Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 24_ 14. Juni 16. Jahrgang Freiheit verpflichtet Von Robert W e 11 s c h Niemals hat eine Generation von Juden die jüdischen Feste so erleben können wie wir. Der Auferstehung unseres Körpers geht das Erwachen unserer Seele voraus; wir beginnen wieder den tiefen Sinn unseres Erbgutes zu verstehen, der von Geschlecht zu Geschlecht weitergegebenen Botschaft. Durch Jahrhunderte waren uns die Feste hoheitsvolle Symbole; heute sind sie uns eine Lehre für unsere unmittelbare Wirklichkeit. Unsere Feste knüpfen an an nationale Ereignisse; aber sie sind zugleich Andeutungen kosmischer Vorgänge, Spiegelungen des schaffenden Wirkens der Natur und Sinnbilder ewiger menschheitlicher Gesetze. Pessach ist der Auszug aus Ägypten, Schawuoth die Offenbarung am Sinai; Pessach ist das Erwachen der Natur im Frühling, Schawuoth die Zeit der ersten Früchte, die menschliche Arbeit dem Boden abgerungen; Pessach ist die Befreiung vom Joch der Knechtschaft, Schawuoth ist die Berufung zur sittlichen Aufgabe. Durch Jahrhunderte war nur der nationale Sinn dieser Feste deutlich, sie waren geschichtliche Gedenktage. Der naturhafte Sinn war mit dem Verlust der palästinensischen Heimat zur Erinnerung verblaßt. Der menschheitliche Sinn mußte verborgen bleiben, seitdem die erste Voraussetzung für seine Erfüllung, das freie nationale Leben, geschwunden war. Die Größe dieser Stunde liegt darin, daß wir spüren: die drei Seiten unserer Feste sollen wieder zusammenfallen. Wenn wir jetzt nach Erez Israel kommen, wird Pessach wieder Frühling, Schawuoth wieder Erstlingsfest sein. Wenn wir wieder zur Freiheit gelangen, dann verstehen wir die doppelte Bedeutung des großen Wortes Freiheit, formuliert in den zwei Fragen: Freiheit wovon — und Freiheit wozu. Auf die erste Frage gibt Pessach die Antwort: Knechte sind wir gewesen im Lande Ägypten. Auf die zweite Frage gibt Schawuoth die Antwort: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk. Als das Volk aus Ägypten zog, war es ein unorganisierter Haufen, kleinmütig, ungläubig, widerstrebend, rebellierend gegen den gottgesandten Führer und nur besorgt um sein materielles Wohlergehen. Es war dem Pharao entlaufen, aber es war bei jeder auftauchenden Schwierigkeit bereit, zu den Fleischtöpfen der Sklaverei zurückzukehren; es war nicht ergriffen von der Idee. Erst als es vor den Sinai kam, wurde es geformt vom Gesetz des Geistes, hier erhielt es seine Bestimmung, hier wurde es nun erst eigentlich Volk. Der Sinn seines Seins wurde enthüllt, das Volk entdeckte sein Ich. Denn am Anfang der wahren Befreiung steht das Durchringen zum Bewußtsein der Freiheit, das höchste Verantwortlichkeit bedeutet. Befreiung ohne sittliche Selbstentdeckung ist sinnlos, führt zu Entartung und Zerstörung; wir heutigen Menschen wissen genau, wie der geheiligte Name der Freiheit zu einem Freibrief für Gewalt und Verbrechen mißbraucht werden kann. Nicht durch den Auszug aus Ägypten wurde uns die Freiheit zuteil, sondern durch die Gesetzgebung am Sinai, die mit dem ,,Ich bin“ anhebt und mit dem ,,Du sollst“ endet; als deren erster Grundsatz der Satz gilt: Du sollst keine anderen Götter haben vor mir. Kein Schwanken, kein Hin- und Herpendeln, keine offene Rückzugslinie nach Mizraim; sondern ganz und ungeteilt und ohne Vorbehalt hast du der zwingenden und kompromißlosen Stimme des Geistes zu folgen. Dies erst ist Freiheit, daß du dich loslöst von den Fesseln deiner eigenen Selbstsucht und von dem Schutt, den die Verbannung in die fremde Welt auf deine Seele gehäuft hat. Dann erst kannst du erkennen, was du zu tun hast. Am Sinai schloß das Volk den Bund, es übernahm eine einseitige Verpflichtung; bis dahin war es aus Erdenstoff gebildet, am Sinai wurde ihm der Atem des Geistes eingeblasen. Schawuoth ist das Fest der Bändigung der auseinanderstrebenden niederen Volkstriebe durch die Kraft des Geistes. Damals wurde unser Volk geboren. Heute soll es wiedergeboren werden. Es gibt keine Wiederholungen in der Geschichte; aber wenn wir heute an Festtagen verkünden, daß der Tag der Befreiung für unser Volk anbricht, dann soll uns dieses Fest auch erinnern: Freiheit verpflichtet. Das ausziehende Volk wird ein regelloser Haufen sein, wenn es nicht von der Idee ergriffen ist, wenn es nicht seiner Bestimmung eingedenk bleibt, wenn es nicht durch die Donner des Sinai geht. Die Befreiung ist noch nicht da; sie kann nicht von Deklarationen kommen und von keiner Macht der Welt, sondern nur von der sittlichen Entscheidung, die das Volk sprechen läßt: Alles, was der Herr geredet, wollen wir tun. Der geschichtliche Sinn und der Ewigkeitssinn unseres Festes wird Sinn unserer Gegenwart. Die Weltkonferenz jüdischer Frauen Der Weltverband jüdischer Frauen gegründet Als Auftakt zum Weltkongreß der jüdischen Frauen, der vom 4. bis 6. Juni in Hamburg stattfindet, fand am Montag, dem 3. Juni, abends, im Uhlenhorster Fährhaus ein vom Hamburger Israelitischen Humanitären Frauenverein veranstalteter großer Empfang statt. Nach verschiedenen Begrüßungsreden ergriff die Kongreßpräsidentin Frau Rebekkah Kohut (Amerika) das Wort. Es wurde ihr eine minutenlange stürmische Ovation bereitet. Frau Kohut umriß die Ziele des Kongresses und des zu schaffenden Weltverbandes. Es folgten Begrüßungen durch die Vertreterinnen der verschiedenen Länder. Die Führerin der englischen Frauendelegation überbrachte die Grüße von Lady Samuel, der