine Mitteilung, daß die drei ältesten Mitglieder des Lemberger Rabbinats dem Episkopat gegenüber ihr Bedauern über das „provokatorische Benehmen der jüdischen Schüler“ ausgedrückt hätten. Es stellt sich heraus, daß diese Meldung vollkommen erfunden ist. Die Untersuchung hat festgestellt, daß keinerlei Anhaltspunkte für irgendeine Schuld auf seiten der jüdischen Bevölkerung vorhanden sind. Merkwürdiges Verhalten der Polizei Die Lemberger polnisch-jüdische Tageszeitung „Chwila“, deren Druckerei und Redaktion vollständig demoliert wurden, bringt eine Schilderung der unglaublichen barbarischen Szenen, die sich bei der Zerstörung abgespielt haben, und teilt mit, die Redaktion habe anderthalb Stunden vor dem Überfall über den beabsichtigen Anschlag erfahren und die Polizei hiervon verständigt. Der Starosta hatte versichert, daß Vorbeugungsmaßnahmen getroffen würden. Trotzdem konnten die Demonstranten ungehindert ihr Zerstörungswerk vollbringen. Auch bei der Zerstörung der anderen jüdischen Institutionen kam die Polizei immer zu spät. Nachdem die Polizei sich entschlossen hatte, gegen die antisemitischen Straßendemonstranten scharf durchzugreifen, herrscht in den Straßen in Lemberg Ruhe. Auf der Universität aber dauert der Terror gegen die jüdischen Studenten fort. Die nationaldemokratischen Studenten hielten im Universitätsgebäude eine vom Rektorat nicht genehmigte, dennoch von der Behörde nicht gestörte Versammlung ab, in der scharfe Resolutionen gegen Regierung und Polizei angenommen wurden und beschlossen wurde, im Streik zu verharren. Als aber die jüdischen Akademiker in dem zerstörten jüdischen Akademikerheim eine Versammlung abhielten, in der beraten werden sollte, wie sich die jüdische Studentenschaft zu dem Streik der antisemitischen Studenten verhalten sollte, erschien ein Polizeikommissar im Versammlungslokal und erklärte die Versammlung für aufgelöst, Die versammelten etwa tausend Studenten fügten sich dieser Anordnung und gingen ruhig auseinander. Im Polytechnikum überfielen die antisemitischen Studenten die jüdischen Hörer, die sich zu den Vorlesungen eingefunden hatten. Zwei jüdische Studenten wurden erheblich verwundet. Als sich die Unruhen auf die Straßen ausdehnten, schlossen die jüdischen Geschäftsinhaber der Sapiehagasse die Läden. Die. „Frankfurter Zeitung“ berichtet aus Warschau: Die Lemberger Studentenausschreitungen, deren ursprünglich antisemitischer Charakter nunmehr in regierungsfeindliche Demonstrationen übergegangen ist, haben sich allmählich zu einer Kraftprobe zwischen der National-