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Das jüdische Echo · 1929-05-31 · 9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 33

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-31
Page
Seite 33 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Komanbeilage des „Jüdischen Echos' 33 mer lächeln; denn die meisten seiner Großväter und Oheime hatten kaum schreiben können, in ihren Niederschriften waren viele Fehler. Gleichzeitig fühlte Mordechai stets, wie die Generationen zu ihm sprachen. Er wußte, daß die Abstammung seiner Mutter eine vornehmere war, daß ihre Familie, wenn sie unter sich war, die Mutter bedauerte, daß sie unter unwissende Menschen geraten war. Die Mutter selbst schweigt wohl, wenn der Vater einmal sagt, Mordechai sei ganz der Großvater, aber dabei macht sie eine Miene, als sagte sie: Das ist auch ein rechtes Glück! Mordechai liebte die Familie der Mutter nicht; er hielt sich von fern ihr, als wären es Fremde, wie ihnen zum Trotz jrühmte er sich stets seiner väterlichen Ahnen; darum suchte und forschte er im Forstbuch, um etwas zu finden, womit er Staat machen könnte. Und es gab gar vieles. Im Forstbuch war verzeichnet, daß Levi Jizchak, als er zu Rabbi Meirl nach Scheps fuhr, bei ihnen im Walde halt gemacht hatte zum Minchagebet. Seine zehn Finger sind bis heute auf der heiligen Lade geblieben. Als der Berditschewer sich vor die Lade stellte, um zu beten, da faßte er sie in seiner großen Inbrunst mit beiden Händen an; sie war aber frisch gestrichen. Diese Fingerspuren wurden seither wie ein Edelstein behütet und es ward darauf geachtet, daß sie nicht verwischt wurden. Und immer, wenn Mordechai krank wurde, führte ihn die Mutter zur Lade, legte seine Hände auf die Fingerspuren des Berditschewer und weinte dabei, erinnerte den Heiligen an ihre Abkunft, an Rabbi Meirl und daran, daß er hier gebetet hatte; Mordechai wurde immer gesund. Mordechai vergaß ganz, wo er war; tief in Gedanken versunken ging er dahin; er schaute seinen eigenen Schatten an und meinte, der Berditschewer wandere von Stadt zu Stadt, hacke Holz für arme Witwen und erhebe sündige Seelen. Es war ein Trost für Mordechai, daß die Christen keinen Berditschewer besaßen. Von den Bauern hatte er wohl gehört, daß auch einer ihrer Heiligen, Paul, ein Bündel auf dem Rücken, über die Straßen wandere. Verirrt sich einmal ein Bauer in einen Sumpf mit seinem schwer beladenen Wagen, so steht Paul plötzlich da wie aus dem Boden gewachsen, hilft dem Bauern den Wagen aus dem Sumpfe ziehen, schmiert die Räder, gibt noch ein Päckchen Tabak darauf und werschwindet. Nicht die Überlegung, nur das Gefühl sagte Mordechai — Gründe hätte er keine dafür anführen können —, daß da kein Vergleich zu ziehen sei. Wie konnte sich Paul mit R. Levi Jizchak messen? Und er bedauerte die Christen. Es tat ihm leid, daß der Berditschewer nicht mehr lebte; er beneidete einen alten Dorfschächter und hatte große Achtung vor ihm, weil er als Knabe den Berditschewer gesehen hatte; es verdroß ihn sehr, daß er nicht zu dieser Zeit geboren war, sondern unter einer so unbedeutenden nüchternen Generation lebte. Es war kein Hader gegen Gott — Mordechai fühlte nur, daß ihn etwas quälte; plötzlich wurde es ihm so bang, daß ihm die Tränen kamen. Tief im Walde zitterte etwas. Mordechai schloß die Augen und horchte. Das Zittern ging über in einen stillen, wehmütigen Gesang ... Der Gesang wurde lauter, stärker, er drang aus jedem Baum, aus jedem Zweig, aus jedem Grashalm und übertönte den stummen Schrei in Mordechais Herz. Er schloß fest die Augen und sah, wie Tausende von Pflanzen, tausende lebender Geschöpfe sich zu ihm zogen, ihn wie Fäden umrankten, wie wohlriechende Düfte umhüllten; und mit einem Male fühlte er jedes Glied in sich singen ... Fern auf dem breiten sandigen Wege gingen Hand in Hand der Berditschewer im Tallis mit dem silbernen Streifen und der Kaiser mit dem Dreispitz. Mordechai beugte tief den Kopf und flüsterte: „Gelobt sei der Herr, der von seiner Größe dem Wesen aus Fleisch und Blut zuteil werden ließ!“ Plötzlich fuhr er zusammen, als wäre er von einem Berge abgestürzt, und öffnete die Augen. Fäden Als Mordechai von weitem das Haus sah, freute er sich im ersten Augenblick wie einer, der schon lange Zeit nicht mehr daheim gewesen. Er ging langsamer und überlegte mehrmals, was er den Eltern sagen sollte. Doch als ihm nichts Rechtes einfiel, blieb er stehen. Er schämte sich heimzugehen und ärgerte sich über sich selbst, daß er sich vor Ärger beinahe das Fleisch aus dem Leibe riß. Endlich beschloß er, noch für eine Weile in den Wald zu gehen und alles klar zu überdenken; aber da merkte er, daß ihn jemand ansah und ihm zulächelte.

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