Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (7.6.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 9. Fortsetzung „So — dann gehe ich sofort zum Vater!“ Dwojrele begleitete ihn bis zur Tür; sie war glücklich, daß das Gespräch, vor dem sie solche Angst gehabt hatte, so gut abgelaufen war und war sicher, an Mordechai noch Freude zu erleben: Daß Gott erbarm’, wenn man unter Christen wohnt, fern von einer jüdischen Gemeinde, da verbauert selbst der beste Mensch; und es ist klar — junges Blut! Das schäumt eben einmal über! Sie hoffte, auch das Gespräch mit Abraham würde ruhig ablaufen; da sie aber wußte, daß beide Hartschädel waren, bat sie den Sohn: „Schau, Motele, streite nicht mit dem Vater! Wenn er dir etwas sagt, so schweige, er ist doch der Vater! Du weißt ja, er schreit und schimpft, aber geschieht etwas, dann schläft er die ganze Nacht nicht! Was wollte ich sagen? Ja — hast du schon gebetet? Also geh’ zuerst etwas essen, dir ist wohl schon ganz schwach!“ „Ich werde gleich beten gehen.“ Gut gelaunt, öffnete Mordechai hastig die Tür; er merkte, daß jemand zurücksprang, hörte einen Schrei, als wäre er auf eine junge Katze getreten, und während er hinauslief, rief er der Mutter zu: „Wahrhaftig, ich habe dort jemanden umgebracht!“ Hinter der Tür stand Brajne, beschämt die Augen gesenkt, als wäre sie bei einem Diebstahl* erwischt worden, und hielt sich die schmerzende Stirn. „Habe ich Euch einen guten Schlag versetzt, Brajne? Aber ich kann wirklich nichts dafür“, entschuldigte sich Mordechai, nahm ein Handtuch von der Wand, befeuchtete es und reichte es der Magd. „Da, legt das an die Beule, dann wird sie rasch vergehen!“ „Laß nur, es wird mir nichts geschehen?1 Brajne wurde noch mehr verlegen, da man sich um sie bemühte, und wandte sich an Dwojrele: „Es geschieht mir schon recht, Frau! Ich weiß, daß es nicht recht ist, zu (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) horchen, aber was kann ich tun, ich habe schon diese Gewohnheit. Der Teufel reitet mich!“ Mordechai ging lächelnd in das Zimmer, wo die Thorarollen standen. Auf der Schwelle staubte er seine Schuhe ab, setzte die Mütze zurecht und öffnete mit ernstem Gesicht die Tür. Immer, wenn er dieses Zimmer betrat, hatte er das Gefühl, eine alte verlassene Schule zu betreten. Das Zimmer mit den Thorarollen, in dem die Sippe durch Generationen am Chanukkah zur Abrechnung zusammenkam, stritt und Ehen schloß, war halbdunkel und kühl. Mordechai schaute sich um, sah niemanden und blieb bei der Türe stehen. Abraham, der in einem Winkel stand und seinen Tallis zusammenlegte, rief Mordechai, als hätte sich zwischen Vater und Sohn gar nichts zugetragen: „Komm her, Mordechai!“ Mordechai erbebte, als er den Vater sah, und ging mit gesenkten Augen auf ihn zu. „Hast du schon gebetet?“ „Nein.“ „So stell’ dich zum Beten, keine langen Geschichten! Da, nimm meine Tefillin!“ Abraham legte den Handriemen ab. „Ja, weißt du? So Gott will, fährst du morgen früh mit Reb Itsche nach Kozk — ist dir’s recht? Geld beim Großvater stehlen wirst du nicht müssen! Abrahams Einziger muß dem Vater nachgeraten, eine offene Hand haben; die Leute sollen wissen, daß er jemanden hat, dem er nachgeraten kann!“ Verwundert blickte Mordechai den Vater an. Zum zweiten Male schon hörte er ihn so sprechen. Abraham löste den Kopfriemen und legte eine Hand auf die Schulter, des Sohnes: „Hör’ zu, Mordechai; was geschehen ist, ist geschehen, vergiß! Aber um eines bitte ich dich — sieh' um Gottes willen zu, daß ich keine Schande durch dich habe! Versprichst du mir das?“ Reb Abraham wartete keine Antwort ab; er reckte sich gerade und strich sich durch