Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-06-14 · 11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-14
Page
Seite 42 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9175995--09537-9082446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 11 man kann noch nicht wissen! Wie ist es voriges Jahr gewesen? Zwei Wochen vor dem Schnitt ist alles verbrannt. Gott 'bewahre uns diesmal, die Menschen haben genug gehungert.“ Kornähren, soweit das Auge reichten sie bewegten sich und beugten ihre gelben Köpfe. Um die eben erblühten Ähren rundeten sich die kleinen Staubblüten wie Kronen. Ein leichter, heißer Wind wehte schwach; die Ähren warfen Wellen wie das Meer und aus ihnen drang der Geruch frischen Brotes. Der Duft hing über den Feldern wie ein staubiger Nebel und kratzte im Hals. Über den Ähren schwebte ein Vogel; das leise Rauschen seiner Flügel, wenn er sich in die Höhe erhob, mengte sich mit dem Rauschen des Korns. Es schläferte ein. Da und dort stand ein starkknochiger Bauer auf einer Wiese, lehnte sich an die blinkende Sense, wischte das verschwitzte Gesicht an seinem Leinwandhemd ab, schob den breiten Strohhut zurück und sah herüber, wer da fuhr. Er grüßte und sah dem fremden Wagen nach, als wollte er einen Gruß in die ferne Stadt senden; er schaute zu, wie der Wagen in einer Staubwolke verschwand, und fuhr nachdenklich fort seine Sense zu dengeln. Marcin bog ein. Der Weg ging seitwärts, wurde immer breiter und sandiger, und je mehr er sich von den Häusern entfernte, desto weniger Felder waren zu sehen. Nur Grasbüschel, wie sie auf Sümpfen wachsen, tauchten auf. Sie wurden immer dichter und unter sie mischte sich bald Schilfrohr. So weit das Auge reichte, zogen sich feuchte Wiesen dahin, fast schwarz von der Nässe, und blinkten in der Sonne wie Glasscheiben. Mit einem Male wurde es ganz still; alles schien tot zu sein; der leiseste Klang erstarb in der feuchten Luft. Trauer lag auf den breiten, in Dampf gehüllten Wiesen, Trauer blickte hinter dem einzigen verkrüppelten Baum hervor, der dastand, als wäre er gelähmt im Sumpfe steckengeblieben. Hinter einem Schilfrohrbündel erhob sich eine Wildente; einen Augenblick blieb' sie spähend in der Luft hängen, dann schlug sie mit den Flügeln und steuerte niedrig über die Wiese. Bergan, zu beiden Seiten des Weges, standen einige strohgedeckte Hütten. Ein grauer Hund fuhr auf den Wagen los, stieß ein paarmal ein kurzes Bellen aus und verstummte. Blasse Kinder mit wirrem Haar und roten Augen, die inmitten der sandigen Straße um eine Mißgeburt mit kürbisgroßem Wasserköpfesaßen, sprangen auf, ließen den Krüppel sitzen und stoben wie erschrecktes Wild nach allen Seiten auseinander. Marcin hielt den Wagen an und schrie auf den Krüppel los: „Was sitzest du da wie eine Henne auf den Eiern? Laß den Wagen vorbei fahren!“ „Siehst du nicht, Mensch, daß ich verflucht bin?“ antwortete die Mißgeburt mit dumpfer Stimme, die aus der Tiefe der Erde zu kommen schien. „Ich sitze hier im heißen Sand und wärme mir die Füße, da wird mir besser ...“ Der große Schädel mit dem Weichselzopf stak bis zur Hälfte im Sand, er schien aus der Erde hervorzuwachsen, an ihr festgebunden zu sein und die Feuchtigkeit der verjauchten Wässer einzusaugen, die ringsum standen; alles an diesem Geschöpfe schien zu rufen: „Seht her, ich bin der Fluch dieser Sümpfe.“ Reb Itsche stieg vom Wagen, legte die Hand auf den Kopf des Krüppels und fragte ihn: „Wie lange bist du schon krank?“ Die Kinder, welche davongelaufen waren, traten nach und nach wieder näher, faßten Mut und antworteten für den Krüppel: „Er ist so geboren worden.“ ■ „Die alte Krajeska, die auf den Sümpfen wohnt, hat ihn behext.“ „Sie ist eine Zauberin.“ „Seine Schwester schreit wie eine Krähe.“ Die Mißgeburt öffnete den Mund und lächelte aus ihrem Mondgesicht; es schien ihr Freude zu bereiten, daß alle sich für sie interessierten; plötzlich faßte der Krüppel einen kleinen Jungen beim Fuß, streckte die Zunge heraus und lachte dröhnend auf. Reb Itsche rief Mordechai herbei; beide hoben den Krüppel auf, führten ihn beiseite, bis der Wagen durchgefahren war, und setzten ihn dann wieder in den Sand. Reb Itsche schenkte ihm einen Kupferdreier, streichelte ihm den Kopf, wünschte ihm, daß Gott sich seiner erbarme, und setzte sich mit Mordechai in den Wagen. Marcin trieb die Pferde an. Er drehte sich, zu seinen Passagieren um und deutete auf eine Hütte, welche auf einem kleinen Hügel inmitten der Sümpfe stand und von weitem wie eine verfallene Laubhütte aussah. „Dort wohnt sie.“ „Wer?“ fragte Reb Itsche. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.