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Das jüdische Echo · 1929-06-07 · 10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 38

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-07
Page
Seite 38 (sequence 4)
Language
German
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38 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 10 genäht hatte; er blieb vor dem seidenen Thoravorhang stehen, auf den silberne Blätter gestickt waren; die Großmutter Surele hat ihn ays Jerusalem bringen lassen und an den Rand, den sie selbst mit Silberfäden ausgenäht hatte, ihren Namen gestickt. Leise öffnete Mordechai eine Thoralade nach der anderen; er wußte, welcher von seinen Großvätern und Oheimen die Thorarollen hatte schreiben lassen; von Freude erfüllt stand er vor den heiligen Rollen, die mit Samt und Silber wie schöne Bräute geschmückt waren, und küßte sie. Er sann in die Vergangenheit zurück. Als Kind waren ihm die geschmückten Thorarollen wie Generale erschienen, die das Haus vor Räubern aus dem Walde schützten. Die Generale trugen Helme mit Glöckchen auf dem Kopfe und auf der Brust Silberpanzer mit kleinen vergoldeten Laden, aus denen die Namen der zehn Gebote hervorleuchteten; jedem General hing um die Schulter eine silberne Lanze — der Deuter in Form einer Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. Mordechai lächelte. Er nahm aus einer Blechschatulle einen halbkreisförmig gebogenen geschnitzten Schofar aus Safed, betrachtete die Worte, die darin eingraviert waren — „Heil dem Volke, das den Schall der Posaune kennt“' — und legte den Schofar an die Lippen. Plötzlich erklang eine „Teruah“ im Zimmer. Erschrocken barg Mordechai schnell den Schofar in der, Blechschatulle; er hörte Schritte und blickte sich um. Aus den Thoraladen, aus allen Winkeln, aus den dunklen Wänden schritten Oheime, Großväter, Großmütter und Muhmen; immer größer wurde ihre Schar; Mordechai wurde es immer traulicher zumute. Er blickte auf die silbernen und goldenen Löwen mit den gebleckten Zungen und den geringelten Schweifen, die aus den Vorhängen herauszuspringen schienen und Furcht einflößten; dabei dachte er daran, daß nicht umsonst seine Ahnen Kohanim gewesen waren — er sprach mit ihnen, als wären sie nie gestorben, sondern in der alten Schul geblieben und hätten dort von Geschlecht zu Geschlecht die Familiensagen gesponnen. Jetzt waren sie aus ihrem Versteck hervorgekommen, gaben dem Enkel ihren Segen und versprachen, ihn nie zu verlassen. Und von allen Winkeln und allem Gerät, von den Gesimsen und von dem schwarzen fettigen Boden zogen sich Fäden und umspannen Mordechai wie ein Panzer, auf daß kein Sturm ihm etwas anhaben könne; er fühlte: immer und überall würden ihn die Fäden zurück, heimwärts ziehen. IN KOZK Die Fahrt zum Rabbi Dwojrele stand am Fußende des Bettes und sah Mordechai zu, wie er schlief, frisch, die Linke unter dem Kopfe, genau wie sein Vater; mit einem Male durchfuhr sie ein Ärger, daß er so ganz dem Vater nachgeriet, als wäre er gar nicht ihr Sohn. Das seidene Käppchen war ihm im Schlafe vom Kopfe gerutscht und lag auf dem Kissen. Dwojrele versuchte Mordechai das Käppchen aufzusetzen; aber aus Furcht, sie könnte ihn wekken, blieb sie mit dem Käppchen in der Hand stehen und dachte daran, daß Mordechai sogar Abrahams Haar hatte, das glatte schwarze Haar, das ihm in Strähnen in die Augen fiel. Ihr Haar war dünn und gekraust. Aber je länger Dwojrele auf Mordechai blickte, auf die Frische seiner mattglänzenden Wangen, auf das Lächeln um seine Mundwinkel, desto wärmer wurde es in ihr, ihr Mutterherz floß über und sie wußte selbst nicht, ob sie vor Freude weinte, daß sie — unberufen — einen solchen Sohn erzogen hatte, oder ob sie weinte, weil ihr Einziger sie jetzt verließ. Eine so weite Reise! Fast fünf Tage im Wagen sitzen! Und, Gott bewahre, die Stunde möge nie kommen, auf dem Wege kann etwas geschehen . . . Dwojrele wollte nicht daran denken; über Mordechais Kopf gebeugt, murmelte sie etwas, um ihm Schutz zu geben vor bösem Blick. Brajne trat leise ein; sie trug einen frischgebackenen Kuchen. Ein angenehmer, atembeklemmender Duft erfüllte das Zimmer. „Der Kuchen ist mir unberufen gelungen.“ — Glückselig trug ihn Brajne ihrer Herrin zu und beklopfte mit den Fingern seine braune, gut ausgebackene Rinde. „Merkt die Frau, wie leicht er ist?“ „Wirklich leicht!“ Dwojrele wog den Kuchen auf den Fingerspitzen. „Wie steht es mit dem Fleisch, Brajne?“' „Noch gestern habe ich es eingepökelt, es liegt schon im Wagen!“ „Du bist wirklich eine Künstlerin!“ „Das wisset Ihr erst seit heute?“ fragte Brajne mit kokettem Lächeln. „Hör’ zu Brajne“ — Dwojrele wies auf einen großen Lederkoffer, der neben dem Bett lag, „ich gebe ihm für zwölf Wochen Wäsche mit. Mein Gott, ein Kind in der Fremde, wo wird er sie zum Waschen geben? Was meinst du, wird es genug sein?“. „Mehr als genug . . .“ Fortsetzung folgt.

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