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Das jüdische Echo · 1929-06-07 · 10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 36

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-06-07
Page
Seite 36 (sequence 2)
Language
German
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36 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 10 den Bart. Jede seiner Bewegungen war die eines hochmögenden und reichen Mannes, schon seine Haltung flößte Ehrfurcht ein. Er knöpfte den Rock auf, steckte mit weitausladender Bewegung die Hand in die Hosentasche und klimperte mit dem Gelde: „Jetzt frage ich dich, da es ja keiner hört, was für eine Schwägerschaft ist für mich Simche der Pächter? Sein Vater hat sein Leben lang bei deinem Großvater, er ruhe in Frieden, den Kälbern die Häute abgezogen, und Simche selbst schleppt mir, hätte ich Lust ihn zu schicken, für einen Gulden ein Kalb am Schwänze bis nach Plozk! Also was denn? Das Mädel gefällt dir? Aber welches Mädel wir,d dir nicht gefallen? Das ist leider Gottes ein Familienfehler! Ich war auch nicht besser. Darumhabe ich ja für dich Reb Itsche hergebracht, damit du jemanden hast, von dem du etwas lernen kannst!“ Während dieser Worte war Reb Itsche leise eingetreten, nahm ein Buch vom Schrank und vertiefte sich darein. Reb Abrahams Augen begannen zu funkeln, er bekam plötzlich Lust zu einem derben Spaß, wie in den alten guten Zeiten, als er noch jung war. Er stellte sich so, daß Mordechai Reb Itsche nicht sehen konnte und begann mit lauter Stimme: „Und glaubst du etwa, Reb Itsche hätte keine bösen Gedanken? Siehst du, von Rabbi Mendele weiß ich es nicht genau, der Rabbi lebt mit einer Frau, aber außerdem ... er hält nicht viel von R. Gerschoms Verbot1. — Was schaust du mich so an? Glaubst du es nicht? Du kannst dich auf mich verlassen! Es ist ja klar; da bei ihm kein Mangel herrscht, denkt er wohl selten daran und hat natürlich weniger schlechte Gedanken — aber Reb Itsche, du verstehst, ist schon jahrelang ein Einsiedler und der Teufel rumort ihm gut in den Gliedern, du weißt ja, wie das ist! Wie alt bist du? Noch keine sechzehn! Aber heiraten möchtest du schon, und das wohl auch nicht erst seit gestern.“ Mordechai traute seinen* Ohren nicht; er errötete über des Vaters Worte und schwieg. „Das eine ist noch gut, daß du dich schämst! Das ist jüdische Art.“ Reb Abraham klopfte dem Sohn väterlich auf die Schulter, machte ein paar Schritte nach rückwärts und schrie fast: „Ja, was wollte ich nur sagen? Ja, ich meine, es muß wohl eine gewaltige Versu¬ 1 Rabbi Gerschom (960—1028) machte der in Bibel und Talmud anerkannten Vielweiberei unter den europäischen Juden ein Ende. chung für einen Menschen sein, immer gegen den bösen Trieb Krieg zu führen! Ich wäre das nicht imstande.“ „Vater,“ fuhr Mordechai auf, als wäre ein Unglück geschehen, „leiser, Vater, Reb Itsche steht doch beim Bücherschrank!“ „Was habe ich denn gesagt?“ fuhr Abraham noch lauter fort. „Wo, sagst du, steht er? Ah!“ Er tat, als wäre er überrascht, hätte Reb Itsche soeben erst erblickt, winkte ihm mit der Hand und sagte weicher: „Guten Morgen, Reb Itsche! Seid mir nicht böse, ich möchte euch etwas fragen, nehmt es mir nicht übel, wenn ich Euch damit belästige.“ Mordechai wurde bleich; er wußte nicht, wohin er schauen sollte, zitterte und flehte zu Gott, die Erde möge sich unter ihm öffnen, damit er nicht sehe, wie der Vater Reb Itsche beschäme. Reb Itsche geriet aber nicht in Verlegenheit; er trat näher, als handelte es sich gar nicht um ihn, sondern als hätte er eine Entscheidung zu treffen oder einen Rat zu geben; obwohl er wußte, daß Abraham Spaß trieb, tat er, als hätte er keine Ahnung davon, und ehe noch Abraham Zeit hatte zu sprechen, begann er: „Ja, Reb Abraham, Ihr habt das Richtige getroffen! Ich habe wirklich schlechte Gedanken!“ „Entschuldigt, Reb Itsche,“ Abraham wurde verlegen, „das habe ich nicht gesagt! Ich habe bloß gesagt, daß ein Mann, der ohne Frau lebt, natürlich schlechte Gedanken haben müßte!“ „Die hat er auch, Reb Abraham,“ antwortete Reb Itsche ruhig, „und je mehr böse Gedanken der Mensch hat, je größer seine Furcht ist, er könnte sinken, desto stärker ist sein Widerstand und desto mehr wird er fähig, die irdische Hülle von jedem bösen Gedanken zu entfernen und den Sinn Gottes zu erkennen ...“ „Wozu dann die Versuchung,“ antwortete Abraham lächelnd, „wenn man ihr entgehen kann?“ „Wie soll ich Euch das erklären?“ Reb Itsche runzelte einigemal die Stirn und umfaßte mit der Hand seinen schwarzen Bart. „Habt Ihr einmal Kinder gesehen, wenn sie sich schaukeln? Um sich mit der Schaukel immer höher zu heben, muß man einige Male einen Fuß fest auf die Erde setzen; das Kind, das dies nicht tut, wird sich nie über die Erde erheben. Mit den Menschen ist es genau so. Der Mensch, welcher keine bösen Gedanken hat, ist schon so sehr im Grobsinnlichen versunken, so verbauert, daß er

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