Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 348 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 22 Hungerlöhne nur für 9 bzw. 10 Monate im Jahre ausbezahlt hat. Im laufenden Schuljahr hat jedoch der Joint seine Subvention infolge mangelnder Geldmittel beträchtlich (von 24 000 auf 7500 Dollar jährlich) herabgesetzt, wodurch in erster Reihe die Lehrerseminare, an denen der Unterricht fast unentgeltlich erteilt wird und die bis nun von den Joint- Geldern ausgehalten wurden, der ernstesten Gefahr ausgesetzt sind. Dabei ist die Situation in diesem Jahre um so schwieriger, als die fortschreitende Ausstoßung der Juden Polens aus allen bis nun von ihnen innegehabten wirtschaftsichen Positionen, durch die allgemeine wirtschaftliche Krisis potenziert, eine erschreckende Pauperisierung der jüdischen Massen herbeiführt, so daß man mit einer beträchtlichen Einschränkung der bis nun in Polen aufgebrachten Mittel rechnen muß. Das ist die Lage. Nun sollte die Sorge um die hebräische Kulturarbeit, infolge der auch im Osten Europas drohenden Assimilation, die gesamte Judenheit erfassen. Man darf keinen Augenblick die Gefahr vergessen, die unseren hebräischen Kulturgütern, unserer Eigenart und unserem Wesen drohen. Die gesamte Judenheit muß dazu streben, der Erziehung einer jungen Generation zu verhelfen, die ihrem Volkstum, ihrer Kultur und Sprache treu, mit unserer nationalen und historischen Gedankenwelt eng verbunden, unser Leben erneuern und ihm seinen früheren Glanz wiederverleihen soll. Mögen alle, denen die Sache der hebräischen Kultur nahe am Herzen liegt, sich rings um die hebräische Kulturarbeit vereinigen und „Tarbut“ dazu verhelfen, nicht nur das schon Bestehende zu verfestigen, sondern es zu vervollkommnen und weiter auszubauen. Bücher und Zeitschriften Jakob Wassermann: Lebensdienst. Gesammelte Studien, Erfahrungen und Reden aus drei Jahrzehnten. Grethlein & Co., Leipzig, Zürich. Jakob Wassermann, der Dichter und Gestalter, ist ein anderer als Jakob Wassermann der Essayist, ein anderer und doch der gleiche. Malt er uns in seinen Romanen das Bild einer ungeheuren Welt — gleich gewaltig der Kreis der Ideen und Stoffe, die sein Werk umfaßt —, so bemüht er sich in diesen gesammelten Studien und Aufsätzen einzelne Phänomene der geistigen und Erfahrungswelt zu durchleuchten; aber nicht immer gelingt es ihm, so hellsichtig zu sein, wie in seinen Dichtungen: denn allzu oft schiebt sich das Individuum Wassermann mit seinen leidvollen und peinlichen, aber doch individuellen und nicht typischen Erfahrungen vor die Vision und verschüttet ihre Klarheit, hebt ihre Wahrheit auf. Die in dem Band „Lebensdienst“ gesammelten Arbeiten entspringen freilich, wie Wassermann in B. MftRSTftLLER kgl. Hofsattler / München Erzeugnisse unserer Großwerkstätten: Schiffskoffer / Schrankkoffer Autokoffer (D. R. Patent) Menageu. Toilettekoffer FEINE LEDERWAREN Fernruf Nr. 90939 Verkaufsräume Damenstiftstraße 16 der Vorrede sagt, einer 25jährigen opfervollen Hingabe an das Leben; aber da Anlaß und Zweck ihrer Entstehung zu verschieden waren, sind sie auch recht ungleich an Wert. Doch ist man jedenfalls für diese Sammlung dankbar, schon deshalb, weil sie das Gespräch über die Liebe „Faustina“ und den Essay über den Literaten „Mythos und Persönlichkeit“ enthält. Für das, was zum Thema Antisemitismus und Rassenfrage aufgenommen ist, gilt, was oben über die Diskrepanz zwischen dem Gestalter und Betrachter Wassermann gesagt wurde, in besonderem Maße. Es ist eine Anzahl von Briefen, aus denen seine Rede über das Judentum erwachsen ist, gegen die im vorigen Jahr, und aus guten Gründen, die jüdische Welt sich so heftig zu verteidigen hatte. Schade, daß Wassermann seine Bekenntnisschrift: „Mein Weg als Deutscher und Jude“, nicht in die Sammlung mit aufgenommen hat. sie hätte vielleicht doch in mancher Hinsicht einen Ausgleich für die betrübliche Tatsache geboten, daß man nun auch hier wieder, neben den erkenntnisvollen Worten über den Juden als Orientalen jene beleidigenden, gröblichen und ungerechten Worte über die „unglücklicherweise auf Deutschland losgelassenen Scharen halbbarbarischer Ostjuden“ lesen muß — die allerdings nicht diesen, sondern Wassermann selbst Unehre machen. Zu einer anderen Einsicht in diesen Dingen wird Wassermann jedoch wohl kaum mehr kommen; auch er ein Beispiel der unglückseligen seelischen Situation des modernen Westjuden. — Der Verlag hat das Buch gut ausgestattet. I.E. Schalom Asch: Die Mutter, R. Löwit Verlag, Wien. In dem jüngst erschienenen Roman des großen jüdischen Schriftstellers stehen zwei Frauen im Mittelpunkt des Geschehens. Verschieden durch die Entfernung zweier Generationen, durch den Unterschied des Milieus, infolge der Auswanderung aus einem kleinen russischen Städtchen in das Riesen-Ghetto des East-Side von New-York, verschieden durch die Auffassung vom Leben und doch gleich im Erfüllen einer Pflicht: der Pflicht der Mutter. Die Mutter der alten Generation, die alles daran setzt, damit ihr Mann unbeschwert durch die Sorgen des Alltags der Thora leben kann und ihre Kinder nach ihrem Sinne jüdisch werden und die Tochter der ersten Mutter ihrer Berufung nach, die es für ihren höchsten Daseinszweck ansieht, einem hochbegabten jungen Künstler Beschützerin und Führerin zu sein, damit er seinen Idealen leben kann. Beide gleich anspruchslos, gleich groß im Pflichtbewußtsein und in der Entsagung. Mit seinem Humor schildert der Dichter die kleinen Menschen in der Ghettoenge, die Abenteuer, welche für sie jede Berührung mit der „großen Welt“ bedeutet, ihre Träume, ihre kleine Armit, ihren kleinen Reichtum, ihre Feste und ihren von der Maschine des New-Yorker Shop beherrschten Werktag. -e Meine ersten 2000 Jahre. Autobiographie des Ewigen Juden. Der Verlag Paul List, Leipzig, zeigt zwei Amerikaner, J. S. Viereck und P. Eldridge, die das unabweisbare Bedürfnis hatten eine von unverstandener Freudlektüre beeinflußte Geschichtsphilosophie in novellistischer Form vorzutragen und zu solchem Zweck die geschichtliche Entwicklung der letzten 2000 Jahre in eine Anzahl von erotischen Erlebnissen des ewigen Juden aufzulösen, der aber hier als ein sehr galanter junger Mann durch die Jahrhun-