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Das jüdische Echo · 1929-06-14 · 11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 40

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-14
Page
Seite 40 (sequence 2)
Language
German
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40 Romanbeilage des „Jüdischen Echos" Nr. 11 ja in den kleinen Überzug mit dem Einsatz hineinlegen; denn solche Wäsche friöchte jeder gern haben, es ist rein Leinen! Als Marcin zum Steinzaun gekommen war, zog Brajne aus dem Busen ein Leinwandbeutelchen hervor und steckte es Mordechai ver^ schämt in die Hand: „Da, Motele, du bist doch in der Fremde, man kann nicht wissen — da wirst du wenigstens etwas für Nüsse haben. Ich bitte dich, sag’ nicht nein, es sind im ganzen zehn polnische Gulden — was schaust du mich so an? Du wirst es nehmen, mein Ehrenwort! Nun, steck’ es ein, ich werde es, so Gott will, bei dir mit Zinsen zurücknehmen — leb wohl, Gott gebe dir eine glückliche Reise!“ Sie wandte sich an Reb Itsche: „Seid mir nicht böse, Reb Itsche, es kann sein, daß ich Euch einmal nicht gut behandelt habe, verzeiht es mir, fahrt gesund und gebt um Gottes willen nur ja acht auf Mordechai —“ „Gewiß, gewiß, bleibt gesund, Brajne!“ beruhigte sie Reb Itsche. Brajne ließ den Wagen los; sie wollte ihn wieder anfassen, doch inzwischen hatte er sich schneller bewegt; sie blieb mit ausgestreckten Armen stehen und schrie dem Wagen nach: „Fahrt gesund!“ „Ein braves Weib“, sprach Reb Itsche halb zu sich selbst. Mordechai wandte sich ab; er fühlte Tränen im Halse. Schweigend sah er zu, wie die Pferde die Schweife hoben, wenn sie bergauf gingen, wie sie allemal die Köpfe emporwarfen; polternd bewegte sich der Wagen über den steinigen Weg, der vom Hause in den Wald führte, und schien beinahe aus den Achsen zu springen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, wärmte wohlig und versprach einen heißen Tag. Die Luft war rein und blau; ihr Blau blendete, wenn man lange hineinsah; es hüllte die Bäume und Sträucher ein. Von Zeit zu Zeit blitzten Heuertropfen durch die Luft. Das war die Weichsel; sie spielte und wiegte sich, lockte und lachte mit ihren Millionen Augen, leuchtete bald grün, bald blau, bald Opalen auf, und wogte wie flüssiges Silber, aus dem kleine Regenbogen flammten. Marcin bog auf den sandigen Weg ein, der den Wald durchschnitt, zog die Mütze vor dem steinernen Heiligen, bekreuzigte sich und feuerte die Pferde mit einem Pfiff an: „Vorwärts, Fresser!“ Die Pferde zogen an; lebhaft trabten sie über den mit Blättern und Zweiglein bedeckten Sandweg, wieherten und peitschten mit den langen Schweifen ihre vollen glänzenden Flanken. Mordechai wußte, er würde an Rachels Haus vorüberfahren; obwohl er sicher war, Rachel sei* nicht daheim, fühlte er doch seinen Atem stocken und seine Knie zittern; je näher der Wagen dem Hause kam. Er beschloß die Augen zuzumachen und nicht hinzuschauen; aber wie zum Trotz wandte sich sein linkes Auge suchend dem Hause zu. Das Haus lag in tiefer Stille. Die Fenster waren geschlossen, und wären nicht die Hühner erschreckt von der Straßenmitte fortgestoben, wo sie im heißen Sande gebadet hatten, hätten nicht, von schweren Steinen zugepreßt, ein paar Käselaibe in Säcken auf einem Brett unter dem Fenster getrocknet — man hätte meinen können, das Häuschen stehe leer. Ein menschlicher Schatten bewegte sich um den Stadel; ehe noch Mordechai Zeit hatte näher hinzuschauen, war der Schatten verschwunden. Zitternd spähte Mordechai hinüber; er sah den Pächter hinter der Scheune; der versteckte sich also vor ihm — Mordechai hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand ins Gesicht gespuckt. Er biß sich auf die Lippen: Wer kann wissen? Vielleicht ist Rachel schon zurückgekommen, liegt eingesperrt in ihrem Zimmer und weint sich die Augen aus, wartet, daß ihr Mordechai kommt — er hat es ihr doch geschworen und versprochen —, ha, da, im Fenster — schaut da nicht jemand heraus — Rachel? Er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg. Hat nicht jemand gerufen, ha? Nur die Hand braucht er auszustreaken hnd 'Rachel ist sein; er muß nur den Mund öffnen und Marcin hält. Wer hält ihm den Mund zu? Wer hält ihn bei der Hand? Rachel! Rachel! Er ruft, er schreit, aber keiner hört ihn, als hätten alle verstopfte Ohren ... Mordechai fühlte sein Herz bluten; hätte er sich nicht vor Reb Itsche geschämt, er wäre in Tränen ausgebrochen. Doch das hielt nicht lange an. Alles ringsum sang leise, atmete Leben und Mordechai war jung. Da genügte es, daß ihn ein Bündel Sonnenstrahlen traf — und er vergaß. Er senkte die Augenlider, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, und sah Rachel aus dem Hause treten, das schwarze Haar über und über mit weißen Blüten bedeckt. Sie hält ihr kurzes Unterröckchen fest und schaut ihn mit ihren großen, offenbar kurzsichtigen und dabei tiefen Augen an — er kann es nicht mehr inr Wagen aushalten, er springt ab, fühlt ihre Haare, ihren Leib ...

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