Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (14.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 10. Fortsetzung „Brajne, man darf nicht sündigen.“ Dwojrele legte die Hand aufs Herz. „Mordechai fährt doch zum Rabbi; aber glaube mir, das Herz tut mir weh, ich fühle schon jetzt, daß mir etwas im Hause fehlt!“ „Natürlich, das glaube ich; ich selbst gehe herum und weiß nicht, was ich tue, wie erst Ihr, die Mutter? Aber man darf es sich nicht zu Herzen nehmen, wir werden noch, so Gott will, Freude an ihm erleben, Ihr werdet sehen!“ „Gott geb’s!“ Dwojrele wischte sich die Augen, nahm Mordechais Weste und zeigte sie Brajne. „Siehst du, da habe ich fünf Dukaten eingenäht. Man kann nicht wissen:' in der Fremde, das Geld wird ja gerade langen; und die Mutter um Geld bitten wird er auch nicht können, so mag er das haben! Wie meinst du?“ ' „Was weiß ich?“ Brajne zuckte mit den Achseln. „Es ist vielleicht doch besser, es ihm gleich zu sagen . . . Aber was plaudere ich da? Ich muß ja nachschauen, was in der Küche ist!“ „Ich will schon selbst nachsehen“, antwortete Dwojrele seufzend. „Du, Brajne, verschnüre den Koffer und öffne die Fensterläden; es ist Zeit, daß Mordechai aufsteht!“ Brajne öffnete den Laden. Eine Lichtwelle strömte ins Zimmer, blendete Brajnes Augen und weckte Mordechai. Von der Mutter nahm Mordechai kaum Abschied. Sie stand die ganze Zeit auf der Veranda, rang die Hände und weinte. Sie hatte Mordechai so viel zu sagen; doch als er auf sie zuging, ihre Hand nahm, sie küßte und sagte: „Bleib’ gesund, Mutter“, da überkam es Dwojrele noch stärker, sie umarmte den Sohn, vergaß, was sie ihm zu sagen hatte, und wollte ihn nicht loslassen. „Es muß doch einmal ein Ende haben!“ Ärgerlich entzog Abraham den Sohn Dowjreles Umarmung. „Er geht ja nicht zu den Soldaten! Wenn du schon heute so weinst, was (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) wirst du tun, wenn er heiraten wird? Weiber bleiben Weiber!“ Er nahm Mordechai unter den Arm, führte ihn zur Seite und reichte ihm die Hand: „Glückliche Reise, Mordechai, laß es dir gut gehen, und wenn dir Geld fehlen sollte, nimm welches beim Schwäher Reb Jossel. Er wird dir schon aushelfen; vor allem aber: schreibe!“ Väter und Sohn gaben sich die Hand und sahen einander eine Weile an; jeder von ihnen fühlte, daß der andere noch etwas zu sagen habe. Dann senkten sie die Augen, als verstünde jeder des anderen Gedanken, und stumm, unzufrieden, ließen sie einander los. Verwirrt nahm Mordechai von Brajne und einigen Fischern Abschied; er wollte möglichst schnell über alles hinwegkommen und im Wagen sitzen. Marcins Hund, Filut, sprang zwischen seine Füße, als wäre er auch gekommen, um Abschied zu nehmen. Mordechai faßte ihn bei der Schnauze und streichelte ihn; dabei fühlte er, daß es ihm leid tat, wegfahren zu müssen; sagte jetzt der Vater oder die Mutter nur ein Wort, daß er nicht fahren sollte, er würde gewiß bleiben. Mordechai setzte sich in den Wagen, wo, Reb Itsche schon wartete. Langsam begann Marcin die Pferde anzutreiben. Mordechai hörte, wie man ihm nachschrie, er sah, wiedie Fischer die Hüte zogen; Filut sprang: bellend voraus, ein Fischer faßte ihn und. hielt ihn bei den Ohren; plötzlich merkte Mordechai, daß Brajne sich mit einer Hand am Wagen festhielt; mit der anderen bedeutete sie Marcin, er möge langsam fahren, und dabei schärfte sie Mordechai ein, in welchem Sack das Fleisch lag und in welchem, die Kuchen. Die Säcke möge er nicht wegwerfen, sondern sie mit Marcin zurückschikken; er solle nur ja oft schreiben, der Mutter keine Kränkung bereiten — denn solche Mütter gibt es nicht viele auf der Welt! Sie hat dem Sohn fünf Dukaten in die Weste eingenäht. Wenn er Freitag die Wäsche wechsle, möge er sie um Gottes willen nur