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Das jüdische Echo · 1929-06-07 · 23 (7.6.1929) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 25 7. Juni 16. Jahrgang Probleme jüdischer Bevölkerungspolitik Der Weg des jüdischen Menschen vom Dorf in die Großstadt Unsere Geschichtsforscher haben sich noch nicht davon überzeugen lassen, daß die Entwicklungstendenzen eines jeden Volkes und damit auch des jüdischen durch den ökonomischen Faktor entscheidend beeinflußt werden (womit keineswegs gesagt sein soll, daß die geistigen, kulturellen, rechtlichen oder demographischen Faktoren keine oder auch nur eine nebensächliche Rolle spielen). Es ist daher auch kein Wunder, daß die Arbeiten ökonomisch-statistischer Natur auf jüdischem Gebiete so selten sind und daß sich allgemein die Ansicht breit gemacht hat, die Geschichte der Juden sei entweder bloß eine Geschichte des jüdischen Geistes oder der jüdischen Leiden. Das Jüdisch-wissenschaftliche Institut in Wilna, welches bisher eine Reihe von wertvollen Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Sprachwissenschaft und jüdischen Folklore publiziert hat, erwirbt sich nunmehr durch die Veröffentlichung der „Schriften für Ökonomik und' Statistik, I. Band“ unter der Redaktion des bekannten jüdischen Wirtschaftswissenschaftlers Jakob Lesczinsky ein um vergängliches Verdienst. Wenn auch von den mehr als dreißig Arbeiten, die zusammen fast 35 Druckbogen umfassen, nicht alle gleichwertig sind; so wird doch niemand, der sich mit Fragen jüdischer Ökonomik beschäftigt, dieses Werk unbeachtet lassen können. Die umfassendste Arbeit des Bandes ist die von Jakob Lesczinsky, deren Ergebnisse im nachfolgenden in Kürze wiedergegeben werden sollen, weil sie eine Reihe von wertvollen Aufklärungen über die Wirtschaftsentwicklung des jüdischen Volkes bieten und weil sie überdies Anregungen geben, die vielleicht auf fruchtbaren Boden fallen und eine Anzahl von ergänzenden Arbeiten hervorrufen werden. Die Arbeit Lesczinkys zerfällt in zwei Teile. Im ersten, kürzeren wird die zahlenmäßige Entwicklung des jüdischen Volkes in den Jahren 1825—1925 sowie die Siedlungsform in dieser Zeitperiode dargestellt. Lesczinsky errechnet, daß sich die Zahl der Juden im Jahre 1925 auf etwa 15 Millionen belief, und daß sie daher gegenüber 1825 sich auf das fünffache erhöht hat. Während im Jahre 1825 von dem Weltjudentum 0,3 Prozent in Amerika lebten, betrug die Zahl der Juden in Amerika im Jahre 1925 bereits 29,5 Prozent des Judentums der ganzen Welt; außerdem konstatiert der Autor, daß sich das Zentrum der Judenheit anhaltend aus den osteuropäischen Staaten nach dem Westen verschiebt. Im Jahre 1880 konnte man in Osteuropa noch 85,7 Prozent aller Juden antreffen, während im Jahre 1925 dortselbst bloß 51,5 Prozent wohnten. Die Siedlungsform in den früheren Jahrzehnten war eine solche, daß das jüdische Element in den Dörfern und' Kleinstädten anzutreffen war, allmählich aber beginnt sich die Tendenz durchzusetzen, daß das Judentum in die großen und schließlich in die größten Städte übersiedelt. In den 14 Städten der ganzen Welt mit mehr als 1 Million Einwohner (in all diesen Städten lebten 1925 etwa 38 Millionen Menschen) hielten sich im selben Jahre 3,5 Millionen Juden auf. Das ist mehr als ein Fünftel der gesamten Judenheit der Welt. Nimmt man jene Städte hinzu, die in den einzelnen Ländern als Großstädte angesehen werden könnten, so leben heute bereits in all diesen Großstädten mehr als drei Viertel der gesamten Judenheit. Daher muß man heute das jüdische Volk als ein Großstadtelement kat exochen bezeichnen. Im zweiten Teil seiner Arbeit sucht Lesczinsky an Hand eines ungemein reichhaltigen Ziffernmateriales die soziale und wirtschaftliche Umschichtung der Judenheit innerhalb der letzten 100 Jahre darzulegen. Wir wollen mit dem Autor nicht darüber rechten, ob die ihm für die ersten Jahrzehnte des behandelten Zeitraumes zugänglichen Daten ausreichen, um die wohl allgemein verbreitete aber nicht unbedingt gültige Behauptung zu erweisen, daß die Juden bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts fast eine einzige Klasse bildeten. Wir glauben vielmehr, und glauben in den bisherigen sowjetistischen Publikationen eine gewisse Unterstützung unserer Ansicht zu finden, daß ein gründliches Studium der in den Archiven noch ungehoben ruhenden statistischen Schätze die gegenteilige Ansicht erweisen könnte. Aber das Ziffernmaterial, welches Lesczinsky für die letzten Jahrzehnte beibringt, ist erschöpfend genug, um die Schlüsse, die daraus vom Autor gezogen werden, zu stützen. In den früheren Jahrzehnten bildeten nach Lesczinsky die Juden einen einzigen Stand, der die Vermittlerrolle zwischen den Höfen des Großgrundbesitzers und denen des Bauern spielte. Der Jude war in dieser Zeit der Pächter, der Schänker und Kleinhändler; 80 Prozent aller berufstätigen Juden waren in diesen Kategorien beschäftigt, die eine heute fast unfaßbare geistige und wirtschaftliche Enge bewirkten, bitterste Not und dauernde wirtschaftliche Krisen hervorriefen, starke Binnenwanderung, aber auch starke Bestrebungen zur Produktivierung des jüdischen Lebens zur Folge hatten. Wie immer früher die Berufsverteilung gewesen sein mag — heute sind, das steht fest, bereits ungefähr 50 Prozent aller Juden in produktiven Berufen tätig. Ihre Zahl hat sich nach den Angaben des Autors gegenüber früheren Zeiten 3—4mal vergrößert. In der Landwirtschaft sind ungefähr 500 000 Juden tätig; von ihrer Lohnarbeit als Handwerker, Arbeiter und Angestellte leben heute etwa 4 Millionen Juden, und zwar in den europäischen Ländern etwa 2 Millionen und 2,2 Millionen in Nordamerika. Noch immer aber läßt sich die für die Zukunft wenig erfreuliche Erscheinung beobachten, daß die Juden hauptsächlich in der Manufaktur und nicht in den Fabriksindustrien tätig sind. So sind in der Metall-, Textil- und Bauindustrie 2—3mal weniger Juden als Nichtjuden

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