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Das jüdische Echo · 1929-06-07 · 23 (7.6.1929) · p. Seite 356

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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356 Das Jüdische Echo Nr. 23 beschäftigt, dagegen in der Bekleidungsindustrie 5mal mehr Juden als die Nichtjuden; 60—70 Prozent aller jüdischen Proletarier arbeiten als Handwerker, die dem unmittelbaren Konsum dienen. Die Angestellten machen 35—36 Prozent aller jüdischen Proletarier aus. Landwirtschaftliche Arbeiter sind, mit Ausnahme der im Verhältnis zur Gesamtjudenheit sehr geringen Zahl in Palästina, sonst fast nirgends bei den Juden vorhanden. Die Feststellungen, welche Lesczinsky macht, sind von größter Wichtigkeit für jede jüdische soziale Arbeit. Sie lassen erkennen, wo der Hebel anzusetzen ist, um Schwächen in der gesamten Wirtschaftsstruktur der Juden zu beseitigen, um günstige Phänomene in den Wirtschaftstendenzen der Juden durch entsprechende Förderung zu intensivieren. Auch mit alteingebürgerten Meinungen, die bereits zu Vorurteilen wurden, räumen die Ergebnisse der Lesczinskyschen Untersuchung auf, vor allem mit der Meinung, daß die Juden in den produktiven Berufen der modernen Wirtschaft nicht vertreten seien. Wir sehen im Gegenteil die Tendenz zu immer stärkerer Produktivierung. Alle diese Erscheinungen sind auch für die praktische jüdische Wirtschaftspolitik in Organisationen und Gemeinden überaus beachtenswert. L.G. Der Geburtenrückgang bei den Juden Von Leo Schindel (München) Die Frage nach der Bekämpfung des Geburtenrückganges hat in letzter Zeit wiederholt bedeutende Rassenhygieniker das Wort ergreifen lassen, um eindringlichst die Gefahren zu schildern, die mit einem weiteren Zurückbleiben der Geburtenzahl verbunden sind. Es ist sicherlich sehr verlockend, ein bestimmtes Bevöl’kerungsgebiet herauszugreifen und aus ihm eine spezielle Bevölkerungsgruppe nach statistischen Gesichtspunkten auszuwerten. Allein in dieser Teilbetrachtung liegt eine Gefahr. Denn was hier bei möglicherweise auf Grund bestimmter Momente als charakteristisch für diese Gruppe gedeutet wird, verliert das Typische, wenn man sieht, daß diese Erscheinung, eingereiht in allgemeine Entwicklungsvorgänge, in keiner Weise eine Sonderstellung einnimmt. Eine interessante Tatsache ist die ungleichmäßige Verteilung der Juden in Bayern, die zugunsten der Städte und auf Kosten des flachen Landes vor sich gegangen ist. Der Zeitpunkt ist längst vorbei, der auf diese Erscheinung unser besonderes Augenmerk gelenkt hat. Die Abwanderung zur Stadt ist ein zuverlässiges Symptom eines bevorstehenden Geburtenrückganges geworden und nimmt nicht mehr sonderlich wunder. Oswald Spengler weist in seinem „Untergang des Abendlandes“ an manchen Stellen darauf hin, wie gerade die Entwicklung der Groß- und Weltstädte das folgenschwerste Ereignis unserer .Zeit in dieser Hinsicht geworden ist. Die Abwanderung zur Stadt, mit anderen Worten die Landflucht, ist aber in gleicher Weise in allen Ländern in Erscheinung getreten. Deutschland zeigt von 1871 bis 1925 eine Bevölkerungszunahme der Städte über 100 000 Einwohner von 4,8 auf 26,7 Prozent und eine Abnahme der Landbevölkerung von 63,9 auf 35,6 Prozent. Frankreich hat im reichsten und fruchtbarsten Gebiet, in der Normandie und der Mayonne, eine Bevölkerungsabnahme von 1871 bis 1921 von 22,5 Prozent aufzuweisen. Im Jahre 1912 trafen in Gers auf 100 Geburten 123 Todesfälle. Im ersten Drittel 1927 auf 726 Geburten 1366 Todesfälle. Von Österreich, Irland, England, Schweiz, Italien, Spanien, U. S. A. liegen ähnliche Zahlen vor. Die Abwanderung ist also eine Tatsache, die keineswegs nur lokales Interesse zeigt. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der scheinbare Widerspruch im Geburtenbild der Großstädte, die an sich von Jahr zu Jahr eine immer wachsende Einwohnerzahl aufweisen, im Grunde an absoluter Geburtenzunahme aber mehr und mehr abnehmen. Die Erklärung liefert nach außen hin wohl der Zustrom1 vom Lande; das kausale Moment liegt hier doch tiefer. Korherr schreibt in seiner Abhandlung über den Geburtenrückgang darüber: „Die Weltstadt ist dem Boden abgestorben und keiner inneren Entwicklung mehr fähig. Die Seele der Gotik ist zum Geiste der Zweckmäßigkeit geworden; die Weltstadt ist ganz Geist und Geld. Einst war sie organisch gewachsen, jetzt aber beginnt sie in eine formlose Masse überzuquellen, in eine unbegrenzte Häufung von Steinmassen an Steinmassen .... Diese Städte verkörpern das Symbol der Seelenlosigkeit, der inneren Unfruchtbarkeit.“ Eine Beweisreihe unzähliger Städte wird als Beleg angeführt, begonnen bei Babylon, Teil ei Amarna und beendet mit Paris, London, Berlin, New York. Überall zeigt sich uns das gleiche Bild und1 deshalb besteht bei den bayerischen Juden gar kein Sonderfall1! Trotz eventuellen Widerstrebens darf und kann man sich der Einsicht nicht verschließen, daß im Grunde der Kampf gegen den Geburtenrückgang ein Ringen um Welt- und Lebensanschauung ist. Man ist wohl den Vorwürfen gegen die sonst angewandte Wissenschaftlichkeit der Rassenhygiene preisgegeben, wenn man zugibt, daß hier wirkliche Lösungen, bzw. Umstellungen nur in einer Änderung der Weltanschauung statthaben können. Der Individualismus des 19. Jahrhunderts, der im Individuum das Prinzip des Wertes sah, tendierte bewußt zum Wohlstand des einzelnen und damit zur Geburtenbeschränkung. Nach dem berühmten englischen Volkswirt und Pastor Malthus ist eine Besserung des bestehenden Elends auf der Welt nur durch Kindereinschränkung möglich, was er ausführlich in seinem „Essay on the principle of Population“ 1798 darlegt. Die Malthuslehre beherrschte in bezug auf die Geburtenfrage das Denken des vergangenen Jahrhunderts. Dazu kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Krise im religiösen Leben, die ihren Ausdruck in der Abwendung großer Massen von der Religion, besonders unter den Städtern, fand. Daß dieser Vorgang bei allen Religionen ein- MOTORWAGEN sind in Qualität und Leistung unerreicht. Verkauf durch: Job. Wloklholer & Sohne Mönchen 50 Forstenrieder Straße 53 / Telephon 738 44 Wanderer

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