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Das jüdische Echo · 1929-05-31 · 9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 32

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-31
Page
Seite 32 (sequence 2)
Language
German
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32 Romanheilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 9 Surele erschrack gar sehr, das Herz blieb ihr beinahe stehen. In großem Mitleid mit dem Kranken nahm sie ein Amulett vom Halse, auf dem stand: „Ich, Levi Jizchak, Sohn des Sosje, habe gesagt, daß die Krankheit schwinde“; das wollte sie dem Kranken umhängen, aber sie traute sich nicht recht und hing das Amulett über dem Bette auf. Kaum hatte sie das getan, da öffnete sich die Tür und es wurde hell. Rabbi Levi Jizchak, in einem Tallis bis zu den Füßen, mit breitem, silbernen Rand, trat leise ein, blieb an der Wand zu Häupten des Kranken stehen und aus seinen tränenerfüllten Augen leuchtete eine große Helle! In Schweiß gebadet öffnete der Kranke die Augen und sah sich um. Alles schwankte vor ihm. Wo war er? Wer saß da an seinem Bett? Ach, er ist ja gestern krank geworden! Ist er dem Feinde in die Hände gefallen? Nein, freundliche Leute haben ihn zur Nacht aufgenommen. So lange hat er schon nicht in einem Bett geschlafen — ach, wie warm, wie wohl! „Wie fühlen Sie sich, Monsieur?“ fragte ihn Surele. „Ich danke sehr, Madame, besser, ich will es nie vergessen.“ Die Worte des Generals kamen stammelnd aus seinem Munde; er betrachtete die schwere Wolldecke, unter der er schwitzte wie in einem Dampfbad und lächelte. „Unter einer solchen Decke wäre es selbst in Moskau nicht kalt gewesen. Ich habe mich erkältet, bei Ihnen aber sind auch solche Fröste. A propos, Madame, haben Sie nichts von Napoleon gehört? Wissen Sie nicht, ob er den Krieg gegen Rußland gewonnen hat? Ich bin schon so lange krank ...“ „Gewiß habe ich von ihm gehört,“ antwortete Surele, „man sagt, er sei schon über Moskau hinaus!“ „Wer?“ „Napoleon.“ Der General lächelte bitter und bat Surele, seine Leute zu rufen. Sie hüllten ihn wieder in Pelze und trugen ihn hinaus; als er schon im Schlitten saß, drückte er Surele die Hand, dankte ihr und übergab ihr seine goldene Tabaksdose; auf dem Deckel war sein Bild und seine Unterschrift. Es war Napoleon. So oft der Vater Mordechai diese Geschichte erzählte, endete er immer mit den Worten: „Die Tabaksdose ist ein Vermögen wert, Magnaten haben sie mir abkaufen wollen, aber das Wort der Großmutter ist mehr wert — sie hat verboten, das Kleinod zu verkaufen!“ Mordechai fühlte heimliche Liebe zu dem wunderbaren Mann, er freute sich über seine Siege, trauerte über seinen Fall und bedauerte stets, daß er kein Jude gewesen war. Mit dem Vater stritt er immer und behauptete, Napoleon sei kein Schusterlehrling gewesen, und in der Geschichte von Armilus sei er nicht gemeint, da er nie in Rom geboren wurde. Im tiefsten Innern aber war Mordechai der Ansicht — die er freilich keinem Menschen sagte —, daß Napoleon einen Fehler begangen habe; er hätte sich von seiner Frau nicht scheiden lassen dürfen. Mordechai erinnerte sich, daß er als kleiner Junge den Wald in zwei Armeen eingeteilt hatte. Die Eichen waren Napoleons Armee und die krummen Erlen — der Feind. Er — Napoleon — befehligte die Eichen und Wacek — der Feind — die Erlen. Ein hölzernes Schwert in der Hand, eine Lanze auf der Schulter, ging Mordechai auf Wacek los und fühlte, daß die Eichen ihm nachliefen, mit ihren länglichen Früchten wie mit Kugeln schossen und die Erlen zerschmetterten ... Als er jetzt durch den Wald ging, war Mordechai stolz darauf, daß seine Großmutter mit dem Kaiser gesprochen hatte, daß sein Bild bei ihnen im Hause war und daß auf demselben Wege, auf dem er, Mordechai, jetzt ging, Napoleon gefahren war. Es wurde wärmer. Zu beiden Seiten des Waldweges blinkten die Tropfen, die vom Nachtregen geblieben waren, und leuchteten im Scheine der Sonne wie kleine Regenbogen. Nackte Wurzeln, die aussahen wie das Rückgrat eines abenteuerlichen Tieres, durchschnitten den sandigen Weg und verloren sich zwischen den Bäumen. Mordechai blieb stehen. Langsam fuhr ein Bauer auf seinem Wagen mit Holz dahin. Er war barfuß; mit einer Hand schob er den Wagen, mit der anderen schwang er die Peitsche und trieb die abgearbeiteten, schläfrigen Pferde an, als fürchtete er, sie würden auf dem sandigen Wege nicht mehr vorwärtskommen, wenn sie einmal stehenblieben. Mordechai sah dem Bauern nach, der mit seinem Wagen verschwand. Es wurde noch stiller, noch wärmer als vorher, er schloß die Augen und ging weiter. Im Forstbuch, das mehr als hundert Jahre alt war, war verzeichnet, wann einer geboren wurde und wann er starb. Mordechai blätterte gerne im Forstbuch und betrachtete die einzelnen Handschriften. Dabei mußte er im-

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