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Das jüdische Echo · 1929-05-31 · 9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 34

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (31.5.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-05-31
Page
Seite 34 (sequence 4)
Language
German
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34 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 Brajne stand beim Küchenfenster und scheuerte einen Topf mit einem Strohbündel. Mordechai wurde verlegen und entschloß sich, sofort hineinzugehen. In ihrer großen Freude hörte Brajne mit dem Scheuern des Topfes auf; sie suchte einen Platz, wo sie ihn wegstellen konnte, richtete ihr Kopftuch zurecht und hinterließ dabei auf Stirn und Schläfen einige Rußflecke. Atemlos lief sie zu Dwojrele, den Topf noch immer in den Händen: „Frau, er kommt! Motele kommt!“ Dwojrele war gerade mitten im Gebet und wollte nicht sprechen; so fragte sie Brajne mit Gebärden und Lauten: „Hm — hm, nu?“ Sie merkte, daß Brajne nicht verstand, was sie meinte, und erregt brach sie los: „Nicht einmal beten kann ich ruhig! So, jetzt habe ich wegen des Bengels auch noch eine Sünde begangen!“ Bald aber wurde ihr Ton weicher: „Wo ist er? Wo, sagst du, ist er?“ „Da geht er!“ Brajne wies auf das Fenster. „Brajne, erinnere ihn um Gottes willen mit keinem Wort an das, was geschehen ist! Du weißt ja, er ist ein Starrkopf! Wozu unnütze Reden verschwenden, da helfen ja keine Vorwürfe!“ „Warum soll ich ihm Vorwürfe machen?“ Brajne lächelte beleidigt. „Er hat ja unberufen eine Mutter, hundertundzwanzig Jahre möge sie leben.“ Mordechai trat leise ein, blieb einen Augenblick bei der Türe stehen und schaute sich im Kreise um, gewissermaßen um festzustellen, was für einen Eindruck sein Kommen machte. Er merkte, daß die Mutter die Arme verschränkte, die Lippen aufeinanderpreßte und ihm mit dem Kopfe zunickte, als weinte sie über ihn. Da lächelte er und trat zum Tisch: „Guten Morgen, Mutter!“ Dwojrele antwortete nicht; sie weinte leise und ihre Schultern zitterten; Brajne, welche die ganze Zeit in einem Winkel gestanden hatte, merkte erst jetzt, daß sie noch immer den Topf in der Hand hielt; sie stellte ihn auf den Boden und fuhr mit der Schürze über die Augen. Mordechai fühlte sich schuldig; er wollte die Mutter um Verzeihung bitten, aber er schämte sich, und vor Ärger zerknitterte er die Blätter des offenen Gebetbuches: „Ich weiß wirklich nicht, warum Ihr über mich weint.“ „Natürlich, die Mutter hat allen Grund sich zu freuen: sie hat ja soviel Freude von dir,“ konnte Brajne sich nicht zurückhalten, fuhr sich über die Nase und hinterließ damit Rußflecke auf dem ganzen Gesicht. Mordechai sah, daß die Mutter Brajne zu- - winkte, sie möge schweigen. Als er das rußige Gesicht der Magd erblickte, vergaß er alle Traurigkeit und lachte laut auf: „Was soll das bedeuten, Brajne? Wo habt Ihr Euch so eingeschmiert? Der richtige Rauchfangkehrer.“ Brajne schämte sich und richtete ihre Augen auf die Nase, um sich zu überzeugen, daß Mordechai keinen Spaß mit ihr trieb; da sah sie ihre rußigen Hände, streckte sie der Herrin hin, gewissermaßen um sich damit zu entschuldigen, nahm den Topf und lief mit einem schüchternen Lächeln hinaus. „Nun, bei all dem Unglück gibt es noch zu lachen!“ sagte Dwojrele wie zu sich selbst, fuhr sich über die Augen und trat auf den Sohn zu: „Hör’ zu, Mordechai. Der Vater hat gesagt, ich möge dich zu ihm schicken, er will mit dir sprechen.“ „Wo ist er, wo ist der Vater?“ fragte Mordechai und wollte hinausgehen. „Wart’ noch ein wenig“, sagte Dwojrele leise, sah sich um, ob keiner zuhörte und schloß die Tür, die in die Küche führte. „Hör* zu, ich habe an dich eine Bitte ...“ Dwojrele faßte den Sohn bei der Hand. „Motele, ich habe ja nur dich, schau, tu’ mir keine Schande an, hab’ Mitleid mit deiner armen Mutter ...“ Sie konnte nicht weiter und schluchzte wie ein Kind. Mordechai fühlte Tränen in den Augen; er setzte die Mutter sanft nieder, küßte ihr die Hand und versprach ihr alles, um sie nur zu beruhigen. „Hör’ zu“ — Dwojrele wischte sich wieder die Augen —, ich habe wohl dem Vater versprochen, dir gar nichts zu sagen, aber ich kann mir nicht helfen, das Herz tut mir weh.“ Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Wir haben beschlossen, daß du mit Reb Itsche nach Kozk fährst — so Gott will, werdet ihr morgen reisen ...“ „Ich will alles für euch tun,“ stammelte Mordechai, „aber ...“ „Was aber?“ Mordechai wurde verlegen und vermied es, der Mutter in die Augen zu schauen: „Ich wünsche, daß ihr den Pächter nicht wegschicket!“ „Aber was fällt dir ein? Niemand denkt daran, ihn wegzuschicken!“ (Fortsetzung folgt)

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