Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-07
- Page
- Seite 37 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* 37 gar nichts mehr fühlt und sich in keiner Hinsich mehr erheben mag. Denn Ihr müßt wissen, daß in jedem schlechten Gedanken ein göttlicher Funke steckt, der auf sehr niedrige Stufe gesunken ist und um Erhebung fleht. Der Mensch darf also keine Angst vor einem schlechten Gedanken haben, er soll ihm mit offenen Armen entgegentreten, ihn nackt ausziehen, ihm das Kleid abreißen; denn nur die Hülle ist sündig; entfernt sie der Mensch, zieht er den Gedanken nackt aus, dann verbindet er sich mit dem göttlichen Funken, und so bringt er es zur Erhebung zweier Öinge — zunächst erhebt er den gefallenen Funken auf höhere Stufe und bringt ihn so zu seiner Wurzel zurück; und damit, daß er den göttlichen Funken erhebt, erhebt der Mensch sich selbst und wird gewissermaßen ein Teil Gottes — Ihr versteht?“ Reb Itsche schwieg eine Weile. Seine schwarzen Augen brannten. Er strich mit der weißen Hand über die Stirn und fuhr fort: „Und jetzt kehren wir zu der Schaukel zurück: Je stärker du dich schaukelst, das heißt je mehr der schlechte Gedanke dich beherrscht, desto höher ist dein Aufstieg, wenn du den schlechten Gedanken überwindest.“ „Entschuldigt, Reb Itsche,“ unterbrach Abraham lächelnd; „wenn ich Euch recht verstanden habe, so bedeutet das, daß es eine gute Tat sei, zu sündigen, ha, ha, ha! Und wie ich gestern meinen Herrn Sohn mit des Pächters Tochter erwischt habe, da hätte ich ihm liebevoll in die Wangen kneifen sollen, was?“ Reb Itsches Ausdruck änderte sich plötzlich. Das Feuer in seinen Augen war erloschen, sein bleiches Gesicht wurde müde und auf den aneinandergepreßten Lippen lag Verdruß, als täte ihm das ganze Gespräch leid. „Ich will, daß Ihr mich verstehen sollt!“ stieß Reb Itsche ärgerlich hervor; doch bald reute ihn dieser Ton und er fuhr weicher, fast flehend, fort: „Gott bewahre, ich meine nicht, daß der Mensch im Körperlichen versinken und sich der bösen Lust überliefern soll, das habe ich nicht gesagt! Ich habe nur gesagt, daß in jeder Lust, in jeder Schlechtigkeit ein göttlicher Funke wohnt; die Funken sehnen sich nach ihrem Ursprünge wie Kinder nach ihrer Mutter. Sie schreien mit stummem Schrei, der von einem Ende der Welt zum anderen dringt, und wenn jemand diesen stummen Schrei hört und den göttlichen Funken in der Schlechtigkeit oder in der Lust erlöst und ihn zur nächsten Stufe erhebt, so wird er selbst erhoben.“ Mordechai zitterte; er flehte zu Gott, der Vater möge Reb Itsche nicht mehr antworten, und blickte auf ihn mit seinen großen grauen Augen so liebevoll und ergeben, als wollte er ihn trösten: Nehmt es Euch nicht zu Herzen, Rabbi, ich verstehe Euch —■- „So widersprecht Ihr Euch doch selbst!“ — Abraham lächelte. „Kann man ein ärgeres Übel haben als ein Weib und Ihr — — —“ „Wahrscheinlich muß es so sein, Reb Abraham!“ unterbrach ihn Reb Itsche gleichfalls lächelnd. Brajne steckte den Kopf zur Tür herein. „Der Herr soll frühstücken kommen! Das Essen steht schon auf dem Tisch!“ „Kommt, Reb Itsche, wir wollen lieber frühstücken!“ — Abraham rieb sich die Hände und wendete sich an Mordechai: „Worauf wartest du? Stell dich zum Beten, es ist schon spät!“ Als Mordechai allein blieb, trat er zum Fenster und legte die Teffillin an; er fühlte sich für Reb Itsche beleidigt und konnte nicht verstehen, wozu der Vater das ganze Gespräch geführt hatte. Einigemal kamen ihm Reb Itsches letzte Worte — wahrscheinlich muß es so sein, Reb Abraham — in den Sinn; er war neugierig, was Reb Itsche wohl damit gemeint haben mochte, und versank in Nachdenken. Summend flog eine Biene herbei, schlug an die Scheiben des geschlossenen Fensters, glitt mit ausgebreiteten Flügeln über das Glas und suchte hartnäckig mit dem Rüssel einen Eingang. Mordechai legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab; er wußte, daß er ohne Inbrunst betete; mehrmals wollte er seine Gedanken konzentrieren, aber er vermochte es nicht. Er hörte die Biene an die Scheiben klopfen und es kam ihm in den Sinn, daß er vielleicht auch vor einer Wand stand und so wie die Biene hoffte, sie mit dem Kopfe einrennen zu können; aber nie würde er wohl durch die Wand kommen. In seiner Qual, daß er der schlechten Gedanken nicht Herr werden konnte, schlug Mordechai plötzlich mit den Fäusten in die Wand, so daß er sich die Haut bis aufs Blut durchrieb; das beruhigte ihn. Langsam ging er dann im Zimmer umher und schaute in jeden Winkel, betrachtete jedes Stück Hausrat, als wollte er von jedem einzelnen Abschied nehmen. Er betrachtete den Wollvorhang vor der heiligen Lade, den seine Urgroßmutter Esther-Rebekka selbst gesponnen, gefärbt und mit gelber Wolle aus-