Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Das Jüdische Echo Nr. 24 Gattin des früheren Oberkommissars für Palästina, Sir Herbert Samuel, die es bedauert, an der persönlichen Teilnahme verhindert zu sein. Dem offiziellen Teil folgte ein Festessen. Herr Alfred Lisser, der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg, toastierte auf die Kongreßpräsidentin Frau Rebekkah Kohut, die Mutter der modernen jüdischen Frauenbewegung. Frau Bettina Brenner (Leipzig), die Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland, gab ihrer großen Genugtuung darüber Ausdruck, daß der Kongreß in Deutschland stattfindet. Im Namen des Bundes der deutschen Frauenvereine gab Frau Emma Ender ihrer Sympathie für die Arbeitsziele der jüdischen Frauen Ausdruck. Dienstag, den 4. Juni, begann im Curiohaus die eigentliche Tagung. Zunächst kamen Begrüßungsreden, so seitens des Hamburger Senats, der Gemeinde, der Hamburger Frauen vereine, des Oberrabbinats usw. Dann begann die erste Arbeitssitzung mit einem Referat von Miß Lizzie Hands (England) über „Die jüdischen Heirats- und Scheidungsgesetze: Gegensätze zu dem Zivilrecht“. Sie führte aus, die Schließung von Ehen und die Durchführung von Scheidungszeremonien einzig und allein nach dem Ritual, ohne die zivilrechtlichen Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, bedeute eine schwere Schädigung für die jüdischen Frauen, da der Staat solche Eheschließungen und -Scheidungen nicht anerkennt. Sie appellierte an die Rabbiner, die Mißstände der staatlich nicht anerkannten Eheschließung und -Scheidung überall zu beseitigen und Maßnahmen zu treffen, daß solche Zeremonien unmöglich gemacht werden. Frau Reichenstein (Polen) ergänzte das Referat von Miß Hands, indem sie es durch zahlreiche Beispiele aus dem jüdischen Lehen in Polen illustrierte. Es begann die Erörterung über Erziehungsfragen. Frau Siddy Wronsky (Deutschland) hielt ein großangelegtes Referat über „Bevölkerungspolitische Aufgaben der jüdischen Frau“. Sie ging ausführlich auf die Fragen der Erhaltung der Familie, der Konflikte der Generationen ein und gab Richtlinien zur Lösung der Frage der jüdischen Erziehung, besonders der Berufserziehung, und zur wirtschaftlichen Kräftigung jimger jüdischer Männer und Frauen. Sie schlug Maßnahmen zur Besserung der schwierigen Lebensbedingungen der jüdischen Jugend vor. Die schwachen wirtschaftlichen Aspekte, die heute für jüdische junge Leute bestehen, haben zu einer Verminderung der Eheschließungen und Zu einem Geburtenrückgang geführt, der für das Judentum von schwerwiegender Bedeutung ist. Zum Schluß der Vormittagssitzung wurde ein Begrüßungstelegramm von Louis Marshall in Neuyork verlesen. Marshall spricht die Hoffnung aus, daß die jüdischen Frauenbünde teilnehmen werden an der Jewish Agency und mitarbeiten werden an dem Aufbau Palästinas durch jüdische Arbeit. Am Dienstag, dem 4. Juni, nachmittags, fand im Stadthause ein Empfang statt, den der Senat der Weltkonferenz gab. Der erste Bürgermeister von Hamburg, Dr. Petersen, begrüßte die Gäste und betonte, daß die Probleme, denen die Tagung der jüdischen Frauenbünde gilt, für alle Völker und alle Menschen bedeutend seien. Es erwachse den Frauen die Aufgabe, der neuen Jugend den Weg in die Zukunft zu bahnen. Die Präsidentin des Kongresses, Frau Rebekkah Kohut, dankte Dr. Petersen für seine freundlichen Worte. In der Nachmittagssitzung vom 4. Juni berichtete Mrs. Basil Q. Henriques (England) über „Settlementsarbeit, Jugendpflege und Jugendbewegung“. Sie gab ein Bild von der Settlementstätigkeit in England, der Mutter- und Kinderpflege, Schulfürsorge und Berufsberatung und führte aus, daß diese Tätigkeit auf interkonfessionellem Boden geführt werde. Die Klubarbeit hingegen beruhe auf religiöser Basis. In der an das Referat sich anschließenden Diskussion wurde von mehreren Rednerinnen die Notwendigkeit der interkonfessionellen Zusammenarbeit auf dem Boden der sozialen Arbeit betont. Auf dem Gebiete der Erziehung aber müsse jüdische Arbeit getan werden. Frau Ethel Baraczs (Ungarn) sprach über „Berufsberatung und Berufsschichtung“. In der allgemeinen Aussprache über die Referate des ersten Konferenztages betonten verschiedene Rednerinnen die Forderung nach religiöser Jugenderziehung. In der Nachmittagssitzung wurde über die in den Referaten berührte Frage der Agunoth diskutiert. Es wurde angeregt, der im Herbst in Wien zusammentretenden Weltkonferenz der Agudas Jisroel (Kenessio Gedaulo) eine Resolution zu unterbreiten, in der die Führer des orthodoxen Judentums und die rabbinischen Autoritäten ersucht werden, sich der Lösung dieser so viele tausende Frauen in ihrem Innersten berührenden Frage zuzuwenden. Frau Paula Ollendorff (Deutschland) referierte über soziale Frauenarbeit in den verschiedenen Ländern. Sie unterstrich die Notwendigkeit, die bisherigen Methoden der Hilfe zu ändern zugunsten einer kollektiven Arbeit. Sie machte Vorschläge bezüglich der hauswirtschaftlichen Ausbildung der jüdischen Mädchen, denn das Hausleben erhält die Grundlage der jüdischen Familie. Frau Rebekkah Kohut hob die Bedeutung der Ausbildung der Mädchen für handarbeitliche Leistungen hervor. Frau Irma L i n d h ei m wies auf die wertvolle Arbeit des Frauen- und Mädchenvereins Hadassah hin. Frau Rosenblatt (Palästina) berichtete über die schwierige soziale Arbeit unter den Frauen und Mädchen Palästinas, die darauf hinzielen, den „Chalukah“-Geist zu überwinden. Frau Inez C. Pollak vom National Council of Jewish Women referierte über Berufsberatung in Amerika und über das Vorurteil, das gegen das jüdische Mädchen herrscht. Frau Ottilie Schönwald (Deutschland) referierte über „Gleichberechtigung und Mitarbeit der Frau in der jüdischen Gemeind e“. Die Durchsetzung des Frauenwahlrechtes in der jüdischen Gemeinde stößt in vielen Gemeinden auf Schwierigkeiten, weil verschiedene Rabbiner aus Gründen des jüdischen Religionsgesetzes dieses Recht der Frau in der Gemeinde ablehnen. In England, wo die Gemeinden auf privater Grundlage organisiert sind, haben die Frauen aktives und passives Wahlrecht in den spanischen und portugiesischen Gemeinschaften, sowie in den liberalen und Reformsynagogen, aber nicht in den orthodoxen Gemeinden, obwohl sie auch dort steuerpflichtig sind. In Deutschland sind die Synagogengemeinden durch Staatsgesetze geregelt, nur in den Hansastädten sind die Gemeinden private Organisationen. Die in Preußen bestehenden zwölf Judengesetze haben das Gemeinsame, daß sie das Frauenwahlrecht ausschließen. Nach Artikel 137 der Reichsverfassung ist aber Besucht den Münchener Tierpark Hellabrunn!