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Das jüdische Echo · 1929-05-31 · 22 (31.5.1929) · p. Seite 347

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
Seite 347 (sequence 20)
Language
German
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Literarische Beilage Das hebräische Schulwesen Von Dr. E. Rosenbaum (Warschau) Im Laufe der ganzen jüdischen Geschichte war die hebräische Sprache das vereinigende Band, das die zerstreuten und auseinandergeworfenen Teile des jüdischen Volkes miteinander vereinigte. In ihr fand unsere gesamte kulturelle Schöpfungskraft ihre Form, unsere Gedankenwelt ihren Ausdruck. Seit jeher waren deshalb die Juden bestrebt, die Kenntnis der hebräischen Sprache und der in ihr geschaffenen Kulturwerte zu pflegen und in immer weitere Kreise von Juden zu erweitern. Die gesellschaftliche Stellung eines jeden Juden war in erster Reihe davon bedingt, ob er ein „Talmid Chacham“, ein „Jodea Sefer“ oder ein „Bur und Am Haarez“ war. Der Cheder und die Jeschiwa wurden zum Mittelpunkt des gesamten jüdischen geistigen Lebens und nichts war sehnlicher von jüdischen Eltern erwünscht, als daß ihr Kind ein „Jluj“ werde, d. h. in der Beherrschung und Verarbeitung des ihm zuteil gewordenen hebräischen Wissens sich besonders hervortue. Die großen Umwandlungen in den jüdischen Lebensverhältnissen der letzten Jahrzehnte brachten es aber mit sich, daß die alten Erziehungsanstalten den modernen Juden nicht mehr genügen konnten. Sowohl bei den Eltern wie bei der Jugend machte ein starker Drang zu modernem Wissen bemerkbar. Diese Reaktion bewirkte eine beunruhigende Vernachlässigung der spezifischjüdischen Erziehung und brachte unsere alten bewährten Erziehungsanstalten zum Verfall. Ein Ausweg mußte gefunden werderi. Gleich nach dem Kriege machte man sich deshalb in Osteuropa daran, ein modernes hebräisches Schulwesen zu schaffen. Unter „hebräisches Schulwesen“ ist ein solches Schulwesen zu verstehen, in dem Hebräisch die Lehrsprache sämtlicher Unterrichtsfächer (also auch von Geschichte, Geographie, Mathematik usw.) ist, wobei aber besonderes Gewicht auf die spezifisch jüdischen Lehrgegenstände, wie Bibel, Agada, Mischna, Talmud, jüdische Geschichte und die hebräische Sprache gelegt wird. Dieses Schulwesen erstrebt die gesamte Erziehung vom Kindergarten durch die Volks- und Mittelschule, bis zur Oberschule und die Universität, auf die Basis der hebräischen Kultur zu stellen. In breitem Ausmaße wird auch allerdings die Landessprache und ihre Literatur unterrichtet. Die hebräische Schule strebt zur harmonischen Verbindung der jüdischen Tradition mit allen Kulturwerten der Vergangenheit und Gegenwart unter gleichzeitiger Anwendung modernster Pädagogik, in Anpassung an die Besonderheiten des jüdischen Kindes. Während der alte Cheder unter dem mangelnden Lehrinhalt und den veralteten Unterrichtsmethoden leidet und die Notwendigkeit zu einer zweiten Schule für die sogenannten „weltlichen“ Fächer verursacht, während die sogenannte „jüddischistische“ Schule die vollständige Ausmerzung des Hebräischen sowie aller unserer nationalen Kulturgüter erstrebt und nur in der Pflege der jüdischen Sprache ihre Hauptaufgabe sieht, verfolgt die hebräische Tarbut-Schule das harmonische Bildungsideal des modernen Juden, welcher das Modern-Weltliche und das spezifisch Jüdische zu vereinigen sucht. In Polen, Litauen, Estland, Kurland, Bessarabien, Bulgarien, Tschechoslowakei wurde in den letzten Kriegsjahren mit der Gründung hebräischer Schulen begonnen, in denen heutzutage ungefähr 100 000 Kinder ihre Erziehung genießen. Den ersten Platz nimmt sowohl in bezug auf die Zahl der Anstalten wie auch auf die absolute Zahl der Schüler Polen ein. Die nachstehende Tabelle illustriert die Zahl der Schulen, Klassen und Schüler, sowie der in den Schulen beschäftigten Lehrer in Polen am 1. Januar 1929: Zahl der Schultypus Anstalten Klassen Lehrer Schüler Kindergärten 75 84 83 2083 Grundschulen 165 677 801 20992 Gymnasien 18 121 216 2714 Lehrerseminare 5 15 49 693 Pädagog. Kurse 2 3 4 214 Abendkurse f. Erw. 196 501 204 19226 461 1401 1367 47922 Dieses große Schulnetz, das in unaufhörlichem Wachstum begriffen ist, und bei entsprechenden finanziellen Mitteln im Laufe der nächsten Jahre aufs Doppelte vergrößert werden könnte, wird ausschließlich mit eigenen Geldmitteln ausgehalten. Die Regierung, die für die finanzielle Bemittlung dieser Schulen sorgen sollte, steht ganz beiseite und es ist bis nun, trotz der größten Anstrengungen, nicht gelungen, vom Staate eine nennenswerte Geldzuweisung zu erhalten. Das Budget der hebräischen Schulen in Polen allein (außer den der Abendkurse) hat im vorigen Jahre 5 731 556 Zloty betragen und im laufenden Jahre ist es trotz der weiteren Vergrößerung des Schulnetzes nach großen Reduktionen auf 5 155 670 Zloty herabgesetzt worden. Die polnische Judenheit ist aber infolge ihrer schweren, ja verzweifelten wirtschaftlichen Lage, trotz des tiefen Verständnisses und der großen Sympathie, die sie diesen Schulen entgegenbringt, nicht imstande, allein die Last dieses großen Budgets zu tragen. Wenn man bedenkt, daß die Eltern der Schüler, die in 80 bis 85 Prozent aus Handwerkern, kleinen Kaufleuten, Arbeitern und arbeitender Intelligenz bestehen, im vorigen Schuljahr z. B. 2 691 425 Zloty an Schulgeld eingezahlt und daß die allerorts in Polen bestehenden Abzweigungen der Tarbutorganisation durch Sammelaktion bei den polnischen Juden 1 200 000 Zloty aufgebracht haben, ersieht man leicht, wie groß die Anstrengungen sind, die von den polnischen Juden selbst gemacht werden, um das hebräische Schulwesen aufrecht zu erhalten. Leider genügen aber die in Polen allein aufgebrachten Mittel nicht, um das schon mit so großer Mühe Geschaffene zu erhalten und weiter auszubauen. Die Summe von ungefähr 100 000 Zloty, die an Subventionen von den Magistraten und den noch nicht ganz organisierten jüdischen Gemeinden Polens erteilt werden, mit einberechnet, bleibt ein Defizit von mehr als 1 000 000 Zloty, also ungefähr 110 000 Dollar, das die polnischen Juden mit eigenen Kräften zu dekken nicht imstande sind. Dieser Fehlbetrag wurde bis nun zum Teil vom Joint in Amerika gedeckt, zum Teil dadurch ersetzt, daß man den Lehrern ihre 200 bis 350 Zloty monatlich betragenden

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