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Das jüdische Echo · 1929-06-14 · 11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 41

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-14
Page
Seite 41 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Kumanbeilage des ««Jüdischen Echos' 4> „Schäme dich, so lange hast du mich warten lassen — alle zu Hause haben mich verspottet, sie haben gesagt, daß du nie mehr kommen wirst — und ich habe so geweint — siehst du, wie verweint meine Augen sind? Geh, du bist schlecht!“ Mordechai fuhr zusammen und sah sich um, Marcin hielt an. Von der Wiese lief Wacek herbei, barfuß, ohne Mütze. Er knallte mit der Peitsche. Voraus lief sein halbblinder Hund Burek. Wacek war unschlüssig, wie er sich benehmen sollte; sollte er dem jungen „Pan“ die Hand küssen? Das zu tun, schämte er sich; sie waren doch zusammen auf gewachsen und hatten immer miteinander gespielt. Was er sagen sollte, wußte er auch nicht; so blieb er stehen und lächelte dumm. „Was stehst du da wie ein Klotz, du Trottel?“ fuhr ihn der Vater ärgerlich an. „Das sieht keinen Menschen vor Augen, wächst auf wie ein wildes Tier und kann das Maul nicht aufmachen! Was stehst du so breitbeinig da? Soll man dich etwa melken? Gib dem Herrn einen Handkuß und geh zu den Kühen! Schau, wo die Rote schon ist!“ Mordechai ließ sich nicht die Hand küssen; er schenkte Wacek einiges Geld, neigte sich aus dem Wagen und klopfte dem Jungen auf die Schulter; unwillkürlich küßten sie einander und dann schämten sich beide sehr. Marcin trieb die Pferde an, versetzte der roten Kuh, welche auf die Straße getrottet war, einen Hieb mit der Peitsche und der blinde Burek trieb sie mit Gebell auf die Weide zurück. Die Straße war leer; sie zog sich tief in die dunklen Wälder hinein. Als die Pferde in den Wald kamen, wieherten sie hell, als hätten sie einen guten Trunk kalten Wassers getan; fester peitschten sie mit den Schweifen ihre Flanken und jagten vorwärts; dabei warfen sie mit den Hufen Stücke weicher, moosdurchsetzter Erde empor. Es wurde kühler. Zu beiden Seiten der Straße zog sich alter, dichter Wald. Die Bäume waren so verzweigt und verwachsen, daß die Äste zu beiden Seiten der Straße einander fast berührten; sie ließen die Sonne nicht durch und wölbten sich wie eine Kuppel über der Straße. Da und dort gelang es der Sonne durchzudringen und sich einen Weg in den Wald zu bahnen; tief drinnen flirrten und wiegten sich ihre Strahlen und hüpften lustig über die Bäume. \ . t Es war still und kühl. Das Schlagen der Hufe wurde deutlicher hörbar. Die feuchte Erde flog unter den Schlägen auf. Dann und wann schrie ein Vogel; aus dem Walde kam von allen Geschöpfen, die in ihm leben, ein stilles Summen herüber, das nicht denken ließ; es schläferte ein. Die Stille zog Marcin in alle Glieder. Er lockerte die Zügel und wackelte auf dem Bock hin und her. Als es bergauf ging, verlangsamten die Pferde ihren Schritt. Im Halbschlaf spürte Marcin, daß sie träger wurden, ließ mechanisch die Peitsche über ihre Köpfe knallen, brummte: „Vorwärts, Fresser!“ und wackelte weiter auf dem Bock. Auf dem Hügel hinter einer verdorrten Eiche, an der ein eisernes verrostes Kreuz hing, kniete ein Bettler mit dichtem grauem Haar und betete. Über dem Kreuz saß auf einem dürren Ast eine schwarze Krähe mit ausgebreiteten Flügeln und ließ ihr mißtöniges Geschrei hören, als wollte sie mit einer schlechten Botschaft die finsteren Mächte des alten Waldes wecken und des Greises stilles Gebet überschreien. Ihr antworteten Krähen von allen Seiten. Ein Rauschen großer Flügel erhob sich und ein Krähenschwarm ließ sich, ein Dreieck bildend, mitten auf der Straße nieder. Durch das Schreien erwachte Marcin und trieb die Pferde an. Er verscheuchte die Krähen mit der Peitsche und spuckte wütend aus: „Verfluchte Seelen!“ Es wurde wieder still. Der Weg ging bergauf, bergab und wieder bergauf. Mordechai wollte an Rachel, an die Eltern, an Kozk denken, aber er konnte nicht; aus Langeweile suchte sein Auge den höchsten Punkt auf, den es erreichen konnte, und er begann zu zählen, wie lange es dauerte, bis der Wagen dorthin kam. Je näher der Wagen kam, desto kleiner wurde die Höhe, bis sie endlich dem Boden gleich war. Mordechai war es, als hätte er etwas verloren; von neuem suchte er die höchste Erhebung und war sicher, sie diesmal nicht zu verlieren. Bald aber war er dieses Spieles müde. Als er sich auf seinem Sitz umwenden wollte, fuhr er plötzlich erschreckt zusammen. „Es ist nur ein Vogel!“ beruhigte ihn Reb Itsche. Der Wagen verließ den Wald; es wurde heller. Zu beiden Seiten des Weges lagen reifende Felder wie farbige Leinwand. Marcin reckte sich, nahm eine Tabakdose aus Baumrinde aus der Tasche, stopfte sich eine mächtige Prise in die Nase und nieste gewaltig. „Gott sei Dank, doch eine gute Ernte heuer!“ Marcin drehte sich zu Mordechai um und deutete auf die Felder. „Aber, Panie,

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